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Selbst-Emancipation · 1893-11-01 · Heft 17 (1.11.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 17 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SeM-Hmancipation. Vor allem ist die Steuergrenze nach unten nicht zu billigen; namentlich wenn die Praxis dieselbe bleibt, wie bis heute, wird auch demjenigen welcher sich mit Mühe und Noth sein täglich Brot erwirbt, der Betrag von zehn Gulven pro Jahr abgefordert werden. Dieser Betrag ist entschieden zu'.hoch gegriffen und man kann dagegen nicht anführen, daß er gegenüber der Staatssteuer, welche^in indirecter Form das Zehnfache ausmacht, geradezu verschwinde. .Die jüdische Gemeinde hat eben als jüdische Gemeinde vom modernen Staat nicht seine häßlichste Eigenheit, den fiscalischen Standpunkt, zu lernen und sie darf sich daher auch nicht einbilden, etwas besonderes zu thun, wenn sie die Steuerleislung welcher jeder arme Jude zu tragen hat, nicht noch verdoppelt^ Für einen mittellosen Menschen sind eben 10 weitere Steuergulden eine schwere Bürde, und so sehr mancher diese Summe ebenso gerne zahlen möchte, als die Abgabe an den Landessteuersäckel, so. sagt er sich doch: Wozu ist sie die jüdische Gemeinde^. die Religionßgcmeinde, wenn sie nicht mildere Gesetze walten lassen solh^als d.kts von Gemüthsregungen unbeeinflußte Aerar? Wenn schon der Staat auf seinem langen Entwicklungswege die Pflicht des Besitzes noch immer nicht zur Genüge anerkennen will, so sollte cs doch die jüdische Gemeinde thun, eine Gemeinde jenes Volkes, das durch gegenseitige b r ü d e r l i ch c Aushife in seiner Mitte die socialen Gegensätze auszugleichen berufen ist. Die Neichen, heißt es, geben ohnehin genug in Form von Spenden während des. ganzen Jahres, cs sei also nicht nöthig, den höchsten Steuersatz von 3000 auf 5000 Gulden zuerhöhen. Das Argument ist hinfällig. Warum als Geschenk nehmen, was die Gemeinde als sociale Pflicht von den Neichen zu fordern das Recht hat? Die Gemeinde braucht viel Geld, wird auch gesagt, für Wohlthätigkcit und Humanitäts-Anstalten aller Art. Das wird gern zugegeben und ebenso wird auch zugestanden, daß speciell die Wiener Cultusgemeinde mit ihren derartigen Institutionen unübertroffen dasteht. Und doch ist es ebenso unlogisch als unbillig, mit den Steuerbeträgcn, welche man oft erst durch Execution Schicksal in Rußland nicht in unseren Händen liege und wir diesen Fragen in Rußland nicht die von uns gewollte. Lösung geben können. Der Federstrich. eines subalternen Administrativbeamten mache die tausende Pläne zu nichte, welche die jüdischen Schriftsteller für die Verbesserung des Loses der russischen Juden schmieden. Vom Anfänge des Jahres 1881 ab widmete Lilienblum seine Feder der Idee der Colvnisation Palästinas, dem praktischen Zionismus. Sein Buch „Die Wiederbelebung Israels ans dem Boden seiner Väter", welches in zwei Auflagen in russischer Sprache erschien und eine englische, sowie eine theilweise hebräische Uebersetzung — letztere durch den Schreiber dieser Zeilen im „Hamelitz" — erfuhr, rief gro.ßes Aufsehen hervor und machte einen gewaltigen Eindruck ans das Publikum. Das Puch zeichnet sich nicht durch einen weiten Ueberblick über die politische Lage Europas aus, entbehrt auch der wissenschaftlichen Grundlagen, aber cs ist mit großem Talente, einer blühenden Sprache, in leuchtenden Farben, mit mächtiger - Wahrheitsliebe und gründlicher Kenntu iß des ' jüdischen und russisch-jüdischen Lebens speciell geschrieben. In vielen originellen Aufsätzen in hebräischer und russischer Sprache, sowie im jüdischen Jargon, gestaltete Lilienblum seine Anschauungen über die praktische Colvnisation aus. In diesen seinen Artikeln zeigt er eine tiefe Einsicht, eine vorzügliche