Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 15 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Setbst-Grnancipakion. Seite 7 Lemberg, 14. Tischri 5684. Unsere Bewegung in Galizien faßt fortwährend festere Wurzel. Als Beweis dieser Behauptung kann der Umstand dienen, daß täglich von der Provinz und zwar aus den kleinsten Städten Briese an die Redaction der „Przyszlosc“, an das Executivcomitö der galizischen zionistischen Partei und an den hiesigen Berein „Zion" kommen, welche Aufklärung betreffs der Tendenzen und Bestrebungen der Zionisten verlangen. Es ist zu erwarten, daß mit dem Erscheinen der Jrrgonzeitung für unsere Sache ein weiterer Fortschritt zu bezeichnen sein wird. Dieselbe wird bestimmt, rvenn sich nur keine technischen Hindernisse einstcllen,' am 15. October erscheinen. — In der jüngsten Zeit ist dank den Agitationsreisen, welche das hiesige Executivcomitü veranlaßte, die Agitation nach Rzeszow und Boryslaw verlegt worden und läßt dieselbe das Beste erhoffen. Den 7. d. M. fuhren die Herrn Zipper und Bromberg nach Przenchsl, wo sie in den Localitäten des „Buchhalter- und Commisvcreines" vor einer nach Hunderten zählenden Menge den Zionsgedanken vortrugen. Nachdem die Redner geendigt, wurden die von ihneil mitgebrachten Agitaiionsbrvchnreu und einzelnen Nummern der „Przyzslosc“ im Handumdrehen vergriffen. Mit dem Verlause derselben beschäftigte sich nämlich besonders Herr Victor Mermelstein, dem es auch gelang, in kurzer Zeit eine ziemlich große Anzahl von Leuten zum Beitritte in die zu begründende „Zionsgruppe" zu beioegen. Das Comitö geht auch daran, in Jaroslau ein Filiale ins Leben zu rufen.' Für die diesjährige Makkabäerseier wurde ein neuer Plan inaugurirt, Ser, wenn er gelänge, großen Nutzen bringen kann. Es sind nämlich Wanderredner in Aussicht genommen, welche während Chanukah Galizien bereisen und in den einzelnen Städten Feiern veranstalten und sprechen werden. Die Vorarbeiten, welche einem aus 4 Personen bestehenden Subcomilo übertragen wurden, sind schon in Angriff genommen. Am l3. d. M. fand im „Zion" eineGordonfeier statt. Die in großer Zahl erschienenen Gäste begrüßten Herrn Ehrenpreis, der ein abgerundetes Bild von Gordons Größe entwickelte. Als Beleg zu seinen Worte» trugen daun die Herren A. HauSmann und C. Go Idstein Gedichte des hebräischen Dichterfürsten vor, der erstere in hebräischer Sprache, der zweite im Jargon. Den zweiten Theil der Feier leitete Herr S. Schiller mit einer überaus gciviffenhast ausgeführte» Vorlesung Uber Gordons poetische Werke eiir. Nach dem circa 1 Stunde dauernden Vortruge declainirte Herr D. Schreiber Gordon'sche Gedichte in deutscher Uebersetznng, worauf ans allseitiges Verlangen. Herr Gold st ein abermals Jargongedichte aus „Lielias chulin“ vortragen mußte. Den Abend schloß Herr G. Bader mit einer hebräischen Rede. . . . , . Am 3. October findet eine Generalversammlung im „Zion" statt, bei welcher Neuwahlen werden vorgcnommen werden. Dcr jetzige Ausschuß hat eben seinen Jahresbericht in Druck gelegt, der circa 100 Vorlesungen der letzten Saison auszählt, also für die Provinz ein guter Rathgeber sein wird.. Die Statuten der Lemberger Ortsgruppe des Verbandes „Zion" sind vorgestern bestätligt worden. Dieser Tage wird wahrscheinlich die erste constituirei'd- Generalversammlung staltsiuden J. K. Przcmysl, 19. September 1893. Vorgestern haben hier in einer stark besuchte» Versammlung im Locale des „Commis- und Buchhalter-Vereines" die Herren Siginund B r o m b e r g aus Tarnow und Gerson Zipper aus Lemberg Reden gehalten, deren warme, begeisternde Worte aus fruchtbaren Boden sielen. Es wurde ein Eiuzelvereiii des Verbandes „Zion" gegründet, welchem sosort ca. 50Personell jeden Standes und Lllters beitraten. (Bis 