Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 19 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3092672-3092696-3092715--1218-3094247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Kewst-Grnancipakion. Nr. 19 Sie erweitert den Blick und schwillt das Herz zugleich. Freilich wird derjenige, der sich immer mehr in sic cinlebt, das Verlangen nach mehr, nach weiterer Kunde vo.n seinem jüdischen Volksthum nicht unterdrücken können. Umso besser, wenn er auch Zeit findet, in den Schächten der jüdischen Literatur nach Schätzen zu graben, und die innerste Seele "Israels, dessen wunderbare, uralte und ewig junge hebräische Sprache tönen zu hören; wenn er weit hinausgcht über jene, hierzulande bestehende, cntnatlonalisircndc und entsittlichende Gepflogenheit, von der Sprache Jesajas nur die Buchstaben, zu unverstandenen Gebeten gruppirt, zu kennen. Dann ist er gegen alle Verlockungen fremden Volksthums und unklaren Weltbürgrrthums dreifach gepanzert. Darum dürfen wir Zionisten die Makkabäer-Feier nicht blvs durch Reden begehen; wir müssen vielmehr trachten, der Worte flüchtigen Sieg durch dauernde Einrichtungen auszunützen. In den Makkabäertagen war's das Schwert, welches die Befreiung brachte. Davon ist heute nicht die Rede. Aber die Begeisterung, welche damals das Schwert führte, muß wieder vorhanden sein, um die Thätigkeit der Zionisten znm Erfolge zu geleiten. .Diese Begeisterung darf keine kurzlebige Flamme sein, wie sie oft durch begeisternde Worte entzündet wird, sie muß dauernd brennen, genährt aus einer iinversicglichen Quelle von Verständnis; des Judcnthums. Dieses, das Vcrständniß des Judcnthums laßt uns den jüdischen Volksmassen vermitteln! Dazu aber können uns. nur Verein dienen, durch welche jüdische Geschichte, jüdische Literatur und hebräische Sprache gepflegt werden, und die sonst so eingerichtet sind, dass sic auf die Blasien eine Anziehung ausüben. Au die Einrichtung solcher Vereine dürfen unsere Gesinnungsgenossen an keinem Orte vergessen. Diese Vereine sind die besten Bahnebner der Zionsidec, welche ja nur in den seltensten Fällen durch die Macht der Logik allein siegt, sondern meistens da, wo ein bestimmter. Erzichungsgang, eine bestimmte Empfindungsart vorhanden sind, fruchtbaren Boden trifft. Ohne solchen Verein fehlt der zionistischen Bewegung eben die Glnth. welche sie flüssiig erhält; ohne solche Vereine kann sie leicht in Erstarrung gcrathcn und zu einer eisenharten Geldcasse für Palästina-Coloiiisation iverden, wobei aber obendrein die Geldstücke immer spärlicher fließen werden. Noch nie ist ein üppiger Garten auf trockenem Felsbodcn emporgcblüht und nimmer tvird der Garten der Freiheit einem Volke ersprießcn, dessen Seele trocken und dürr, seinem eigenen Volksthnm fremd geblieben ist. Jeder verständnißinnige Zionist darf sich .solchen Erwägungen nicht verschließen und darum muß überall dort, wo cs noch keine Vereine für Pflege des jüschen Geistes gibt, an die Gründung solcher geschritten werden; dort aber, wo'soche Vereine schon bestehen, darf kein Gesinnungsgenosse versäumen, bcizutreten, wenn er nicht den berechtigten Vorwurf auf sich laden will, eine enge, mechanische Auffassung vom Zionismus zu besitzen. „Nicht durch Macht, nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist." __ B. Gin Keilimg;nr corrrcten Lösung -er CoLonisationsfrage in Nalastirm.