Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 15 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Selbst Gmarrcipatron. Nr, 15 Wir wiederholen: „Um eines imaginären Vvrtheiles willen", denn die Juden in Ungarn sind sehr im Jrrthnm, wenn sie glauben, daß man für immer vergessen wird, sic als inferiore Menschen zu betrachten. Der nationale Chauvinismus treibt seinem Höhepunkt entgegen, und da muß er sich ganz so, wie sich dies in Deutschland und Böhmen gezeigt hat, noch nn Antisemitismus bethätigcn. Dieser ab wird als alleiniges dauerndes Residuum selbst dann Zurückbleiben, wenn sich der national-chauvinistische Rausch verflüchtigt haben wird. Die ungarischen Juden mögen an die Neaction denken, die unausbleiblich kommen muß und ihre alte Prügelknabenrollc wieder Herstellen wird. Gustav Seidemann. OrLginal-Correspsudemeir. In lau d. Wicu» den 16. September 1893. Gestern fand vor dem hicsicicn Schwurgerichte die Verhandlung gegen Paulus M e h e r, den Pfarrer Dr. Joses Deckert und den verantwortlichen Redacteur des „Vaterland", Franz Doll, wegen durch die Presse begangenerEhrenbcleidigung statt. Die Leser der „Selbst-Euiancipation" erinnern sich wohl noch, um was es sich handelt. Der Erstgcklagtc hatte einen Brief an den Ziveitgeklaglen gerichtet, tvelcher im „Vaterland" erschien und nichts weniger behauptete, als daß im Jahre 1876 voll dem Rabbi Jehuschua Leib in Osirowo (Rußland, Lublincr Gouvernement) und anderen ebenfalls benannten Personen dieser Stadt ein R i t u a l m o r d beaangen worden sei, dessen Zeuge eben der Erstangeklagte gewesen fei» will- Diese ungeheuerliche Verleumdung, tvelche noch mit den raffinir-- testen Details anSgefchmürkt ivar, erregte ungeheures Aufsehen und hotte zur Folge, daß die Hinterbliebenen deS genannten Rabbi, tvelcher im Jahre 1873, also zwei Jahre vor dem erdichteten Verbrechen, gestorben ist, ferner die übrigen Beschuldigten, welche alle noch leben, durch den Wiener Advocaten Dr. Joses Ko pp — bekannt aus dem Processe Rohling-Bloch — gegen die Ehrabschneider die Ehrenbcleidigungsklage erhoben. Die Verhandlung dauerte nur einen Tag, aus dem einfachen Grunde, weil die Sachlage in Folge der Vcrtheidigungsart der Angeklagten eine sehr einfache mar. Die Angeklagten machten nämlich gar nicht Miene, >vie dies in Ehrenbcleidignngsprocesien üblich ist, den sogenannten Wahrheitsbeweis anzutretcn. Vielmehr zogen sic cs vor, einander die Schuld in die Schuhe zu schieben. Meyer, ein erbärmlicher, Mitleid erregender Mensch, tvelcher unserem Stamme zur Schande desielbcn cntsprosien ist, leugyete, den Brief geschrieben zu haben und wand sich hin und wand sich her, um das Augenscheinliche zu verüunkel». Der Herr Pfarrer, wiederum spielte die Rolle des bedanernsivcrthen Jrregefnhrten, ohne aber den Eindruck Vcrivischen zu können, daß er Me per gedungen habe, um einen Ritnalmord „wiffcnschaftlich" zu beiveisen. Die Taktik der Angeklagten mußte auch von den Vertheidigenr befolgt werden. Die antisemitischen Vertheidiger der beide» arischen Angeklagten waren ergötzlich, wie sie mit Augurenrnhe über die „wissenschaftliche" Ritualmord-Frage sprachen. Schließlich wurde Meher zu vier Monaten Arrests. Dr. Deckert