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Selbst-Emancipation · 1893-10-15 · Heft 16 (15.10.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 16 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Sewst-HrnancipaLion. Seite 3 wenn wir nicht in den Nationen aufgehen wollen. Zunächst ist das Rischus nie mit Gründe verlegen; es tadelt Alles, was von jüdischer Seite kommt. Wenn man sich aber schon von der thörichten Furcht vor dem Antisemitismus leiten läßt, — so darf die Thatsache nicht verschwiegen werden, daß der Antisemitismus gerade zu einer Zeit und in einem Lande entstand, wo die Juden darauf versessen waren, in eine fremde Ha»t zu fahren. Gerade der Antisemitismus beweist, daß wir.nichts besseres thuu können, als uns auf uns selbst verlassen und uns nicht aufdrängen. Wohl sollen wir dabei den Völkern, in deren Mitte wir wohnen, in Freude und Leid zur Seite stehen und dem Vaterlands treue Bürger sein. Das ist unsere gerne erfüllte Pflicht. Was darüber hinausgeht, ist Verbrechen an uns selbst, ein Uebereifer, der biedere Nichtjuden geradezu abstoßen muß. Darum nochmals: jüdisches Volksbewußtsein vor Allem! Es erzeugt Einigkeit nach jeder Richtung hin. Auch die alberne Feindschaft zwischen den verschiedenen Landsmannschaften (Aschkenasim und Spaniolen, deutsche, polnische und russische Jude») und die nutzlosen Kämpfe zwischen den verschiedenen religiösen Parteien werden vor dem reinigenden Hauche der jüdischen Nationalidee verwehen. Das jüdische Volksbewußtscin wird den Bruderzwist im Hause Israel beendigen. Leider ist aber das jüdische Volksbewußtsein in vielen Theilen unseres Stammes bereits nahezu erloschen. Erziehung und Umgang haben diese traurige Wirkung hervorgebracht. Das wird sich wohl hie und da durch ernste Mahnungen zum Zusammenhalten, durch Hinweis ans die Gefahr, welche unsere Uneinigkeit in sich birgt, bessern lassen. Aber das kann nicht überall ansreichen. Oft läßt sich mit den besten Gründen und Beweisen nichts ausrichten, wenn das jüdische Empfinden mangelt. Jüdisches Empfinden aber lernen wir wohl am besten, wenn wir uns erzählen lassen, wer wir sind und was unsere großen Männer gedacht, gethan und geschrieben haben. Ein wenig Einblick nur in die jüdische Geschichte und Literatur, und die Liebe zum jüdischen Volke zieht sicher in unser Herz ein! Dieser Einkcine schönen Worte, und doch blieben seine Bitten nie unerhört, denn das Schicksal seines Volkes sprach aus seinem Munde, aus seinem Flehen. Jedes Unheil, das über die russischen Juden in den letzten Jahren hereinbrach, suchte er nach Möglichkeit zu erleichtern, zu mildern und zu lindern. Zederbaum war cs allein, dem es gelang, von der russischen Regierung die Genehmigung des Odessaer Palästina-Vereines auszuwirken, und unermeßlich groß war seine Mühe in dieser Angelegenheit. Er war ein Typus jener Volkssachwalter, wie sie das Exil so oft hervorbrachte, unerreichbar in seiner Ehrlichkeit, Redlichkeit und Gewandtheit. Zeder bäum war auch Einzelnen, die sich an ihn wandten, nach Kräften ein Wohlthäter; er hals entweder mit seinem Gelde, oder durch Empfehlungen oder durch persönliches Eingreifen. Besonders sorgte der Verewigte für junge Talente, welche er aus niedriger Stellung zu befreien und emporzubriugen wußte. Viele, die sich jetzt in schöner Stellung befinden, verdanken sie ihm. Zeder bäum war ein kleines, hageres Männchen, aber eine Riesenkraft für unaufhörliche Arbeit wohnte ihm »ine. Er gönnte sich nie Ruhe, war auch nie ermüdet. Er zog sich nie von seiner öffentlichen Wirksanikeit zurück, auch dann nicht, wenn seine Thaten von gehässigen Neidern und Verleumdern verkleinert, entstellt, geschmäht wurden. Im Gegcntheile, jedes Hinderniß, und jede Verleumdung erhöhte seinen Arbeitseifer. Der kleine Nahmen dieses Blattes