24. September betrug die Anzahl der Vereinsmitglieder schon 148. — Die Redaction). W. Budapest, den 24. September 1893. Die Antwort, welche Seine Majestät der König Franz Joses 1. gelegentlich der stattgehabtcn großen Manöver der israelitischen Depmärion in G ü n S ertheilte, hat in der ungarländischen Judenheit großes und peinliches Aussehen erregt. Diese Antwort läutete: „Mit Befriedigung sehe Ich auch die Gesandten der israelitischen Glaubensgemeinden jenseits der Donau, die die Zeit meines Hierseins als Gelegenheit benutzen, ihre Huldigung zu bezeigen und d a Sie Ihre treuen Gefühle betonen) vertraue ich gerne der Aufrichtigkeit derselben und wie ich daran nicht zweifle, werden sie nie Gelegenheit dazu bieten, daß Ich meine Gnade und meinen Schutz Meinen treuen israelitischen llnterrhanen entziehe." Am allerwenigsten haben sich die ungarischen Juden, eine so seltsam negativ stilisirte Antwort, welche einem Tadel aus ein Haar ähnlich sieht, zu verdienen geglaubt; daher ist das allgemeine Staunen begreiflich. Es ist auch wenig wahrscheinlich, wie manche beruhigende Stimmen meinen, daß die Antwort ganz absichtslos und zufällig so herbe ausgefallen sei. Warum sollte dies gerade den Juden Passirt sein? Und dann ist ja bekanntlich eine königliche Antwort keine Eingebung des Augenblicks, sondern ein Document, das vom Ministerium dev Innern versaßt wird. Da wird jedes Wort abgewogen,' jeder Beistrich hat seinen ' Zweck, und die mögliche Wirkung jeder Phrase wird vorausbedacht. Auch geht es kaum an, eine allerdings nnvernünfiige Redewendung des Führers der Deputation, Rabbiners von Steinamanger, Dr. Bcla Bernstein für die ganze Geschichte verantwortlich zu machen. Derselbe sagte nämlich: „Eure Majestät wolle auch in Hinkunft die belebende und beglückende allerhöchste Gnade Ihren treuen israelitischen Ilnterthanen nicht entziehen." Auf diese Worte — auch die Ansprachen -werden früher dem Ministerium zur Prüfung vorgelegt — hätte die königliche Erwiderung nicht anders lauten können, als sie eben lautete. Aber auch diese Erklärung ist unwahrscheinlich, da nicht augenomuien werden kau», daß man die Antwort so genau an eine sinnlose Ansprache angepaßt hätte, wenn man nicht zugleich hätte verletzen wollen. Es ließe sich also höchstens nur behaupten, daß von Seite des Berjassers der königlichen Antwort mit Freuden der durch die läppische Ansprache gegebene Anlaß ergriffen wurde, um den Juden Ungarns einen Denkzettel zu geben. Thatsächlich wird auch als eigentlich Schuldtragender der Ministerpräsident Dr. A. Wekerle bezeichnet. Ein hiesiges oppositionelles Blatt siihrt ans, daß Wekerle zwar keinen ernsten Grund, keine wirkliche Ursache habe, den ungarischen Israeliten zu grollen, aber es sei immerhin möglich, daß er eine Abneigung gegen die Juden enipsinde. Er sei nicht sonderlich liberal veranlagt. Die Vorlage über die Reception der Juden habe nicht er, sondern Gras Julius Szapary erwirkt und jertiggestellt, und seit den lOMonatcn Wekerlescher Regierung sei sie nicht weiter gekommen. Seit dem Tode des Dr. Hirschler sei die jüdische Gelchrtemvclt im Magnatenhause nicht vertreten. Die jüngst durch die Blätter gegangene Meldung, daß der Ministerpräsident einen jüdischen Schriftsteller, David Kohn, in'S Finanzministerium berufen habe, habe sich als unwahr herausgestellt; vielmehr sei gerade die Consegion des Genannten das Hinderniß seiner Ernennnng gewesen.