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Selbst-Emancipation · 1893-10-15 · Heft 16 (15.10.1893) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 16 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 SeiM-Gmancipakion. Seite 5. aus den Herzen reißen können. Die sociale Befreiung, wenn sie wirklich cintritt, darf nns nicht mehr als ein schutzloses Volk ohne nationalen Mittelpunkt treffen. Dieser ist für Israel die große, gründliche Hilfe. Noch ein Punkt der Statuten verdient Erwähnung: § 3, alinea IV Durch gesellige Zusammenkünfte. Alag das Schicksal unseres Volkes noch so traurig sein — der Einzelmensch hat ein Recht auf Freude. Die Freude nähert auch die Menschen einander. ES wird gewiß den Jiitciltionen der „Morgenröthe" entsprechen, wenn die iin Vereine gebotenen Unterhaltungen jüdische junge Männer von verflachenden und verderbenden Vergnügungen abhält. Der Verein soll durch diesen Paragraphen auch ein Wall sein gegen das Ucberhandnehmcn eines faden, gedanken- und gesinnnngslojen Gigerlthuins inmitten des jüdischen Volkes. Möge die „Morgenröthe", welche sich so schöne Zwecke gesetzt hat, unter der jüdischen Bevölkerung Wiens Anklang fiichen. Möge sie, ihrem Namen Genüge leistend, nach Kräften beitragen, die Morgenröthe einer besseren Zeit nach der Nacht des Golns herbciznführen. B. Die Wahlreform and die Zionisten. Wie», den 11. Octoder 18N3. Graf T a affe hat den Reichsrath bei seinem Zusammentritt durch eine W a h l r e f o r m - V o r l a g e überrascht. Für uns speciell hat es kein Interesse, den Gründen nachzusvrscheu, welche die Regierung bewogen haben, diese Vorlage cinzubringen. Desto inehr interessirt uns die durch den Antrag geschaffene neue Situation. Der Gesetzentwurf führt bekanntlich de» Bildnngscensus ein. Unter Anfrechterhaltnng der indirecten Wahlen auf dem Lande einerseits und der Privilegien des Großgrundbesitzes anderseits, soll jeder männliche österreichische Staatsbürger, der lesen und schreiben kann, das Wahlrecht besitzen. Es wird demnach, von Frauen und Analphabeten abgesehen, eine Art von allgemeinem, aber nicht gleichem und nicht direetcm Wahlrecht statuirt. Durch die Annahme der Vorlage würden die bürgerlich-liberalen Parteien am meisten verlieren, dagegen ans der einen Seite der Feudalismus und Clcricalismus gewinnen, auf der anderen Seite die internationale Socialdcmokratie ihren Einzug ins Parlament halten. Die reinen Antisemiten würden ebenfalls noch weiter vorwärts kommen. Und die Juden? Nun, unser Stamm hat, so sehr gerade er es nöthig hätte, von feinen Abgeordneten für sich am allerwenigsten! Sie stehen sümmtlich in anderen nationalen Lagern, und.. bis auf zwei Ausnahmen raffen sich dieselben nicht einmal zum Kampfe gegen die Antisemiten auf. Sie sind die schweigsamsten, wenn es sich um Rechte, der Juden handelt. Also viel könnten wir nicht verlieren. Doch mögen sich diejenigen, welche infolge eines ganz unklaren, jüdischen Nationalgefühles desto mehr befriedigt sind, eine je größere Anzahl Inden die Bänke des Ab- ' geordnetenhauses drückt, gleichgiltig, welcher Parteirichtung die betreffenden 'Abgeordneten angehören, trösten. Es wird kaum eine erhebliche Abnahme der Zahl der jüdischen Abgeordneten cintreten, nur wird.man das semitische Element mehr in den Reihen der Socialdemokraten zu suchen haben. Die österreichischenZionisten waren natürlich stets.derUeberzeugnng, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, eine kleine Vertretung ins Abgeordnetenhaus zn schicken.. Eine zahlreiche Repräsentanz ist natürlich ganz ansgeschloffen, aber auch unnvthig, weil nns ja der Reichsrath hauptsächlich nur