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Selbst-Emancipation · 1893-11-01 · Heft 17 (1.11.1893) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 17 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Selbsi-Gmancipation. imponiren, zu wünschen. Was die Judenschaft von London und Paris, von Berlin und-Wien als ihre Ueberzengung erklärt, das bricht sich überall Bahn, das wird fast als Dogma, au dem nicht gerüttelt werden darf, angesehen. Darum muß gerade das Thun und Lassen solcher großer Gemeinden zum Gegenstand der sorgfältigsten Beobachtung gemacht werden. Und darum interessirt uns auch der Entwurf des neuen Statuts der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, welche die Administrations-Commission derselben bereits in zweiter Lesung genehmigt hat Schon in dem alten Statut sind so mancheBestimmungcn, , welche unsympathisch berühren. Aber auch der neue Entwurf, der beinahe schon als angenommen betrachtet werden' kann, geht, was wahrhaft, jüdische Tendenz betrifft, nicht - über das jetzt giltige Statut hinaus, ja in vielen Beziehungen ' bleibt er hinter demselben zurück. Wir wollen geringfügige . uns am Herzen liegende Mängel des Entwurfes gar nicht berühren und uns heute nur mit einigen wichtigen Punkten desselben befassen. Was uns zunächst anssüllt, ist das für unsere Begriffe äußerst knapp gehaltene Programm des jüdischen Unterrichts oder wie ihn wahrscheinlich, um diese Knappheit zu entschuldigen, das Statut nennt, des Religions-Unterrichts. Es heißt daselbst im § 78: Gegenstände des Religionsunterrichtes sind: 1) Bibel im Urtext, 2) Lithnrgie, 3) Glaubens- und Sitteulchrc, 4) jüdische Geschichte. Die . Fassung des ersten Punktes zeigt, daß bei Abfassung des Statuts sebr -bescheidene Wünsche in Bezug auf hebräische Kenntnisse maßgebend waren. „Bibel im Urtext". Man weiß, was das heißt. Der Schüler lernt mechanisch eine Anzahl von Stellen in. der heiligen Schrift. Von Sprachkenntnis kaun*dabei keine Rede sein und da ohne Sprachkenntnis ein Eindringen in den, Geist der Bibel unmöglich ist, auch wcht^kon einem Verständnis; derselben. Der jüdische Schüler lernt hiebei nichts anderes, wie dies durch eine tausendfache Erfahrung bestätigt wird, als die hebräische Sprache, die er auf diese Weise entstellt kennen lernt, Haffen, die Bibel IeuiLLeton. M. K. MieukLimr. In diesem Monate sind cs fünfundzwanzig Jahre geworden, das; M. L. Lilien bl um in der hebräischen -Literatur arbeitet. Unsere Intelligenz in Rußland, namentlich die zionistisch gesinnte, feierte dieses Jubiläum durch Glückwunschbricfc an den Jubilar und, um ihm, dem aufopfernden Freunde der Pionnicre im Ahuenlande, eine Freude zu bereiten, durch Spenden für die jüdischen Lohnarbeiter in Palästina. Die schriftstellerische Thätigkeit L i l i c n b l u m's zerfällt in. zwei Abschnitte In der ersten Epoche kämpfte er als Journalist für religiöse Reformen und beschäftigte sich mit allen Lebensfragen der russischen Judenheit. Was er in diesem Stadium seiner Entwicklung geschrieben, sei es nun Kritik, Poesie oder Publicistik, ist voll mächtigen Geistes; aber dieser Geist stammt nicht aus Juda's Schatzkammern. Es ist der Geist der russischen Schriftsteller und Kritiker, welcher. Lilienblum beeinflußt und ans ihm sprach. In dieser Epoche fehlte cs L i l i e n b l u m ein wenig an Origiiialität, an Individualität, aber auch damals schon zeichnete ihn ein klares, gesundes Denken aus und trat seine hohe Begabung hervor. Nur daß-alle diese Eigenschaften kein Feld hatten, auf dem sie sich entwickeln konnten und demgemäß bewirkten, daß L i l i c n b l u m' s Thätigkeit vorderhand ohne Einfluß in Literatur und Leben blieb. Wohl waren auch seinedamaligen Artikel mit mächtiger Beselbst und ihre hohen Ideen verachten und das Judenthum verhöhnen. Als Kind .und Knabe