*) Mit großem Interesse liest man die Berichte über die Colonisationsbestrebuiigcn in Palästina und muß man zur dauernden Förderung dieser Bestrebungen, wie znm wahren Wohlc der Colonicn und ihrer Angehörigen nur wünschen, *) Obigen Aufsatz sandte uns Herr Oekouomicrath C l a s s e n in Anöbach (Bayern). Die Nathschläge dieses ausgezeichneten LandivirtheS und Freundes der Colonisation PaiästinaS durch Jude» verdienen besondere Beachtung seitens bir Männer, welche das praktische Cvlenisationsiverk leiten. Die Redactiou. daß bezüglich der Vcsitzergrcifung und Vewirthschastnng der zur Verfügung gestellten Ländereien all' die Klippen sorgfältig vermieden lverden, au welchen die gesammte bäuerliche Existenz der übrigen civilisirten Welt zu scheitern droht. Zunächst muß die planlose Zerstückelung des Grund und Bodens sorgfältig hinrangehalten werden. Alan werfe nur einen scharfen Blick ans die Flnrkarte einer deutschen Landgemeinde. Jede Gemarkung zerfällt in tausende von kleinen Parcellcn, die bunt und in den unregelmäßigsten Formen durcheinander liegen.. Namentlich fehlt es an den nöthigen Weganlagen, welchen Mangel die ebenso ' mangelhafte Dreifelderwirthschaftund der damit verbundene Flnrzwang bedingt und eine rationelle und freie Bewirthschaftung völlig unmöglich macht. Ein tveiterer großer Mangel besteht in dem privaten Charakter der kleinen Flüsse und Bäche, welche die Fluren durchziehen und zmn Eigcnthum der angrenzenden Feld- und Wicsenbesitzer gehören. Jeder thut und läßt an diesen Wasferläuscn, was ihm gefüllt, und sind kostspielige Streitigkeiten hierüber an d-r Tagesordnung. Wohl ist in unseren Wasicrgesetzen die genossenschaftliche Verbesserung und Unterhaltung dieser privaten Gewässer und deren Benützung vorgesehen; allein cs fehlt durchwegs trotz der staatlichen Sorgfalt für Volkscrziehnng und Volksbildung an dem nöthigen Gcnossenschaftssinnc. Man darf sich deshalb nicht wunder», daß in Anbetracht all' der von der Zerstückelung des Grnndeigenthumes herrührcndcn Culturhiiidcrnisse der Landwirthschaftsbetricb mehr und mehr erschwert und unrentabel wird, wie ja die Klagen aus aller Herren Länder nur zu deutlich erkennen lassen. Will man nicht demselben Schicksale in Palästina verfallen, so hüte man sich vor allem vor der Güterzerstückelung, sondern bewirthschaste die zugetheilten, in wenige große Schlüge zerlegten Fluren g e n o s s e n s ch a f t l i ch, beziehungsweise im Geweindedienste. Insbesondere lege man den Hanptwerth ans eine rationelle W a s s c r w i r t h s ch a f t. basirt auf einem geregelten Wasscrha u s h a l t, der uns gegen Hochwassergefahren, wie gegen Wassermangel, also gegen Nässe wie gegen Dürre, genügend schützt und ohne gegenseitige Beeinträchtigung für Land-!v l r t h s ch a f t, I n d u st r i c und Verkehr eine allgemeine Benützung des Wassers gestattet. P a l ä st i n a ist nach den ältesten geschichtlichen Nachweisen sehr wassericich und bietet das weite Einzugsgebiet des Jordans mit seinen vielen Zuflüssen die beste Gelegenheit zu den hier beantragten wasserwirthschaftlichen Anlagen, welche zur Sicherung der genossenschaftlichen Colonisationsbestrebnngcn unbedingt nöthig sind, aber auch in kürzester Zeit von dem höchsten Erfolge begleitet sein werden. Wohl werden sich manche Stimmen gegen eine derartige Behandlung und Lösung der Agrarfrage erheben, allein wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten die einschlägige Gesetzgebung zum Zwecke der besseren Arrondirnng des zerstückelken Grundbesitzes, der Anlage von Feldwegen, überhaupt der sogenannten Flnrvereinignng zu kämpfen hat, wie erfolglos die Bemühungen sind, der entsittlichenden Güterschlächterci ans gesetzlichem Wege vorzubcngen, dem amerikanischen Heimstältcn-Gcsctz Eingang zu verschaffen, um der ländlichen Verarmung wirksam Schranken zu setzen, so muß man sich unbedingt mit dem Gedanken befreunden, die zionistischen Colonisationsbestrebnngen nur unter der Bedingung der Schaffung und Erhaltung des nngetheilten und genossenschaftlich rationell zu bewirthschaftcnden Gemeindebesitzes zu unterstützen. Die wenigsten Colonisten werden die nöthigen Milt zum Ankäufe und zum Betriebe mitbringen, vielmehr' a die nachhaltige Unterstützung ihrer mit Glücksgütern gese . «eien Stammesgenosien angewiesen sein, denen die Wiede