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Selbst-Emancipation · 1893-10-01 · Heft 15 (1.10.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 15 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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-Nr. 15 Ketbst-Hmancipation. Seite 3 Einzelvereine in seiner nächsten, unmittelbaren Umgebung betrieben.wird, so waren eben dazu obige 20 Procent der Einkünfte der Einzelvereine, und nicht erst spccielle Subventionen seitens des Verbandes in Anspruch zu nehmen." Herr Dr. Nathan Birnbaum erklärte, den ihm von der Delegirien-Versammlung angebotenen Posten eines Berbaiidssccretärs vorläufig nicht acceptiren zu können, dagegen die auf ihn gefallene Wahl zum Mitglied des ELecutivcomitcs und zwar zum Schriftführer anzunehmen, wenn ihm eine Hilfskraft beigegeben werde. Das Executiv-Comite hat denn auch bereits eine solche aufgenommen. . .. Das KLiilmarchen. Man wird sich gewöhnen. muffen, die Ritnalmvrdgefchichtcn und -Proceffe zu den Erfordernissen eines normal ausgestattetcn Jahres zu zählen. Das Blutmärchen hatte noch nie so gute Zeiten als in den letzten Jahren. Corfu, Xanten, Kolin, Holleschau folgten einander, — der vielen kleineren in dieses Fach einschlagendcn Geschehnisse gar nicht zu gedenken. Das neue Jahr hat uns wieder zwei Fälle von ganz besonders dramanscher Lebhaftigkeit gebracht: Den Ehrenbcleidigungsprcoeß gegen Meyer und Deckert i» Wien und den Ritualmvrdproceß in dem bulgarischen Städtchen Rahowo. Da, wie dort hat die Verhandlung zunächst, was den formellen Abschluß betrifft, ein günstiges Ergebniß gehabtem Wien sind das erbärmliche Individuum, welches die traurige Hauptfigur in dem betreffenden Proccsse spielt, sein hochwürdiger Protektor und der journalistische Gönner Beider vernrtheilt worden. In Rahowo wurden die drei jüdischen Angeklagten vom Verbrechen des Mordes freigesprochen. Doch nicht nur das Urtheil lautet in beiden Processen zufriedenstellend, und ist daher geeignet, Gcnugthilung zu erwecken; weit höhere Bedeutung noch hat der Umstand, daß sich in beiden Fällen aus dem Gange der Verhandlungen für jedes Auge, das sehen, für jedes Ohr, das hören, für jedes Hirn, das denken, für jedes Herz, das fühlen will, mit vollständiger Klarheit die Grundlosigkeit und Lügenhaftigkeit der gegen die Inden erhobenen Beschuldigungen ergibt. Die Gerichtsverhandlungen in Wien und Rahowo gehören zu jenen Blitzstrahlen, welche von Zeit zu Zeit die Judenfeinde bei ihren geheimsten Complotten , beleuchten. Die jämmerliche Art und Weise, wie sich die Wiener Angeklagten vertheidigtcn und die kläglichen Aussagen der Rahowoer Zeugen find beide gleich lehrreich. Wenn wir aber , das, was sich in den beiden Gerichtsstuben abgespielt hat, nicht nach der Wirkung bcurtheilcn, welche es auf uns ausübt, sondern nach der Wirkung,' welche es voraussichtlich auf die nichtjüdische Welt ausüben wird, so müssen wir unbedingt unsere Freude bedeutend herabstimmen. Denn darüben ' seien wir uns' doch einmal klar, daß es bei der ganzen Sache nicht daranf ankommt, was wir, sondern, was die Anderen davon halten. Kann man min sagen, daß diese Anderen,' wie wir oben sagten, Augen, Ohren, Hirne, Herzen haben öder haben wollen, um zu scheu, zu hören, zu verstehen und zu empfinden, wo in der Frage des Blütritnals die Wahrheit liegt? Als der Schrecken der Blutbeschuldigung von Damaskus vorüber war, glaubten die Juden, sie hätten diese traurige und grauenvolle Anklage zuni letzten Male gehört, sie sei der 'letzte Schatten, den eine zurückweichende Welt in die immer lichter werdende Gegenwart geworfen habe. Aus diesem angenehmen Traume wurde die Judenheit durch die denkwürdige Äffaire von Tisza-Eszlar gerissen.' Da wurde wieder der ganze Apparat der Blutbeschuldigung entfaltet. ' Aberglaube und Fanatismus zeigten sich wie im tiefsten Mittelalter in peinlichster