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Selbst-Emancipation · 1893-11-15 · Heft 18 (15.11.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 18 (15.11.1893)
Date
1893-11-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 §ewst-Grnancipation. Wir kämpfen für das Wohl von Millionen unglücklicher Brüder mit einem Idealismus, für den freilich ein verknöcherter „Gelehrter" keinen Sinn hat. Auch behaupten wir gar nicht, daß unser Gedanke etwas originelles ist; der Zionismus ist ebenso alt wie die Diaspora. Jehuda H alev i und Montefiore, das waren die zwei großen Pole der steten Renaissance-Bestrebungen und dazwischen Josef v. Naxos, Samuel llsqne, Jacob Berab-u. A., auch Leute, von denen dem „Slavisten" Dr. Krauß wahrscheinlich kaum die Namen bekannt sein dürften. Wie viel Noth hat unser Verein schon gelindert, wie vielen Glaubensgenossen zur Existenz verholfeu, in dem Lande ihrer Väter, wo ihnen die Möglichkeit geboten wird, Ackerbau zu treibep, und sich dabei intellektuell und culturell zu heben! Herr Dr. Krauß will lieber seine „Glaubensgenossen" als peäälors in jenem weiten, zwei Wochen ent-, fcrnten Lande sehen, wo sie in diesem großen Menschenmeere in schwerein Kampfe nm das thierische Dasein ihrem Volksthumc .und ihrer Religion verloren gehen. — Ein Urtheil über das Vorgehen des Sccretärs der „Israel. Allianz" zu fallen, überlassen wir getrost einem jeden Juden. So hätte nicht einmal der grimmigste Judenfeind schreiben können, und es ist wirklich eine Ironie des Schicksals, daß diese Expectorationen gerade in dem Organe zur Bekämpfung des Antisemitismus zum Besten gegeben worb en sind. Und er muß wohl, der Herr Dr. Krauß, selbst die Grundlosigkeit und Verschwommenheit seiner „sachlichen" Argumente eingesehen haben, wenn er sich hauptsächlich aufs persönliche Gebiet verlegt und Personen, denen er seit jeher nicht gut ist, schon deshalb, weil sie ihn an Wissen und Talent weit überragen, in so niedriger, unschöner Weise überfüllt. Die Zionisten haben keine Führer, also auch keine selbstbestellten Führer; sie sind alle Soldaten, selbstlose Kämpfer im Dienste ihres bedrängten Volkes, dessen Glück und Wohl- Empfindung habe, als ob sie in's Höllenfeuer gehen müsse und daß ihr einziger Spaziergang die Dachterrasse ist mit dem Ausblick auf das unzugängliche Meer und die unzugänglichen Gürten, — so waren wir nahe daran, Thrünen des Mitleids über die märchenhafte gefangene Schönheit zu vergießen, und Thrünen der Entrüstung über die böswilligen und kopflosen Menschen, die Gottes Paradies in eine Hölle verwandeln. Doch — genug des Schwarzen. Der Geist des neuen Zeitalters, das nach Luft, Licht und Freiheit ringt, scheint auch über Jaffa gekommen zu sein. Die neueren Stadttheilc tragen schon ein modernes Gepräge. Im Norden der Stadt entsteht eine größere Hänsergrnppe, die sich frisch und frei am schönen, sandigen Meeresnfer gelagert hat; hier hat uian Alles, was das Leben am Meere so schön, so reizend macht: die reine, belebende Seeluft; den breiten nnermcßlichen Ausblick auf das schönste Werk des Schöpfers — das Meer, den schönen, weichen und glatten Strandweg, von Wellen bespült, mit zackigen Muscheln, den schönen Geschenken der launigen Welle, besät. Im Osten der Stadt, längs dem mohamedanischen Friedhof, dem beliebtesten und belebtesten Spazicrplatz der Stadt, laust eine neue Straße, die mit ihrem breiten Fahrweg, zierlichen- Trottoirs, großen Häusern und Läden ein fast europäisches Aussehen hat. Am Ende dieser Straße liegt das gcmüthlichste Plätzchen Jaffas: die deutsche Colonie; wenn man diese kleinen, niedlichen von Gärten umgebenen Häuschen ansieht, die