Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 18 (15.11.1893)
- Date
- 1893-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 §ewst-Gmancipation. Nr. 18 Major C o n d c r: The future of Palestiiie und Eastern Palestine und schließlich die Artikel über Palästina von Dr. Otto Ankel in der'„Frankfurter Zeitung" (Jahrgang 1892), so müßte er ersehen, daß Palästina in klimatischer, agronomischer und wirthschaftlicher Beziehung zur Colonisation besonders geeignet ist. In einem der Artikel des Dr. Ankel, der erst in den letzten Jahren zu wissenschaftlichen Zwecken Palästina bereiste, heißt cs: „Palästina kann wie dereinst ein Land voll Milch und Honig werden, kann wieder für die civilisirte Welt von hoher Bedeutung sein und eine ähnliche Blüthe schauen, wie in den Tagen -Davids und Salomos". Herr Dr. Krauß hat aber alle diese Bücher nicht einmal angeschaut, er liest nicht einmal die interessanten Berichte, welche sogar die „Ocstcrreichische Wochenschrift" und die „Allgemeine Zeitung des Jndenthums" in Berlin, also gewiß keine zionistischen Zeitschriften, über die Fruchtbarkeit des palästinensischen Bodens, das Gedeihen der Wein-, Seidenraupen- und Maulbcerblättercultur, sowie über den stetig wachsenden Handels-Export in Palästina zu bringen wissen, und doch fällt er ein Urtheil! Und nun, wem fällt eine kindliche Unwissenheit der primitivsten Bedingungen einer erfolgreichen Colonisation zur Last? — Wer setzt sich mit souveräner Ignoranz über die Thatsachcn und die Wahrheit hinweg? Weiß Herr Dr. Krau ß, daß der große Zionist — also nach dem „Freien Blatte" ein umgestülpter Antisemit — Baron Edmnnd Rothschild, in Transjordanien über 30.000 Acres Boden angekauft und daß hievon, bereits 2500 Acres um den Preis von 2000 Pf. St., das heißt, 24.000 Gulden in das Eigenthum der Londoner „Cliovevi Zion Association“, an deren Spitze Chief Rabbi Dr. Adler, Abgeordneter Montague, Ellim d'Avigdvr u. A. stehen, übergangen sind? Weiß Herr Dr. Krauß, daß am ZeuiLLeton. 3n Judäa. Eine Rciseschilderüng von W. Bermailn. II. Jaffa bietet für den Touristen wenig, fast nichts Interessantes. Das, was wir in den ersten, uns begegnenden orientalischen Städten, in Stambnl, in den arabischen Vierteln Alexandriens und Kairos, als interessante Eigenthümlichkeit anstaunen, wirkt hier schon lästig und abstoßend. Das ewige Gedränge ans den engen und dumpfen Straßen, der vollständige Mangel von Verständnis) für die europäischen Institute der Trottoirs, die zu weitgehende Gleichberechtigung der Menschen, Pferde, Esel, Kamecle und Hunde bei Benutzung der Straßen, das abstoßende Geheul der aus den Straßen liegenden zerlumpten, krüppeligen Bettler, der jeder Beschreibung spottende Schmutz und Gestank, die überall, auf Straßen, Höfen, Treppen- und Häusern herrsche», alles dieses macht für den Europäer den Aufenthalt in Jaffa wenig bcgchrenswcrth. Es sind gar wunderliche Leute, die im Orient Städte bauen und Städte bewohnen. Jaffa ist eine Seestadt, die dicht am Meeresufer liegt; und — um das Meer zu sehen, muß man die Stadt verlassen und außerhalb derselben, in einer entfernten Vorstadt, den Strand aufsuchen, denn die einzige Straße Jaffas, die längs dem Meere läuft, ist von demselben durch eine hohe steinerne Wand abgeschieden. Jaffa soll eine Gartenstadt 12. Mai d. I. vom Sultan alle Colvnien in Palästina — bis nun 25 — officiell anerkannt wurden, und daß nunmehr für obige Grundcomplexe an die Eigenthümcr