Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 16 (15.10.1893)
- Date
- 1893-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Ketbst-Hmancipakion. grr. 16 Welt ganz alltäglich. Ein Volk haßt das andere, eine Classe die andere. Es gibt zwar Leute, welche sagen, daß sich die Völker ganz gnt leiden könnten, wenn sic nicht gegeneinander gehetzt würden und daß nur die Classen sich wirklich hassen, ebenso gibt es wieder andere Leute, welche meinen, daß die Völker einander nicht ausstehen, aber die Classen innerhalb eines Volkes sich ganz gnt vertrügen, wenn nicht Zwietracht hincingetragcn würde. Doch sic haben beide nicht Recht. Da und dort ist der Haß zum größte» Thcile.cin ursprünglicher, und cs wird wohl leider noch lange dauern, bis, dies anders werden wird. Wenn nun aber der Haß in unserer Welt die Regel ist, wie dürfen wir Juden erwarten, daß man mit uns eine Ausnahme mache? Ja, wenn es nur der Haß allein wäre, unter dem wir leiden? Was kümmert cs mich, daß mir Jemand feind ist, wenn ich die Kraft und Macht besitze, ihn mir vom Leibe zu halten. Die Sache wird aber schlimm, wenn ichmachtlos dastehe. Ebenso wird der Judenhaß den Juden erst gefährlich, weil sic ohnmächtig gegen ihn sind. In der ganzen Welt zerstreut, sind sie überall wehrlos den Launen der Anderen preisgegeben. Diese Wehrlosigkeit nennt man, wieder mit einem hebräischen Ausdrucke, Golus. Wären wir nicht im Golus, so wüßten wir uns schon mit dem Risehus abzusinden. Der wahre Feind ist also das Golus. Jetzt wißen wir erst eigentlich, mit wem wir zu kämpfen, oder besser, was wir anzustrcben haben. Eine befestigtere und selbstständigere Stellung haben wir nöthig, damit wir uns um alle Abneigung gegen uns nicht scheeren brauchen. Das ist erst recht eine schwere Aufgabe. Aber ebenso, wie sie gelöst werden m u ß, weil sonst das jüdische Volk aus seinem ewigen Elend auf anständige Weise nicht hcranskäme, so kann sie auch mit einigem guten Willen gelöst werden. Wir Juden konnten uns schon einmal gewöhnen, etwas weiter als auf das Nächstliegende zu blicken. Wir haben noch nicht Alles für unsere Kinder und Kindcskindcr gethan, wenn wir ein Jeder nach Geld und Gut jagen oder, so'wir es schon haben, bloß darauf sinnen, cs zu behalten und zu vermehren. Denn weniger noch als die Angehörigen anderer Alexander Iederlmnm. Nachruf.*) Auf dem Schlachtfelde, im Kampfgelümmel ist dieser Held unseres Volkes gefallen. Bis zum letzten Athemznge — im buchstäblichen Sinne des Wortes — focht er als Publicist und Mann der That für die Wiederbelebung, Sprache und Cultur Israels. Er focht muthvoll, ohne Zagen mit jugendlichem Feuer und der Biclerfahrenheit des Greises, mit der Begeisterung eines Ritters des Geistes und mit der Geduld und Ausdauer eines Diplomaten. Z e d e r b a u m war kein Schriftsteller in der wahren Bedeutung des Wortes, denn er war mit den hiezu uöthigcn Fähigkeiten nicht begnadet. Es fehlte ihm der ästhetische Sinn und die literarische Ader; auch war sein hebräischer Stil nicht klar, entbehrte der Anmnth, der Elasticität, der Schärfe. Dagegen tvar Z e d e r b a n m ein äußerst rasch arbeitender Journalist, vor Allem aber — und darin lag seine Größe — ein Organisator ohnegleichen. Er gründete im Jahre 1861 in Odessa den „Ramelita", an Alter und Werth das erste hebräische Blatt in Rußland. Stets >vußte er die besten hebräischen Schriftsteller um sich zu sammeln, und er scheute zu diesem Bchufe keine Mühe, kein Geld, keine Zeit. Er selbst schrieb treffliche Artikel über alle Fragen des materiellen und geistigen Lebens der russischen Judenheit, das er gründlich kannte, ebenso gründlich, als die alte und neue