peinliche Reinlichkeit auf den Straßen und in den Stuben bewundert, die schwarzen Röcke der Männer, die Schürzen und Hauben der Frauen und Strohhüte der Kinder sieht, den aus der Kirche hinaustönenden Sonntagsgesang der Schulkinder hört, wenn man in das Local des unumgänglichen „Vereins" ergehen ihr einziges, ihr höchstes Streben ist. Ein Theil kämpft in der Front, ilnd ist den Pfeilen der Gegner mehr nusgesetzt; die loyale Kriegsregel verbietet die Hinterlist und den Gebrauch vergifteter Pfeile; menschliche Bosheit und Niedertracht setzt sich auch darüber hinweg. W i e n, am 9. November 1893. Für den Eillzelvcrei» „Wien" de» „Zion", Verbandes österreichischer Vereine für Kolonisation Palästinas und Syriens. Leopold Paul Löbl der;. Präsident. Jar. I>r. S. N. Landau der;. Schriftführer. Erster Nertranensmanuertag -er Zionisten in Oesterreich. lieber Einberufung des Chefredactenrs unseres Blattes, Herrn Dr. Nathan B i r u b a u m und des Obmannes des Exeeutiv-Comitüs der jüdisch-nationalen Partei Galiziens, Herrn Dr. A. S a l z, fand Mittwoch, den 1. N o v e m b e r 1893 in Kra k a n eine Besprechung zionistischer Vertrauensmänner statt. Außer den Einberufern waren erschienen, die Herren: Drd. Carl Po l la k (als Vertreter der zionistisch gesinnten Studenten Wien's); Cantor M. Friedman n (als Vertrauensmann der Zionisten in Horazdiowitz, Böhmen); L e h r f r e n n d, S ch u d in a k, Adolf S p i r a, Benjamin S p i r a (sämmtliche vier Krakau); Sigmund B r o m - b e r g und Eduard S ch wage r (beide Taruow, Gali sien); Holzer und I. S ch a u f e l (beide Rzeszow, Galizien); Religionslehrer Victor Mer m e l st e i n (Przemhsl, Galizien); Marens Ehrenpreis (zeitweilig in Berlin domieilirend, Mitglied der Lemberger Gruppe). Außerdem tritt, und dort in schöner strenger Ordnung auf den Wänden die Bilder des alten Kaisers und seines Sohnes, des Frühlingskaisers, sieht, und aus den Tischen die letzten Nummern verschiedener deutscher Zeitungen und echte deutsche Seidel mit echtem deutschen Bier — dann glaubt man in einem Dorfe am Ufer des stillen, friedlichen Neckar zu sein Die Colonie ist ein Stück deutschen Levens und deutscher Cnltnr inmitten einer fremden Welt. Unsere jüdischen Kolonisten sollten Vieles von diesen deutschen Ansiedlern lernen; der Sinn für Reinlichkeit und Ordnung, den die deutschen Evlonisten in dieses Land mit sich bringen, ist kein zn verachte, der Faktor im Kampfe, den verschiedene Nationalitäten um das moralische Ucbergewicht in Palästina führen. — Falsch urtheilen diejenigen, die da meinen, das; solche äußere Fragen zu klein und nichtig sind, um jetzt, wo Größeres und Wichtigeres zn thnn ist, berücksichtigt zn werden. Es giebt im Volksleben Epochen, wo Nichts als zu klein und nichtig vernachläßigt werden darf, wo jede kleinste Seite im Volksleben eine erhöhte Bedentung erhält; das sind Epochen der historischen Wendepunkte, wo die Volksgeschichte neue Bahnen betritt, wo die nenbefruchtctcn schaffenden Kräfte des Volkes eine neue Schöpfung, eine neue Cnltnr zn formen beginnen. Was in diesen Epochen versäumt wird, ist nie später nachzuholcn. Die neuen jüdischen Ansiedlnngen in Palästina sind für uns der Same, aus dem das Israel der Zukunft hervorwachsen wird. WaS wir in diesem zukünftigen Israel aufblühen zu sehen wünschen, müssen wir sorgsam bei diesen Samenpflanzimgen pflegen. Nun ist aber die äußere Lebensweise des Volkes in' vielen Hinsichten für sein culturcllcs Niveau maßgebend. Es ist kein Zufall, daß diejenigen Völker in der Cnltnr am höchsten stehen, die am meisten für Ordnung und Reinlichkeit an-

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