Kaufbriefe (Kuslians) vertheilt werden? Weiß Herr Dr. Krauß, daß in den palästinischen Colonien wohlorganisirte Schulen bestehen, in denen neben der französischen und arabischen Sprache auch die hebräische als Unterrichtssprache gelehrt wird , und daß nan nunmehr daran geht, in Jaffa ein hebräisches Obcrghmnasinm zu gründen? Weiß er überhaupt, wer an der Spitze der Colonisationsbewcgnng, die übrigens nicht, wie er darzustellen bemüht ist, blos in Oesterreich, sondern in der ganzen Welt tausende von eifrigen Anhängern zählt, steht? ..... Er weiß cs nicht und dann fällt der Vorwurf einer kindlichen Unwissenheit auf ihn zurück; weiß er cs, dann umso ärger für ihn, denn er hat nicht einmat das benefieium ignorantiae. Den Vorwurf einer „leichtsinnigen Verlockung einfältiger, bedrückter Juden zur Ansiedluug in Palästina" weisen nur mit Entrüstung zurück. Das Gros der Ansiedler in Palästina besteht aus russische» und rumänischen Juden, die direct über Odessa nach Jaffa sich cingeschifft haben, aus zahlreichen intelligenten jüdischen Studenten, die freiwillig dem Lande der cgyptischcu Knechtschaft den Rücken kehrten, um die Feder mit dem Pfluge zu vertauschen. Die österreichischen Colonisationsvereiue haben, einen allzuwciten Gesichtskreis und das von ihnen in Aussicht geuomuiene Werk ist ein viel zu großes, als daß sie cs benöthigen würden, mit einzelnen Individuen zuexperimentiren. Wir haben Gegner und welche Parthci hat sie nicht! Aber wir sind an eine'.: redlichen, öffeucn, sachlichen Kampf gewöhnt, und wer uns auch immer angriff, Niemand wagte es bis nun, uns die bona Mos, den güten Glauben und Willen abzusprechen. sein; der betäubende Wohlgeruch der sic umgebenden Gürten strömt dem Wanderer meilenweit entgegen; und — ich habe in der ganzen Stadt kein einziges Hausgärtchen, kein Square, keinen Baum gesehen; und wenn Sie in den Gärten spazieren gehen möchten, die bei der Stadt liegen, so würde man Sic mit einem Lächeln belehren, daß diese Gärten nicht zum Spazierengehen da sind, daß es Fruchtbaumpslanzungcn ohne Wege und Stege sind. Wenn sie zu allem Diesem die ärmsten und kleinlichsteu Verhältnisse, die in einer Stadt nur möglich sind, hinzudenkcn, so haben Sie einen annähernden Begriff des Eindruckes, den Jaffa macht. Kleine Häuser, arme Buden mit einer dorfmäßigen Auswahl von einfachen Waaren, schmutzige Wirihshüus r... So ist die innere, eigentliche Stadt. Wir hatten in Jaffa unter Anderem eine bekannte Familie aufzusucheu, die unlängst hierher aus Beirut übersiedelte; es war ein wahrer Marterweg, den wir zu der im Ccntrum der Stadt gelegenen Wohnung der Familie L. durchzumachen hatten: dunkle Treppen, die, Gott weiß warum, für Straßen gelten, noch dumpfere Gewölbe; ein erstaunlicher Mangel an Licht und Luft und ein noch erstaunlicherer Ueberfluß an Koth und Schmutz! Als wir, von diesen ungewohnten Eindrücken ermüdet, dieThüre der Wohnung öffneten, nnd in das gemüthliche, reine, wohlgeschniückte Heim traten, so glaubten wir durch Zauber in eine andere Welt versetzt zu sein. So groß ist der Contrast zwischen den hiesigen Verhältnissen, die auf den Straßen herrschen, und den gewöhnlichen europäischen, nach denen das Hans eingerichtet war, als die freundliche Wirthin des Hanfes, eine junge bildschöne Araberin (Christin), uns mit Wehmuth erzählte, daß sie in ihrem Hanse, wie in einem Kerker eingesperrt lebe, da sie jedesmal bei dem Gedanken in die Stadt zu gehen, die