zu einer Geldstrafe von 400 fl.. Doll zu einer Geldstrase von 200 fl., alle Drei zum Ersätze der Kosten und zur Publiciruiig des Ilrtheils im „Vaterland", in der „Neuen Freie» Presse" und im „Neuen Wiener Tagblatt" verurtheilt. Für Dr. Deckert wurde als mildernd angenommen, daß er durch die der Affaire vorausgehende Polemik p r ov o c i r t worden sei. Wien, 19. September 1893. Am 16. d. M. Scliabbatli tli’scliubiiab hielt Herr Moses Alkalay im hiesigen türkisch-israelitischen Tempel eine Predigt, in welcher er wärmstcns für die C o l o n i s a t i o n Palästinas eintrat und gleichzeitig die große Wichtigkeit der hebräischen Sprache hcrvorhob. Er bczeichncte Herrn Baron Edmund Rothschild in Paris als Vorbild und sprach die Hoffnung aus, daß viele hervorragende Männer dem leuchtende,t Beispielefolgen werden. Diese Predigt wurde sehr beifällig ausgenommen. ., . I—y Wien, den 26. September 1893. . Das Exccutivcomitc des „Zion", „Bcrbaudcs der östcircichischcil Bcrcinc für Colonlsation Palästinas und Syriens", hat sich unter Vorsitz des Obmannes Herrn Dr. Schuir er wie folgt constituirt: Obmann-Stellvertreter: Herr Leopold Paul L ö b l. Schriftführer: Herren Dr. Nathan B i r n b a um und Rüben Brainin. Cassier: Carl Bring^er. — Zum Cassaverivahrcr wurde das 'Bankhaus Alexander K o h n u. Comp., Wien, I., Kärntnerstraße 29, bestellt. Wien, den 28. September 1893. Das provisorische Comite des nengegründeten „B er c i n s M o r g en r ö t h e" veranstaltet Sonntag, den 8. October d. I. in Ro b it s ch ek' sR e stau rat i o n,I.,Wi pplin gerstr aß e47, Nachniittags drei Uhr, einen Discussions-Nachmittag. Da sich der Bestand eines n a ti o n a ljn d isch en V er - eines für alle Stände und. Altersklassen in Wien als dringend nothmendig heransgcstellt hat, so erwarten wir, daß kein Wiener Gesinnungsgenosse unterlassen wird, bei dieser wichtigen Versammlung zu erscheinen. Es gilt den Beitritt zahlreicher Mitglieder zu erwirken. Prag» den 13. September 1893.*) lieber den Ausgang desProcesses gegen Joses Hejnic, den verantwortlichen Redacteur des Koliner „Polaban", welcher sich am 25. August .d. I wegen des Vergehens, die öffentliche Ruhe und Ordnung, begangen durch Verbreitung' bcunrnhi. gciider (Blutritual.-) Gerüchte zu verantwoAcn hatte, verlautete hier nicht ein Sterbenswörtchen. Wie ich ans zuverlässigster Quelle erfahre, wurde der Redacteur freigesprochen. ®ic Narodni jednota uesko-zidovska, deren Gründung in Ihrem geschätzten Blatte bereits avisirt war, hielt bereits ihre cviistllmrcnde Generalvcrsaniiiiliing ab. Zu derselben waren mehr als 200 Pcisonc» erschienen. Die „.Jednota“ b-zweckl bekanntlich, daS czechische Nationalbewußtscin unter den böhmischen Inden zu verbreiten und zu stärken, die Hindernisse zu prüfen, welche sich dem cinträd)tigcn Zusammenwirken zum gemeinsamen Ziele eutgegenstcllcn, dahin zu wirken, daß die jüdischen Kinder in böhmifchen Schulen erzogen und uiitm-idjtet werden, daß der jüdische Gottesdienst in böhmischer Sprache abgchalten werde, böhmische Rabbinatskandidaten zu unterstützen und für dieselben Stiftungen zu gründen, die armen. Studircndcii an den böhmischen Hödsschulen und an den