Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 15 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 . Sewst-Gmcmcipairon. Nr. 15 tueuu diese jähen. Unglücksfälle gegen die Summe von Unheil und Unterdrückung, welche die normalen Zeiten, in welchen der Judenhaß still und geräuschlos waltet, unserem Volke bringen, nichts bedeuten, jedenfalls wären sie am meisten geeignet, unseren Stammesgeuossen die Augen zu öffnen. Ihr Ehrgefühl sollte sich rühren und der Vorbote nationaler Thätigkeit sein. Der Zuruf „Mörder" — dieser allerunerträglichste, dieser beleidigendste Schimpf, sollte sie doch endlich mürbe und des Geschmähtwerdens müde machen. Auch der, dem der Zionismus — der Gedanke eines territorialen Centrums und Zufluchtsortes für das jüdische Volk auf seinem historischen Boden — sonst nichtzu Gesichte steht, — müßte, wenn ihm das entsetzliche Wort „Mörder" in die Ohren klingt, sich endlich überzeugt dem Erlösungswerke anschließen. Nur in „Zion" liegt das Heil, das dauernde, unbeschränkte Heil. Alles andere hat nur einen zeitweiligen und localen Werth, ost auch nicht einmal diesen. Es ist ja begreiflich, daß man dem Vorwürfe des Nitnalmordcs gegenüber nicht stumm bleiben, daß man solche unerhörte Verleumdung nicht auf sich sitzen lasten darf. Aber daß nur nicht zu viel des Guten geschehe! Unserer Meinung nach würde cs genügen, wenn sich die jüdischen Repräsentanzen aller Länder znsammenthäten und beschlössen, eine gründlich ausgcarbeitcte und leichtverstündlichc Widerlegung der Blutbcschnldigung in allen Sprachen herauszugcben und zugleich an den Gcmeinsinn der Einzelnen zu appelliren, die Blutritualliteratnr nicht auf eigene Faust nnnöthig zu vergrößern. Nur nicht. des Guten zu viel! Wer zu viel sagen will, sagt zu. wenig! Wer nicht aufhören kann, sich zu vertheidigcn. fängt an, sich anzuklagcn! Oft wagt sich die Verleumdung nicht recht hervor, sie wird nur in den Bart gebrummt. Dann darf man sic nicht noch reizen, darf man sic nicht noch nvthigen, auf die Gaffe zu treten und zu schreien. Das ist sicher vom Uebcl. B. . Zur Lage in Ungarn. i*) Vor kurzer Zeit hörte ich den Zionisten vorwerfen, daß ihre Anschauungen insofern einen Widerspruch anfweisen, als sie einerseits als unzweifelhafte Optimisten au die Zukunft eines selbstständigen, zufriedenen jüdischen Volkes glauben, dagegen die Lage der Inden dort sehr skeptisch und pessimistisch betrachten, wo hiezu anscheinend gar kein Grund vorhanden ist. Diesen Vorwurf zu widerlegen war ein Leichtes. Wir Zionisten stehen, wenn >vir die die Juden mehr oder minder interessircnden Ereignisse betrachte», auf einem a.n s s ch l i e ß l i ch jüdischen Standpunkt,, auf welchem wir uns nicht durch irgendwelche srcmdnationalc Aspirationen irritiren lassen und von dem ans wir allerdings der Zukunft des Jndenthiims — dieses als untrennbares Ganzes anfgcfaßt — mit besten Hoffnungen entgcgeil sehen. Auf hoher Warte stehend, schauen ivir die Verhältnisse der Juden in den einzelnen Ländern in vollerem Lichte, das noch um ein Wesentliches dadurch heller wird, daß uns die tausendjährige Geschichic unseres Volkes berathend und erklärend zur Seite steht. Weil ivir das Judcilthnni als uiltreuubares Ganzes betrachten, schmerzt cs uns tief, einzelne Glieder mißhandelt und unterdrückt zu wissen; es schmerzt uns aber nicht minder, wenn wir sehen, daß in anderem Falle einzelne Glieder durch momentane Ruhe, durch momentanes Nichtgcdrücktiverdcu cingclullt, an nationalen Selbstmord denken. *) Der obige Artikel heilte schon in der vorigen Rnimncr veröffentlicht werden sollen, ist daher vor dein Gefchehnige geschrieben, welches in der Bndapestcr Corrcspondcnz dieser Nmniner mitgetheilt wird. Die Nedactiou. Für die geschenkte Freiheit soll durch