Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 16 (15.10.1893)
- Date
- 1893-10-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Ketbjt-Grnancipatton. Nr. 16 wackeren Vertcter, der cs verstand, ihr die richtige Form ' zu geben. In ihm vereinigten sich alle Tugenden eines echten Volksführers: gewaltige Begabung, glühende Be - geistcrung, energische Thatlraft und Organisationssähigkcit, und mit ihm beginnt die eigentliche Geschichte der jüdischnationalen Bewegung. Seit der Thätigkeit Smolensk y's sind nun fünfzehn Jahre verflossen, eine lange Periode der Eillwickelung und Entfaltung und ich fürchte, der Proccß der Klärung ist auch heute noch nicht znm Abschluss gelangt. Noch gibt es Viele, die nicht im Stande sind, die Nationalidec in ihrer Reinheit, losgelöst von allem sentimentalen Tand, zu begreifen. Noch gibt es Biele, die nicht cinzusehen vermögen, das; unsere Idee eine politische Idee ist, die allerdings auch ihre sociale und ethische Bedeutung hat. Der ausgeprägte Individualismus unseres Volkes macht es doppelt schwer, in irgend einer Frage die Eimniithigkeit unserer Brüder zu erzielen und ich fürchte, wir bleiben gar zu lange in der Theorie stecken. Ter. Weg von der Theorie zur Praxis sührt in Israel nicht nur langsam, sondern auch unsicher. Und doch behauptet man, die Inden seien furchtbar praktisch. Ja wohl, praktisch sind mir, wenn es gilt, eine» augenblickliche» Gewinn zu erziele», nicht aber, wo es sich um die Zukunft luiscrcr Nation handelt. Ich verkeime durchaus nicht den Fortschritt in der zionistischen Bewegung. Während vor 15 Jahren überhaupt nur Bachurim und Dichter sich mit dieser Idee der Ncubelebung _ Israels beschäftigt haben, stehen heute die bedeutendsten Juden in Rußland und anderswo an der Spitze unserer Bewegung, und, während man vorher scharfsinnige Artikel über den zukünftigen Cnltus in Palästina schrieb und sich über die geeignetste Staatsform für Ncu- Jsrael den Kopf zerbrach, gründet man heute Kolonien und schafft rationelle Institutionen für nufere Zukiuft Aber noch arbeiten wir überall ohne Programm und ohne Organisation. Es gibt noch keinen vorgegeschriebenen Weg, den alle gehen, sonder» Jeder ebnet sich selbst seinen Weg und durchkreuzt oft die Richtung des Andern — und wir kommen so nie znm Ziel. Wir sind noch keineswegs berechtigt, von einer jüdischnationalen Partei zu sprechen, trotzdem unsere Idee mehr als eine Million Anhänger besitzt. Noch fehlt cs an der uöthigcn Fühlung unter den einzelnen Gruppen, an einheitlichem, zielbewnßtem Vorgehen: noch haben wir die Kinderkrankheiten einer Partei nicht überstanden. Wenn man neue Kolonien gründet und einige unserer leidende» Brüder ans dem historisch geweihten Boden Judas ansiedclt, io ist das eine große That in nationaler, socialer und ethischer Beziehung, allein — cs ist damit noch nicht alles gethan. Unsere Idee ist eine Idee der Zukunft, daran müssen wir festhalten. Es gilt daher, die künftige Generation für die Nationalidee auszubilden, sic zu befähigen, unsere Ideale in Thatcn umzusetzcn. Es handelt-sich vor Allem darum, Führer zn gewinne!!, wackere, tapfere Kämpfer für unsere Partei zn erziehen. Wir müsse» uns zunächst selbst für die Zukunft vorbcreitcn, denn an Männern der That mangelt cs uns noch sehr stark. Wir müssen uns stets nicht nur fragen: „was haben wir in diesem Jahre bei unseren Stammcsgcnofseu stir unsere Sache erreicht?" sondern auch: „was haben wir selbst für die Verwirklichung unserer Ideale gethan? sind wir als Parteimäuncr reifer geworden? haben wir in unserem Berufe als NationaljndenFortschritte gemacht? haben wir ein neues Sladium erreicht?" Unser