übt er es hinter dem Rücken des Lehrers und in Gemeinschaft mit congenialcn Geistern in den Zwischenstunden. Als Mann bethütigt er eine analoge Gesinnung vor aller Welt und zu jeder Zeit. Was aber dem jüdischen Kinde an Veredlung des Geniiithes und Geistes durch Erlernung unseres kostbarsten National-' Schatzes, der hebräischen Sprache vorenthalten wird, ägs rvird^ ihm gewiß nicht durch den Punkt 3: „Glaubens- und Sittels, lehre" ersetzt. Es.gibt keine bessere jüdische Glaubensunb\ Sittcnlehre, als das gründliche Studium der hebräischest Sprache, der Bibel und des Talmuds. Durchdieses ' Studium wird das Herz des Schülers als jüdisch erhalten, wird seine jüdische Empfindung wachgerufen, dagegen taugt . alles das wässerige und fade Zeug, welches heutzutage den; Schülern die Lehren des „mosaischen Glaubens" vermitteln soll, ganz und gar nicht. Der jüdische Schüler wird diese . -Phrasen hundert oder tausendmal lesen, ohne daß sie ihch.zn. . ihrem Inhalt bekehren, ja er wird sogar in den meisten . Fällen ein Lächeln des Mitleids diesen schönen Sägen gegenüber nicht unterdrücken können. Der Punkt 4 könnte nun. wohl wieder ein wenig gut machen, was in den vorangehenden Punkten verbrochen ist.' Aber das ist der Fluch, der bösen That, daß sic. fortzcngend Böses muß gebäre». . Die widerspenstige, ironische Stimmung, welche sich des jüdischen Schülers gegen die langweiligen Erörterungen der Rcligionsstunden bemächtigt, überträgt sich auch auf das jüdische Geschichtsfach, so daß er alles durch eine verschleierte Brille siehll Während er sonst den Heldenmüth zweier studentischer Rausbrüderbewundert, geht er achtlos an den.Hcldcnthaten der großen Söhne seines Stammes vorbei, wenn er nicht gar über die Namen der Helden. . welche selbstverständlich jüdisch klingen, spottet. Was uns ferner im Stätuten-Entwurf auffällt, ist die hohe Meinung, welche derselbe vpn ’ der Zahlungsfähigkeit der Gemeinde-Angehörigen hat. Als geringste Cultusstener wird der Betrag von 10 Gulden jährlich, als höchster Steuersatz 3000 Gulden pro Jahr.angenommen.' geisterung im Sinne der russischen Aufklärer jener Zeit geschrieben, so daß sie die russisch-jüdische Jugend cnthusiasnlirtcn. Aber eben diese Jugend wendete sich erkaltet und gesättigt von Li l ie n b lum ab, den' noch dünne Fäden mit dem Judenthum vorbanden, während ihnen russische Bildung und Civilisation zum. ausschließlichen Ideale wurden. Der Zauber, welchen er um seine Leser gewoben, hatte, wich wie ein schattenhaftes Traumgebilde, denn der europäischen Literatur, von welcher Lilicnblum ein wenig gekostet hatte, wohnte ein stärkerer Zauber, eine größere Anziehungskraft inne.. In einem Buche, welches er am Ende der ersten Epoche seiner literarischen Arbeit schrieb, zeichnete er uns mit Klarheit ' und wahrheitsgetreu, mit scharfem kritischem Blicke seine Erziehung, seine Entwicklungsgeschichte, seine Aufklärung. Dieser-letzteren — der Aufklärung der 'meisten damaligen jüdischen Aufgeklärten (maskilim) mangelte cs an positivem Wissen, dem Ausgangspunkte europäischer Bildung, und andererseits "an jüdischem Gehalte. Ihre.Hauptmomente waren skeptische.Zweifelsucht,. Zerfahrenheit und Ziellosigkeit. Sie nahm von Europa nur die bourgeoise Rücksicht auf materielle, praktische Nützlichkeit, während ihr das damals neue ideelle Streben auf socialem Gebiete fremd und unbekannt blieb. Im Jahre 1881, als die Jndenhetzen im Süden Rußlands begannen, änderte Lil i en bl um seinen Geschmack, seine Anschauung, sein Streben und wurde zu einem neuen Menschen. Er erklärte in einem seiner Artikel, daß er zur Ueberzengung gekommen sei, daß alle literarische Thätigkeit in Betreff der Fragen des materiellen und geistigen Lebens des russischen Judenthums eitle -Mühe sei, nachdem unser.

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