*) In den letzten zehn Monaten habe ein Jude weder eine Staatsanstellung noch eine Auszeichnung von Dr. Wekerle erhalten, wiewohl er sonst mit vollen Landen Gnaden austheile. Dr. Wekerle sei Präsident eines Clubs, welcher principiell die Aufnahme jüdischer Mitglieder verweigert. In der That ist die vorstehende Erklärung der Asfaire die annehmbarste; nur müßte noch dabei Wekerle mehr als Typus denn als Person betrachtet tverden. Weniger Wahrscheinlichkeit hat die Elklärnng, an dem Vorfälle sei die angeblich oppositionelle Gesinnung der Juden schuld, und eine noch geringere Wahrscheinlichkeit besitzen andere Erklärungen, die unbedeutende Anläffe für Ursachen halten. Weil die Inden der Gemeinde Borossebes keine Deputation geschickt hätten, wäre es^ geschehen. Weil die neologeu Juden gar so zudringlich den Wunsch geäußert hätten, unter den Conseffionsdeputationen empsangeil zu werden und förmlich mir ihrem Nichterscheinen gedroht hätten oder weil die 'Neologeu sich ansangs geweigerr Härten, zusammen mit den Orthodoxen zu erschein-», sei der Tadel ersolgr. Für letztere Erklärungen spricht wohl einigermaßen der Umstand, daß Seine Majestät sich nach dem geschilderten ossiciellen Empfange der Huldignngs-Depuration an die orrhod o xen Mitglieder üerfel&en mit der Frage wandie, ob sic die Veitreter der jüdischen Orthodoxie seien Und auf die bejahende Antwort zu denselben sagte: „Es freut mich sehr, daß die Herren gekommen sind!" Jedenfalls ist die Art und Weise, wie sich die Neologen in der Deputationsgeschichte gegen ihre orthodoxen Brüder benommen haben, recht bezeichnend für die Elfteren. Die orthodoxe Jndeir Ungarns dürfeir gewiß nicht den Anspruch erheben, daß sie ganz ihre Pslicht gegen ihr Volk erfüllen, aber was ist ihre Einseitigkeit gegenüber den nationaleil Sünden der seichtesten Neologie der Welt? Zwerg gegen Riese! Bei den Orthodoxen Ungarns ist doch noch ein Erwachen im nationalen Sinne nicht ausgeschlossen, die Neologeu Ungarns aber lagen fast nichts mehr hogen, — "gerade für den religiös-srcigeistigen Theil der Zionisten eine besonders traurige und beschämende Erkenntnis. Daß diese trübe Aussicht berechtigt ist, zeigen folgende Vorfälle. Die Orthodoxen SteinamaugerS sollten sich wegen verspäteter Anmeldung ihrer besonderen Deputation auf Anordnung des Obergespans der neologeu Deputation anschließen. Daraufhin richtete die Reolog-ugemeinde der genannten Stadt eine Depesche an den Obergespan, welche jantete: „Wir b daueni, de» Anschluß der orthodoxen Deputation nicht annehmen zu können, wir könnten dadurch verunstaltet werden. Mögen wenigstens die Orthodoxen angewiesen werden, daß ihr Rabbiner im Seidentalar und die Mitglieder ihrer Deputation im Frack erjchenien muffen. Die Orthodoxen Zierden dann wahrscheinlich auf das Erscheinen verzichten" «ehr treffend fragt die „Allgemeine jüdische Zeitung", dieses rührend-alberne Gigerl-Telegramm besprechend: „Glauben denn die Herren, daß Seine Majestät beim Empfange einer jüdischen Deputation Comödianten zu sehen wünscht?" Die Herren scheinen das so stark zu glauben, daß sie sich sogar in Corridore unmittelbar vor dem Empjange nicht beruhigen konnten. „Werden denn auch wirklich diese Orthodoxen zur Audienz zugelaffen?" frng ein solcher Neologe einen hochgestellten Staatsbeaniten. „Ja, eben als solche werden sie empfangen", lautete die Antwort des Beamten. Das Kaiserwort hat viel Staub aufgewirbelt. Einer jüdischen Deputation versprach der Abgeordnete der Budapefter Leopoldstadt, Herr Moriz Mezer, zur Zerstreuung der Besorgniffe seiner Glaubensgenossen an maßgebender Stelle Informationen einzuhole». Den besten und schönsten Trost aber bietet wohl nur die „A llgemeine jüdische Z c i t u n g" den ungarischen Juden angesichts de» Umstandes, daß „man in den höheren Kreisen in der jndeufreundlichen Mode^ wieder einen Wechsel eiutreien lassen zu w.ollen scheint". Sie sagt: „Für die Juden liegt das sicherste Heil nur in Zion." sWenn die ungarischen Juden diesen Trochtesruf nur hören wollten! Üol köre bamidbar. . *) Die jüdische, „Fach"presse hat gerade diesen Fall besonders ausgebeutet. Die Nedactiou.