als. erhöhte Tribüne für die Verkündigung nuferer Grundsätze zu dienen haben würde. Es erhebt sich nun die Frage, ob uns das neue Wahlgesetz die Erreichung dieses Zieles erschweren oder erleichtern wird? Diese Frage jedoch läßt sich kaum mit Sicherheit beantworte». Speciell in Galiziesti, an welches doch schon wegen des hohen jüdischen BevölkerniigSproeentsatzcs in erster Linie zn denken ist, ist der Umstand nicht zu überfchen, daß Tausende von ^Juden als Analphabeten gelten werden, wiewohl sie im Stande sind, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und Gedrucktes mit Verständnis; zn lesen. Andererseits gibt cs auch unter den Polen und Ruthenen Zehntansende. aber hier thatsächlich, des Lesens und Schreibens Unkundige Die staatlich für Analphabeten erklärten Jude» und die wirklichen Analphabeten würden sich also die Wage halten, und das wäre insoweit ganz tröstlich, wenn nicht Mißbräuche bei Ertheilung der Wahllegitimatiouen zu befürchten ivären. Wie dem nun sein mag, die österreichischen Zionisten dürfen vor Allem nicht übersehen, daß die Reichsrathswahlen vor der Thüre sind. Denn, nimmt das Abgeordnetenhaus mit der erforderlichen Zwcidrittel-Majorität die Regierungsvorlage an, so wird eo ipso der Reichsrath aufgelöst werden, und werden Nemvahlen nach dem neuen Gesetze erfolge» müssen; fällt aber die Vorlage, dann wird die Regierung, welche sich für dieselbe mit besonderem Rachdrnck eingesetzt hat, natürlich ebenfalls den Reichsrath anflöscn, um durch Neuwahlcn ein Parlament zn gewinnen, welches die Wahlreform annimmt. Jedenfalls haben wir in Kürze die Parlainentswahlen zu erwarten. Seit den letzten großen Wahlen find die österreichischen Zionisten ein ziemliches Stück vorgeschritten und sie müssen diesen Fcrtschritt in einem activercn Verhalten gegenüber den Wahlen manifestiren. Natürlich fällt es uns nicht bei, schon für diesmal, ninsviuehr, als alles so unerwartet kam, einen Erfolg unserer Partei zn erhoffen, aber die zu erwartenden Wahlen müssen wenigstens benützt werden, um der Todtschwcigerei, welche von der deutsch geschriebenen Tagespressc gegenüber unseren Bestrebungen betrieben wird und unsere Fortschritte bedeutend verlangsamt, entgegcnzuwirkcn. Die bereits organisirtcn galizischcnZieniste» werden sich schleunigst mit den Gesinnungsgenossen in Wien und Böhmen über die Art und Weise der Bethciligung an den Wahlen und über die anszngebendc Wahlparole zn verständigen haben, und dann wird sofort an die vorbereitende Arbeit gegangen werden müssen. Uoir der Theorie pxv Draris' ). Bon Fabius Schach. Jede Volksbewegung, jede Strömung im politischen, geistigen und socialen Leben beginnt unklar, phantastisch, tastend und unsicher; sie erscheinen im ersten Stadium als nngreifbare Ideale. Es bedarf einer langen Zeit der Klärung und Entwickelung, bis eine neue Idee zu einer zielbewusste» Theorie wird. Dann erst nimmt sie feste Formen an. sie gewinnt an Lebensfähigkeit, erzeugt Männer der That, die ihr zum Siege verhelfen und sie praktisch durchführen. Auch die jüdische Nationalidee fing sehr schwankend und verschwommen an. Wohl mangelte cs niemals an nationalen Gefühlen in Israel, und die Besten und Edelsten unseres Volkes waren im Grunde ihres Herzens stets national gesinnt, denn ihr ganzes Sehnen und Hoffen richtete sich nach Zion; aber es fehlte ihnen die klare Anschauung von dem, was sie erstrebten, und sie verstanden es nicht, ihren Gefühlen den richtigen Ausdruck zu verleihen. In Peter Smolensky fand zuerst diese Idee einen *) Bortrag, gehalten am 6. Juni 1893 im Verein „Jnng-Zsracl" zu Berlin.

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