Aktionsprogramm soll lauten: Pflege des jüdischen Lebens in all seinen Phasen, Entwickelung des jüdischen Charakters, Ausbildung und Stärkung jüdischer Sittcn-nnd Eigenthümli chkeiten, sofern sie nicht als Unsitten und Mißbräuche mit der Ethik und der Vernunft collidiren. Dieses Programm kann nicht durch lyrische Gedichte und pathetische Phrasen, auch nicht durch Hiiitertreppen- Pvlitik durchgeführt werden. Hier gilt es, offen, männlich handeln, energisch anftrrtcn, zielbewusst, organisatorisch und erzieherisch wirken. Man spricht in unserer Mitte sehr hänsig von der Hebung des jüdischen Bewusstseins. Aber das Bewusstsein ist doch das Facit einer ganzen Anschauung. Wie macht man nun den Inden zum bewußten, würdigen Juden? Wie erzeugt man in ihm das jüdische Fühlen und Denken? Doch wahrlich nicht durch geistreich sein wollende Artikel und hochtrabende Philosophien. Der Aendernng des Bewusstseins, so sie etlvas Ersprießliches fördern soll, muß ein psychologischer Proces; der Klärung vorangehen, und diesen Proceß'können wir nur durch geeignete Handlungen beeinflussen. Um unser hier vorgezeichnetes Programm dnrchzuführn, gibt es viele Mittel, von denen einige, wie ich glaube, schon heute für die Praxis reis sind und ans die ich daher die Aufmerksamkeit der Genossen lenken möchte. I. Die Gründung von jüdische» Tnrnvcrciucu. Wir Nationaljndeir dürfen niemals Blichermenscheu sein, sondern Männer, die in das Leben eingreifen, die die Welt kennen und für den Kampf ums Dasein, stir den Kampf um ihre Würde und ihre Ideale ausgerüstet sind. Es bedarf dazu der Ausbildung aller männlichen Tugenden, der Tapferkeit, der Treue, der Stählung der Kräfte, der Ausdauer und der Kühnheit. Denn mit der Entwickelung dieser Eigenfchaflen wächst auch die moralische Kcaft und die geistige Reife des Mannes. Und cs gibt keine Institution, die so sehr geeignet ist, - die Brüderlichkeit zu pflegen, die Kräfte -zu entwickeln und die verschiedenen Elemente des Volkes eng an einander zu schließen als die Turiivereinc. Hier entwickelt sich der männliche Charakter, man gewöhnt sich an Pünktlichkeit, Geradheit, Strammheit, Frei- und Frohmüthigkeit. Das sind Tugenden, deren mir gar sehr bedürfen. Den»»och haften uns heute viele Ghettositten an, noch haben wir nicht gelernt, frei und kühn in die Welt zu blicken und Rechte statt Gnade zu fordern. - Ich habe diesen Punkt als ersten erwähnt, weil er nicht nur sehr wichtig, sondern auch sehr leicht realisirbar ist. Das Bedürfniß für solche Vereine ist in allen Schichten des jüdischen Volkes vorhanden. Denn die Juden fühlen sich in dm allgemeinen Turnvereinen, wenn sie da überhaupt Aufnahme finden, oft sehr gedrückt und sie würde.« es vorziehen, wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird, im engeren jüdischen Kreise zu turnen. Sind aber Juden unter sich in Fröhlichkeit vereinigt) wenn auch ohne jegliche andere Tendenz, so wird sich bald ein gemeinsames jüdisches Interesse bei allen zeigen. Es wird sich allmählich ein fpecififch jüdischer Modus beim Turnen ausbilden, es werden jüdische Lieder dabei gesungen werden, die jüdische Natur wird erwachen und schrittweise nähern sich die Leute im Laufe der Zeit unserem Ziele. - ’ . (Fortschiittg folgt.) Aus WalMincr. Die KieneitMcht in Palaestirm. Nach dem „ckülouist". Die Palaestinensifche Bienenzucht hat nicht jene großen Fortschritte gemacht, die sic in den cultivirten Ländern machte. Es giebt wohl auch hier Bienenstöcke und Bienen in jedem Dorf, aber in einem so jämmerlichen und lächerlichen Zustand, daß man überhaupt kaum von Bienenzucht sprechen * kann. Die Araber, überhaupt sehr conservativer Natur