Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 18 (15.11.1893)
- Date
- 1893-11-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Sewst-EmancipaLion. Nr. 18 war aus Deutschland ein lieber Gast gekommen, Herr I M. M ö s e s aus Kattowitz. Ihr Fernbleiben hatten ° die Herren Dr. S. N. Landau (Wien); Jul. Kraus (Prag); Advocat Dr. B. K o r u h ä n s e r (Przemysl); Osias Schauer (Brody, Galizien); Rabbiner Simon Schapira (Nadantz, Bukowina) in Briefen und Tclegramnien, worin sie auch ihre Glückwünsche übermittelten, entschuldigt. Ebenso war ein Gratulationstclegramm, von Herrn Rüben B rai n in, hebräischem Schriftsteller in Wien, eingelangt. Die Verhandlungen währten mit zweistündiger Mittagsunterbrechung von 10 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends. Ten Vorsitz führte über Wahl der Erschienenen Herr Dr. Nathan B i r n b a u nt,- gegen Schluß der , Vcrathnngen Herr Dr. A. Salz. Die Schriftführung besorgten Herr Schwager und Herr Ehrenpreis. Die Debatte gestaltete sich äußerst lebhaft und betheiligten sich sämmtliche Versammelte an derselben. Wegen Raummangels können wir leider nicht die verschiedenen Erörterungen-und Auseinandersetzungen wiedergebe», sondern müssen uns begnügen, die Beschlüsse selbst, soweit dieselben für die Oeffentlichkeit bestimmt wurden, unseren Lesern mitzutheilen. I. Organisation der österreichischen Zionisten. ^) Grundprincipicn: 1. Die jüdisch nationale Partei Oesterreichs führt den Namen „die . österreichische zionistische Partei". 2. Die österreichische zionistische Partei erstrebt die Wiedergeburt der jüdischen Nation mit dem Endziel , -der Wiederherstellung des jüdischen Gemeinwesens : in Palästina. 3. Die österreichische zionistische Partei erachtet aber gelegt sind; es ist für uns gleichgiltig, was Ursache, was' Wirkung ist; das Factum bleibt bestehen: Ordnung und Reinlichkeit — heißt Cultur, Europa; Schmutz und Unordnmig — Asien, Barbarei.*) Es ist für die hohe Culturfähigkeit des Judenthums charakteristisch, wie nachdrücklich im mosaischen Gesetze die.physische Reinheit des Volkes, als Vorbedingung des geistigen Heils gefordert wird. Die Neinlichkeitsgesctze bilden einen der wichtigsten Bestaiidtheile des mosaischen Gesetzes. Das Volk, das nach diesem Gesetze lebte, war das reinste Volk seiner Zeit, und vielleicht auch nicht nur seiner Zeit -Von tiefem Verstiindniß für diese Bedeutung der Rcinheitsgesetze zeugt das große talmudische Wort: „Unreinheit ist die Thüre zum Götzendienst". Unterallen tragischen Wirkungen des europäischen Golns ist weniges tragischer als die Verirandlnng die die äußeren Lebcnsgewohnheiten unseres Volkes durchmachtcn. —Derjenige, für den die Bibel kein todtes Buch ist, vor dessen geistigem Auge die biblischen Schilderungen des antiken jüdischen Lebens Gestalt und Bewegung erhalte», für den athmen die biblischen Bilder die edelste erhabenste Reinheit. Der Weg von diesem Schauplätze der classischen Epoche unserer Geschichte bis zu den von-Schmutz strotzenden Ghettolündern Galizien und Westrußland, vom Jerusalem Salomo's und *) Der geistvolle Reisebeschreiber hat sich da, wie es scheint, doch zn s'hr iion einer Phrase des europäischen Culttirdünkels imponiren laßen. Asien ist ei» weiter Begriff, ein viel Weiterer noch als Europa. Ostasicn ist etwas ganz unendlich Anderes als Westasicn. Mongolen u Semiten stehen hiunnelweit von einander ab. Der Schmutz der heutigen islamiti'chen Welt ist nicht ihrem Slsicrthum zuzuschreibcn weil diese Welt durch Jahrtausende-rein war; ihre Uncultur ist keine astatische, sondern einfach >vic die des Ghetto eine Folge politische», nationalcn und wirthschastlichcn Verfalls nach einer großartigen Cultur. Wir Inden soll!cn uns also dieser mißbräuchlichen Ausdrnckswcise ebensowenig bedienen als des Wortes, „christliche" Liebe. Die Redaction. auch als ihre Pflicht, die politischen, socialen und ökonomischen Interessen der Juden in Oesterreich zu wahren. 