böhmische» Lehreranstalten zu unterstützen, für die Errichtung eines Pciisionsfondes für die böhmischen Rabbiner, Seelsorger, Prediger u. dgl. zu sorgen, aus die Entwicklung der Angelegenheiten der israelitischen Cultusgemeinden hinznwirken, die Ernchtnng eines böhniischen Rabbinatsseminars anzu> strebe», und solange dies nicht der Fall ist, dahin zu t^rkeü.daß an den iiiländischcu Rabbinatsseiui'iiaricn in theoretischer und.praktischer Weise die böhmische Sprache gekehrt werde t>. s. w. Im Namen des GründungScvnutcS cröffnctc die Bersainmlung in Vertretung des von Prag abwesenden Hern, Professor Dr. Zuck er Herr Dr. Josef Za lud. welcher auch sodann mit Acclamation zum Vorsitzenden gewählt wurde. Herr JUD. Scharf berichtete dann ausführlich über die Schritte zur Gnuidung des Vereines und crwähnie, daß bisher ohne jede Agitation 400 Anmeldungen zürn Vereine erfolgt sind Ortsgruppen aus dem Lande gibt cs 21. Die Organisation weiterer Ortsgruppen ist im Zuge. DcmComilc wurde der Dank votirt. Herr kais. Rath Lederer begrüßte dann niit einigen Worten die Gründung des Vereines, und brachte auf das Gedeihen desselben ein „Na zdar!“ aus. Darauf entspann sich eine kurze Debatte, wobei Herr Adalbert O c sie rre ich er über die nationale Lauheit einiger Mitglieder der Cultusgemeinden auf dem Lande klagte, die sich gegen die natürliche Entwickelung der Sache noch sträuben und daS Deutsche prvtcgircn, was die „Jednota“ mit allen Kräften verhindern müsse. In demselben Tone sprachen noch mehrere Redner, woraus zu den Wahlen geschritten wurde. Obmann.wurde natürlich Professor Dr. Zucker. Die anderen Wahlresnltate werden wohl Ihre. Leser nicht inler-ssiren. — Natürlich sieht die „deutsche" Gnippe der Inden Böhmens das czcck)ische Gethue nicht gerne, und darum höhnt die i» jiidi- ~ scheu Händen befindliche deutsch.liberale Presse die „Glaubensgenossen czechischcr Nationalität" — so drückt man sich doch ans. Die hiesige „Montagsrcvne" schreibt unter Linderem Folgendes: „Cbarakterisirt ivnrdc die Gesinnung so manchen Theilnchmers bei der Versammlung durch das Gespräch einer der Gruppen, dessen Zeuge wir unfreiwillig zu sein die Gelegenheit hatten: A. (erstaunt): „Sogen Sie mir, mein Herr 6., wieso kommen Sie unter die Czechcn?". 8. :D»rch meine Frau, die ist ganz böhmisch!". A. Und Sie, Herr C.?" G.: Ich muß böhmisch sein — wegen der Kundschaft!" — 8. und C. (zugleich): Jetzt aber Herr A-, sagen Sic uns, wie Sie unter die Czechen kommen?" A. (verlegen, dann rasch); „Ich, ich — ans Ueberzenznng!". 8. und G. (entfallend): „Das »lügen Sie einem Czechen erzählen!" (Allgemeine Heiterkeit in der Gruppe)". — Wenn die Geschichte nicht wahr ist, so ist sie zumindest gut erkunden; natürlich sehen aber die jüdischen „Deutschen" von der „Montagsrcvne" nicht ein, daß die Geschichte auch, ans sie selbst und ihre Gesinnungsgenossen paßt. Mechaniker Schneider war nach der Pilsner Zeitung in Pilsen und wurde vom jungczechisch-freisinnigen Abgeordneten Schwarz in die dortige Bescda cingejührt. — Ein Gegenstück zur Versammlung der „czechischcn" Juden, bei welcher sich die Jugend gar so jungczechisch gcberdct hat. ' z.z.z. *) Für die vorige Nummer verspätet cingetrossen.