Kenntniß der jüdischen Volksseele und ihrer Eigenart. Die hebräischen Artikel L i l ie n b ln m's sind zur Lectüre angenehm, einfach, klar und logisch, weisen alle dieselbe Wahrheitsliebe und dieselbe grenzenlose Hingebung für unser Volk und denselben starken Glauben an dessen Wiedergeburt auf. bei den säumigen armen Leuten eingetriebcn hat, anderen armen Leuten aus der Klenune zu helfen. Da sollen doch die Reichen^in noch erhöhtem Maße ihren Gemeinsinn bezeugen. Mioerden daher die maßgebenden Kreise gebeten, diesen Entwurf in dem Sinne zu ändern, das; die ärmeren Kreise entlastet werden. Es genügt eine minimale Steuer von 5 Gulden und auch die scheint uns noch für tausende von Gcmeindemitgliedern zu hoch. Der Zug der Zeit ist ejn demokratischer; eine jüdische Gemeinde darf sich am allerwenigsten diesem Zuge widersetzen. Thäte sie es. sie würde die Entfremdung der Blassen gegenüber dem Judenthum noch..steigern und das kann sie doch, mag sie auch noch so an. dem Mincipe der „mosaischen Religion" fcsthalten, schon wegen viescr nicht beabsichtigen. B. .'Sk _ Die Wahlrefoimr und die Zionisten. Wien, ben 26. Setober 1893. II. In voriger Nummer haben wir den voraussichtlichen Einfluß der Wahlreformvorlage ans die jüdischen Verhältnisse besprochen und die Forderung ausgestellt, daß sich angesichts der bevorstehenden Wahlen die österreichischen Zionisten schleunigst über die auszugebende Wahlparole verständigen. Diese Verständigung wird nun nächste Woche in einer zu diesem Zwecke stattfindendcn vertraulichen Besprechung der Bertranensinünner der Zionisten erfolgen; wir wollen den Ergebnissen derselben in keiner Weise vorgreisen. . Dagegen halten wir es für unsere publieistische Pflicht, unseren Lesern mitzutheilen, wie unser Bruderorgan „Przyszlosc“ die Wahlreform aufnimmt, umsomehr, als ja Galizien für uns am meisten in Betracht kommt. In ihrer Nummer vom 20. d. M., und zwar im Leitartikel derselben, begrüßt sie die Vorlage mit F r e n d c n, zunächst aus allgemeinen prineipiellen Gründen, sohin vom speciell M. L. L i l i e n b l u m ist ein Jilde in vollem Sinne des Wortes: Er ist von armen, im Schweiße ihres Angesichts kümmerlich sich ernährenden Eltern in einer kleinen Stadt geboren, er ist im Talmud und in der ganzen alt- und neuhebräischen Literatur bewandert, und wohnt unter seinem Volke, anbänglich an seine Stammesgenosscn. Darum ' gehört sein Wissen, seine Feder, seine ganze Thätigkbj^ seinen armen Brüdern, diesen einfachen, gedrückten und erniedrigten Menschen, von welchen er sich nicht weit entfernt hat. L i l i e n b l u m ist ein ausgezeichneter jüdischer Diplomat. Wenn wir ihn vom europäischen Gesichtspunkte betrachten, wenn ivir ihn mit dem Maße der europäischen Diplomaten messen, dann finden wir, daß er keinen Begriff von dem politischen Leben in Europa, von seinen neuen Bewegungen und Bestrebungen hat, dann sehen wir, daß sein Blick ein eng begrenzter ist. Wenn wir aber das eigenartige Leben der russischen Juden und ihr geringes Verständnis; für politische Dinge, wenn wir ihre Lebensbcdingungcn kennen, dann erkennen wir, daß Lilienblum ein Diplomat nach dem im russisch-jüdischen Leben ausgebildeten und für dasselbe passenden Typus ist. L i l i e n b l u m ist kein Philosoph, kein Freund der Abstraktion, kein Theoretiker. Er sucht die That und ist demnach ausschließlich der praktischen Colvnisation ergeben, welche er mit allen Kräften zu fördern sich bemüht. Nicht hier ist der Ort, um mit dem Jubilar über den von ihm eingeschlagcnen Weg zu rechten, und ihm zu zeigen, worin er nach meiner Meinung fehlgeaangen. Vielmehr muß seine Thätigkeit anerkannt und dankbar hervorgehoben werden, daß Li l ien b lum der Erste war,

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