8) P a r t e i l e i t u n g: 1. Die Partei wird geleitetet: rr)von dem jährlich abznhaltenden P a rte i tage u. h) vom Exe cntiv com i 1 e. 2. Eine jede Localgruppe hat 'einen oder mehrere Vertrauensmänner zu wählen, welche am Parteitage Theil nehmen. 3. Der Parteitag wählt alljährlich ein Exccutiv-Comitc mit dem Sitze in Wien. 0.) Constituirung: In das d i e s j ü h rig e E xec nt ivcom itv werden gewählt, die Herren: Dr. Nathan Birnbaum als Vorsitzender, Dr. Abraham Salz (Tarnolv), Dr. Jacob Ko h it (Wien), Dr. D. H eschcles (Lemberg), Cantor M. Friedmann (H o r a z d o iv i tz) und Professor D. M ader (Czernowitz). Das Executiveomitä besitzt das Recht der C v v p t a t i o ii. II* * Agitationsmittel. 1. Es ist ein österreichischer politischer Verein der Zionisten mit dem Rechte der Abhaltung von Wandcrversammlungen zu gründen. Die Durchführung wird dem Executivcomito anfgetragcn/ 2..Bei .abznhaltenden Volksversammlungen ' sind Resolutionen zu fassen: a) Abschaffung des jetzt in Oesterreich herrschenden Zunftwesens. b) Stellungnahme gegen den uumerus clausus. e) Abschaffung der obligatorischen Sonntagsruhe für Juden. 3. Bezüglich der projectirten Wahlreforck sind: dem Ackerfclde Ruths bis zu deu engeu, schmutzigen Straße» vou Brody und Berditschew, — das ist die wahre via ckolorosa Israels. Wehe uns, wenn wir bei der Rückkehr nach Palästina, dieses schrecklichste Gift des Golns, seinen Schmutz, in das Land unserer Zukunft'mit uns bringen. Zurück — zu deu Ideale» Alt-Israels — heißt es auch in dieser Frage, wie in allen modernen Lebensfragen unseres Volkes. Wir wollen aufhören, das Zerrbild' emes Volkes zu sein; Würde und Selbstachtung sollen die Grundsteine unseres neuen nationalen Baues sein; und zur. Würde und Selbstachtung gehören Ordnung und Reinlichkeit, ivie Luft zum Leben gehört. Mögen d Bosheit und Unverstand unsere zionistischen Zwecke nach Belieben mißdeuten. •—wir wissen, wozu wir nach Palästina gehen; es ist kein Chauvinismus kein enger ansschlicßcnder Nationalismus, der uns dorthin treibt; ivas andere freie Völker aus Uebermuth, aus sinnloser Ueberhcbnng thnn, thun wir der eisernen Noth, dem Selbsterhaltungstrieb gehorchend. Wir wollen leben, leben als Velk, schaffend, mit anderen wetteifernd im großen Wettstreite, der Menschheit, das ist unser einziges Wollen und unser einziges Vergehen. So haben es die ersten Zionisten — Jesaias und Jeremias — verstanden; so verstehen es die Zionisten von heute. Mit der Prophezeiung der Rückkehr der Zerstreuten und Gefangenen nach Palästina verbanden immer diese großen Seher die - Weißsagung von einer neuen Epoche für die Geschichte der Menschheit, vom goldenen Zeitalter' des Friedens, des Rechts, der Wahrheit. Auch wir leben der Hoffnung, daß vom Israel der Zukunft für die Cultur der Menschheit Großes zu erwarten ist. Es liegt keine Ucberhebnng in dieser. Hoffnung; es sind nicht Lriinen des Schöpfers, die die Verschiedenheit der Racen und Nationen schufen; zur vollen Entwicklung der Menschheit gehört die Entfaltung aller Kräfte jeder Nation,