hebräische. Literatur., *) Nekrolog in voriger Nummer. Stämme sind wir, wenn wir ohne Zusammenhang sind, im Stande, unser Glück selbst zu schmieden. Die Verhältnisse sind stärker als wir. Nur wenigen von uns gelingt es, Neichthum, oder auch nur einigen Wohlstand für das ganze Leben, geschweige denn für unsere Nachkommen zu erwerben. „Jüdisches Vermögen hat keinen Bestand", heißt cs im Volksmunde. Es. kann ja auch keinen Bestand haben, nachdem es bloß auf dem Handel, dem unsichersten Gewerbe, beruht, und alle paar Jahre Judenverfolgungen in irgend einem Lande große Geschäftskriseu erzeugen. Wollen wir jedoch einmal wirklich für unsere Kinder und Kindeskinder in ausreichendem Maße Sorge tragen, dann müssen wir uns zusammenthnn. Geeint vorgehcnd, können wir der Verhältnisse Herr werden und die jetzt unüberwindlich scheinende Ai acht des Golus brcchcn. Seit mehr als einem Jahrzehnte sind auf dem ganzen Erdball jüdische Männer und Frauen in den großen Kampf eingetrcten. Hunderte von Vereinen theilcn sich in die Arbeit. Auch unsere „Morgenröthc" will bei dem großen Werke mithelfcn. §2. der Statuten dieses Vereines lautet : Der Verein bezweckt die Mrde>n»g jüdisch-wissenschaftlicher und jüdisch-wicthschaftlichcr Bestrebungen, sowie die Hebung des jüdischen Volköbcwusttscins mit Ansschlnst jeder politischen Tendenz. Ohne Hebung des jüdischen Volksbewiißtscins ist jedes gemeinsame Streben für die jüdische Gesannnthcit unmöglich. Ein Volk, das eine so ruhmreiche Vergangenheit hat, als das jüdische, welches die Welt die Begriffe Güte und Liebe gelehrt hat, welches noch heute trotz seiner Erniedrigung und Verkümmerung so-viele geniale und so viele sittliche Menschen hervorbringt — ein solches Volk darf sich nicht aufgeben. Israel ist zu gut dazu, »m bei anderen Nationen um Aufnahme betteln zu müssen. Das jüdische'Wvlksthum hat ebenso seine Existenzberechtigung, als etwa das deutsche, das czechische, das polnische oder irgend ein anderes Volksthum. Es ist nicht wahr, daß wir die anderen Völker beleidigen und den Antisemitismus stärken, Wenn es sich um die Ehre oder das Wohl unserer Nation handelte, kannte Z e d e r b a u m kein Ansehen der Person. Da schonte er ebensowenig den allvcrehrten Rabbi als den Baron. Bevor der Zionismus im russischen Judenthum entstand, kämpfte er blos gegen die Mißwirthschaft und Unordnung in den jüdischen Gemeinden, gegen die Gcineindetyrannen, gegen die Auswüchse ' der „Chedarim“ und „Jesclnbliotli" der „Batlie hairidrasclr' und der wohlthätigen Stiftungen; kämpfte'für Aufklärung, für Verbreitung, des Ackerbaus und des Handwerks unter den Juden, für zeitgemäße aber echt jüdische Erziehung. Mit dem Tage jedoch, als die national-zionistische Bewegung in Israel begann, setzte Zeder bäum im „Hamelitz“ seine ganze Kraft für die nationale Sache, ein, ohne andere wichtige Fragen des russischen Judenthnms aus den Augen.zu verlieren. Z c d c r b a u m war ein heftiger Gegner der argentinischen Colonisation, worin er ein neues großes Unheil für seine unglücklichen Brüder sah, »nd stritt daher mit alter Macht für Palästina gegen Argentinien. Mit diesen seinen Artikeln nützte er der Colonisation des heiligen Landes nnd der Belebung des Hebräischen bedeutend. Doch wie gesagt, weit mehr als Journalist war Zedcrbanm ein Mann der That. Er war fast der Einzige in Rußland, der sich ganz seinen verfolgten und gedrückten Brüdern widmete. Es gab kein einziges Werk, welches die jüdische Gesammtheit in Rußland betraf, woran er nicht den hervorragendsten Antheil genommen hatte. Er war stets der Fürsprecher seiner Stammesgenossen - vor den kaiserlichen Ministern. Er besaß keine Beredtsamkeit