gestattet mir nicht, wie ich es gerne wollte, noch mehr über den Verewigten zu sagen, alles das Gute und Schöne zu erzählen, das ich von ihm gesehen habe, als ich eine Zeit hindurch blick soll im Verein „Morgenröthe" den Mitgliedern geboten und dadurch zugleich auch das Studium der Geschichte und Literatur des jüdischen Volkes gefördert werden. Die betreffenden statutarischen Bestimmungen lauten: 8- $ Dieser Zweck c siche § 2) wird erreicht: :i) Durch Veranstaltung zweckdienlicher Vorträge, Vorlesungen uud Discnssionen; I») durch 'Anschaffung einer entsprechenden Bibliothek und einschlägiger Zeitschriften; c) durch Ausschreibung von Preisen auf 'Arbeiten über geeignete Themata; cl) durch Förderung der Pflege hebräischer Sprache und hebräische» Sprechens; c) durch Herausgabe uud Unterstützung von dem VercinSzweckc dienlichen Werken und periodischen Druckschriften. Der Punkt ä) findet eine weitere Erklärung in den Statuten. Die hebräische Sprache soll nicht direct im Vereine gepflegt, sondern die Pflege derselben gefördert werden. Es heißt darüber in den Statuten: 8 -t- Der Verein subvcntionirt einen eventuell in Wien bestehende» Verein für hebräische Sprache und Conversation mit einem Procentsabc seiner Netto-Einkünfte, dessen Höhe vom 'Ausschüsse zu bestimmen ist. Der 'Ausschuß kann gewisse Begünstigungen von dem subventionirten Vereine verlangen. 8 5 Sollte ein solcher Verein in Wien nicht existiren, oder keine zufriedenstellenden Begünstigungen gewähren, oder sollte» außer der SubvcntionSsumme noch Mittel zur andcrwcitigcnFördcrung hebräischer Sprache und Sprechens vcrsügbar sein, so entscheidet der Ausschuß» in welcher Weise diese Förderung zu geschehe» hat. Die hebräische Sprache ist eines der hauptsächlichsten Mittel zur Hebung des Volksbewußtseins uud zur Erzielung eines einigen Vorgehens. Sie muß im vollen Sinne Bindemittel zwischen den Inden der verschiedenen Länder werden. Dazu genügt natürlich . nicht, daß die Knaben hebräisch . bnchstabircn lernen, „damit sie den Eltern Kadisch sagen können"; dazu genügt aber auch nicht ein bischen „Chumisch" oder sogar „Tenach." Das alles ist nicht im Stande, den Inden ein lebendiges Nationalbewußtsein einzuflößen. Dazu gehört ein lebendiges Hebräisch, wie es sich bei den Juden sein Mitarbeiter in der Nedaction des „Hamelitz“ in Petersburg war. Alexander Zeder bäum war am 3. Elul 5876 (1816) in Samuschtsch im Lubliner Gouvernement von nicht wohlhabenden Eltern geboren worden. Sein Vater war Talmudift, ein guter Mensch, der Aufklärung nicht fremd und verstand, ein schönes Hebräisch zu schreiben. Alexander Zeder bäum heirathcte in Lublin und ließ sich durch die schlechtesten Zeiten nichtabhaltcn, zu studiren, die deutsche und polnische, französische und russische Sprache zu .erlernen und den Aufklärungssrenndeu seiner Zeit sich anzuschlicßen. Der Gelehrte und Dichter Jacob Eichenbaum war noch im Elternhause sein Lehrer gewesen. Im Jahre 5600 (1840) übersiedelte Zederbaum nach Odessa und nahm einen Posten als Buchhalter an. Auch damals beschäftigte er sich mit öffentlichen Angelegenheiten, und war Correspondent der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", welche damals von Philippsohn in Bonn hcrausgegebcn wurde. Vom Jahre 1861 ab gab er den „Hamelitz“ heraus, welchen er stets vergrößerte und endlich zu einem großen und angesehenen Tageblatte machte. Er starb, während er die Nummer seines Todestages vorbereitete. Wer sein Volk liebt und für dessen Wiedererwachen glüht, beweint den schweren Verlust, welchen Israel durch den Hingang Zederbaums erlitten hat. Möge der große Greis der jüngeren Generation ein Vorbild an Charakterstärke, Hochherzigkeit und Thatkraft sein. Er ruhe in Frieden! R. Braiiiin.

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