beit Abfall vom Jndenthum, durch das Pcrhorrcsciren alles Jüdischen, gedankt werden. Man stellt sich sofort in die Reihen, nein, , an die Tete der national radikalen Parteien, und kämpft solange als Ultradeutsche, Ultratschechen -ii. s. iv., bis man zuiic Schlüsse mehr oder minder höflich, aber ganz entschieden vernehnlen muß: Ihr seid eigentlich doch nur Inden und Ihr gehört eigentlich nicht zu uns! Auch tu Ungarn —um auf unser Thema zu kommen— stehen die Inden, vom Freiheitstaumel erfaßt, in der ersten Reihe der nationalen Kämpfer. Hier wie überall wird sich konsequenter Weise dasselbe traurige Schauspiel wiederholen — und wenn wir heute die Lage der Juden in Ungarn einer kritischen Untersuchung unterziehen, wenn wir, von den besten Intentionen beseelt, an die ungarischen Inden uns.en Warnungs- und Bittruf richten, so hoffen wir, von l en einsichtigeren Juden im Lande in unseren Bcstrebnrg n unterstützt zu werden. Die Inden Ungarns gehen bei ihren assimilatorischen Anschauungen von der Voraussetzling ans, daß sie in voller Gleichberechtigung leben. Die Re gier« » g und die offizielle 9S eit (letztere theilweise) i st i n U n g a r n d e r z e i t » i ch t a n t i sein i ti s ch. Das ist die erste Behauptung und. die scheinbar gegründetste.. Aber die Erklärung des Wohlwollens von dieser Seite ist leicht gefunden. Es wird nämlich in Ungarn mit allen Mitteln magyarisirt und da wäre es von der Regierung die größte Narrethei, die sich hiezu freiwillig stellenden Juden zurnckzuweiseu. Die Juden bilden dann schließlich in Ungarn einen nicht zu unterschätzenden Faktor im öffentlichen Leben und die Negierung hat, wie gesagt keine Ursache, die Juden in die Opposition zu treiben, da sic Opposition genug hat und^der Bundesgenossen nicht entbehren kann. Es gibt i n U n g a r n k ein c n off e n e u Anti sie miti sm u s d. h. k e i n e n i m P a r l a m e n t, keinen in der Presse. Wir wollen sehen. Die Jude» magyarisircn sich so viel als möglich, sic befinden sich am Gipfel der Seligkeit, sobald sie von den Reformplünen, insbesondere von der „Reception" hören. Dabei übersehen sie vollständig, daß sich langsam, aber deutlich eine Gegenströmung bemerkbar macht, die in den Resolutionen vieler Körperschaften, in der oppositionellen Presse markant zum Ausdrucke kommt, so markant, daß man berechtigt ist, zu zweifeln, ob die Strömung wirklich nur gegen das beabsichtigte Gesetz gerichtet ist oder nicht etwa, doch gegen die Juden selbst. Nicht nur dogmatische, sondern auch nationale Gründe werden in das Treffen geführt. Während die „Adoptivmagyareil mosaischer Confessivn"*) die Metamorphose vom Inden zum Magyaren glücklich dnrchgemacht zu haben glauben, spricht ein liberaler Abgeordneter uicd Parteiführer, Gcza P o l o n y i im Parlament**) folgende Worte: „Durch das Gesetz der Reception der Inden wird eine ' Brandfackel in das Volk geschleudert werden. Es fragt sich ob vom staatlichen Gesichtspunkte diese Reeeption zweckmäßig erscheint. Eine Vorbedingung dieser Reception gibt cs in jedem Falle, daß nämlich die Juden endlich Ungarn das Opfer bringen, ungarisch zu sein'". Und da Julius R o s e nberg dazwischen ruft: „das sind wir auch"! will Redner zwar seine College» R o s c n b e r g und V i s o n t a y als Ausnahmen gelten lassen und jedenfalls nur u n g arische I u d e n recipiert wissen. Roch deutlicher spricht der „liberale" Herr Polvnpi am 27. August in Szoboß.bei Erstattung .seines Rechenschaftsberichtes: Von den Inden, erwartet er, daß sic sich eine Organisation schaffen und ähnlich wie in Frankreich, ein der Regierung verantwortliches Organ, den *) Wie die „Politik" die migarischeil Juden ironisch ueimt. ' **) Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses vom 13.März 1893.