Nacktheit. Als aber die glänzenden Reden der Vertheidiger und des in einen Vertheidiger umgewandelten Staatsanwaltes die Freisprechung der damaligen Angeklagten erwirkte, da zog die alte Hoffmingsseligkeit in die jüdischen Herzen ein. Auch die Tisza- Eszlarer Äffaire galt fortab als verspäteter Nachzügler. Und doch war auch diesmal der Optimismus kein berechtigter. Wir erlebten in den letzten Jahren neuerlich große Blutbeschuldigungsprocesse, die wohl immer einen günstigen Ausgang fanden, und deshalb immer als Siege begrüßt wurden, jedoch stets des Momentes, das ja hauptsächlich den Sieg ausmacht, der Niederschmctterung des Feindes, entbehrten. Alle die direkten und indirecten Verurtheilungen im Gerichtssaale konnten nicht verhindern, daß immer wieder ein neuer Fall von den Machern dieser Fälle vor- und zube- . bereitet wurde. Und alle die, herben Enttäuschungen halsen nicht — das Wort des deutschen Dichters: „Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf" kommt einem unwillkührlich in den Sinn, — noch in Xanten im vorigen Jahre glaubte man die Blutmär für immer vernichtet und auch in Kolin und Holleschau gab man sich dieser eitlen Zuversicht hin. Wahrscheinlich werden auch die letzten beiden Blutriiualprocesse. Gelegenheit geben, gegen alle Erfahrung zu hoffen daß nicht mehr Aehnliches Vorkommen werde. Oh, wollte man doch endlich solcher Selbsttäuschungen genug sein lasten! Man gehe doch hin und höre, wie modern gebildete Rechtsanwälte in empörend kühlem Töne das Blutrituale als einen Gegenstand der Wissenschaft besprechen, man halte sich doch das. Wort des bulgarischen Staatsanwaltes von der „jüdischen Sitte des Ritualmordes" vor Augen, man sehe sich die Masse an, wie sie im Gerichtssaale erscheint und gierigen Auges in schwer verhaltener Aufregung die Beschämung des jüdischen Volkes erwartet, — und alle Freude darüber, daß der Gang der Verhandlung und das Urtheil die Unschuld der beschuldigten jüdischen Märtyrer actenmäßig feststcllen, wird verrauchen. Was scheert sich blindes Vorurtheil und scruppelloser Fanatismus um- Aktenmäßigkeit, um .Wahrheit? Wir können mit Bestimmtheit behaupten, daß bisher kein Blutritualproceß, mag er auch noch so überzeugende Unschuldsbeweise zu Tage gebracht haben, auch nur einen Gläubigen oder Agenten des Blutmarchens zur Vernunft, beziehungsweise zur Gerechtigkeit geführt hat. Es ist im Gegentheil schon als großer Erfolg zu bezeichnen,, wenn die judenfeindlichen Elemente, — d. i. die Masse und ein immer wachsender Bestandtheil der Intelligenz — der Ueberzeugung sich nicht verschließen können, daß . wenigstens in dem gerade vorliegenden Falle keine Schuld vorliegt. Aber selbst dies geschieht - äußerst selten. In der . Mehrzahl der Fälle bleibt im Volke nur eine dumpfe Erbitterung zurück, als ob das Recht gebeugt worden wäre; man wagt nicht, es auszusprechen. aber man lispelt es sich zu, daß.die Macht der Juden eben schon weit reicht, auch dorthin, wo die Gerechtigkeit Die Leidenschaft .ist für Beweise nicht zugänglich und es berührt sie auch nicht, wenn gerade ein Antisemit, auf dem Richterstuhle sitzt, und das kommt cft vor, z. B. in Xanten, der seinen Richterberuf ernst nimmt und seine Antipathien nicht in einer Frage des Rechts mitreden lassen will. Nein, nach Allem, was wir erlebten, dürfen und können wir uns nicht in trügerischen Hoffnungen wiegen. Die Zahl der Opfer ist noch lange nicht erschöpft; wer weiß, wie viel j üd i sch es Blut., noch in Zukunft durch die Martern grauenhafter Beschuldigungen und Jahre lange sich hindehnender. Proceffe abgezapft werden wird! Das ist ja eben unser Schicksal im Exile, daß ein jeder von'uns jeden Augenblick den infamsten Beleidigungen von Seite jedes Lumpes ausgesetzt ist. Und wenn auch die Blutbeschuldigungen noch nicht der ärgste Theil unserer Leiden sind,

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