Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 19 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Sewst-Gmancipalion. Seite 3 gcwinnung des gelobten Landes und die Erlösung ihres, seit Jahrtausenden unstet und flüchtig hernmirrenden Volkes ain Herzen liegt. Da gibt es min kein anderes Mittel, als die Hand fest ans den nach Genicinden abgctheilten und genossenschaftlich bewirthschaftetcu Grundbesitz zil behalten, und es demselben möglich zu machen, unter Präciser Beachtung eines billigen Tilgungsplanes nach einer Reihe von 50 bis 60 Jahren in den freien, aber nngetheiltcn Besitz der Colonie mit allen ihren Znbchörungen zu gelangen. Die Zähigkeit des israelitischen Volksstammes, der seit Jahrtausenden trotz aller Bedrückung die Tugenden der Enthaltsamkeit und Ausdauer zn bewahren wußte, wie die anerkannte Opferwilligkeit, leistungsfähiger Glaubensgenossen bürgen dafür, daß der ans sittlicher Basis fnndamentirte Colvnisationszweck gelingen muß, und in der hier beantragten Art-und Weise auch die Billigung der maßgebenden hohen Pforte erlangen wird.. Schließlich empfehlen wir noch die Heranbildung eines tüchtigen, culturtechnischen Personales, dem die erste und wichtigste Ausgabe der technischen Vorarbeiten für die Colonisation znsällt. Porr der Theorie zur Pravis ). Bon Fabius Schach. (Fortsetzung). II. Gründung von jüdischen Gesang- und Turnvereinen. Dieser Punkt hängt mit dem ersten noch zusammen und ich halte auch ihn für wichtig. Denn die Pflege einer specifisch jüdischen Geselligkeit wirkt stets fördernd aus die Entwickelung unserer Bestrebungen. Die ursprüngliche jüdische Lebensanschauung war eine rein optimistische, ich möchte beinahe sagen, utilitarischc. Der Glaube an das Gute und Edle im Menschen, das Streben nach Glück und Freude war den alten Juden eigeil. Diese Lebensauffassung wurde später im Laufe der Leidensgeschichte durch die pessimistische, asrctische verdrängt. Und wahrlich diese Erscheinung trug nicht wenig dazu bei, den Juden zu eutmnthigen und zu entnerven, ihn an Resignation zu gewöhnen. Der Jude verlernte allmählich, seiner Selbsthilfe zu vertrauen, legte die Hände in den Schoß und erwartete seine Erlösung nur auf übernatürlichem Wege, als Geschenk von Gottes Hand. Wir Nationaljuden, die wir an die alte glorreiche Geschichte Israels anknüpfen, müssen auch die alte gesunde optimistische Lebcnsanschanung wieder zur Geltung bringen und dazu sind die Geselligkeitsvereine sehr gut geeignet. . Nun cxistiren allerdings viele solcher jüdischer Vereine aber — sie sind leider llichts weniger als jüdisch. Ich kenne Gesangsvereinc in Berlin, die ausschließlich ans Juden bestehen und sich deinuoch alle Mühe geben, nicht jüdisch zu sein. Ja, sie leisten sich oft den Luxus, einen „Renommirgoj" gegen Freibier zn halten, der perfecter mauschelt, als die jüdischen Mitglieder selbst; der Name des Vereines aber ist griechisch und ein jüdisches Lied darf niemals gesungen rverdcn, es sei denn, tvenn es das jüdische Leben carrikirt. Es gibt jüdische Vergnügungsvereine in Berlin, die an ihren sogenannten Herrenabenden an Zotigleit und an Chnismus die christlichen weit übertreffen und an welchen die Herren jüdischen Germanen, da cs doch zu abgeschmackt märe, über die Juden überhaupt zn spotten, cs sich nicht nehmen lassen, wenigstens den polnischen Inden zum Object aller häßlichen, dummen und gemeinen Witze;u machen. Von solchen Vereinen ist nicht viel zu erwarten. Da ist es eben unsere Aufgabe, Gesang- und Gemüthlichkcitsvereine in jüdischem Geiste und mit jüdischem Charakter zu gründen. Dort soll ein jüdisches Leben herrschen, sollen jüdische Lieder gesungen *) Vortrag gehalten am l>. Jnni 1893 im Vereine „Jung-Jsracl" n B erlin. und jüdische Sitten gepflegt werden, so daß die Mitglieder allmählich lernen, das jüdische Wesen begreifen und das Nationaljudenthuin verstehen. Das ist auch nicht schwer, denn wer das Vereinswesen kennt, der weiß wohl, daß zwei vernünftige Mitglieder einen ganzen Verein beherrschen und in ihrem Sinne leiten können. In solchen Vereinen haben wir auch die beste Gelegenheit, die jüdischen Töchter zu beeinflussen und sie für das jüdische Leben zu erziehen. Gin jüdisches junges Mädchen zeigt nicht immer Interesse genug für einen wissenschaftlichen Vortrag, kommt aber gern in einen jüdischen Gesangverein, besucht gern ein jüdisches Tanzkränzchen, namentlich wo Hciratscandidaten vorhanden sind, und es lernt uns allniählich durch Gespräch und Umgang in unserem Wollen und Streben kennen und gewinnt ein Verstündniß dafür. Daß dieses nothwendig ist, das versteht sich von selbst; denn diese Mädchen sollen ja nachher Mütter und Erzieherinnen der künftigen Generation werden. Wie kann man aber erziehen, wenn man nicht selbst erzogen ist? Wie soll eine Frau die zarten Kinder jüdisch fühlen lehren, wenn sie selbst nicht jüdisch fühlt? Wenn man mir sagt, die Frauen gehören in unser Programm nicht hinein, so erwidere ich, daß es doch eine verrückte Welt sein müsse, in der die Männer jüdischnational und die Frauen assimilatorisch gesinnt sind. Diese Turn-, Gesang- und Gcselligkeitsvereine können in solck'en Städten, wo die Nationalgesinnten in großer Anzahl sind, von vornherein mit ausgeprügteiir jüdischnationalen Charakter begründet werden. Hier wäre die Stätte, wo die Makkabäertugenden gepflegt werden, wo jüdischer Sang erklingt und jüdischer Muth steigt, hier wäre der Centralpunkr, von wo aus die Begeisterung für das große Werk der geistigen und politischen Wieüeraufrichtung Israels ausgeht In solchen Städten aber, wo die Nationalidee noch keine vielen Anhänger hat, würde es sich empfehlen, vorläufig unter unparteiischer Flagge zn segeln und nur den jüdischen Charakter zu betonen, um gemeinsam mit andersgesinnten Stammesgenossen Vorgehen zn können. Die Leitung aber inuß unbedingt in bewährten Händen liegen. An der Spitze müsse» berufene Leute stehen, die den Entwickelungsgang der Vereine überwachen und zur richtigen Zeit organisatorisch eingreiseu. III. Gründung von hebräischen Sprcch- und Lchrzirkeln. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich beweisen, wie wichtig die hebräische Sprache für die Entwickelung der Nationalidec und ihre Zukunft ist. Sie ist eben die einzige Sprache, durch die wir einen tiefen Einblick in die jüdische Vergangenheit gewinnen, durch die mir uns in unser historisches Leben versenken können. Sie ist anch die einzige Sprache, in der wir in der Gegenwart mit den Stammesgenossen aller Länder verkehren können, lind das Hebräische ist schließlich die einzige Sprache, die wir uns als Nationalsprache für die Zukunft denken. Nun handelt es sich aber für uns nicht darum, gelehrte Abhandlungen über Grammatik zu schreiben und scharssinnige exegetische Studien zu machen. Dies überlasten wir neidlos den neuen Rabbinern und alten Professoren. Für uns ist die hebräische Sprache eine lebende Cultur- und Literatursprache, die wir als solche fördern, verbreiten und znm Gemeingut des ganzen jüdischen Volkes machen wollen. Daß es möglich ist, die hebräische Sprache sortzubilden und sie mündlich und schriftlich geschickt zu handhaben das beweist das jüdische Leben in Rußland und Galizien, das beweisen die hebräischen Vereine, das beweist die ganze neuhebrüische Literatur, das sind Thatiachen, die nur derjenige zn ignoriren vermag, der mit verbundenen Augen in der Welt umhergeht, der die Erscheinungen des Culturlebens nicht kennt und versteht.