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Selbst-Emancipation · 1893-10-01 · Heft 15 (1.10.1893) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 15 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 SeWst-GmancipaLion. Nr. 18 geschehe,Don Seiten der Juden etwas geschehe. Es genügt noch lange nicht, daß der „Ccutralvcrein deutscher'Staats-' bürger jüdjscheu Glaubens" zu seiner jüngsten Versammlung großen Zulauf gehabt hat, wenn man sich darauf beschränkt, sich selbst nur immer und immer wieder, die asten abgeklapperten und durchgcplapperten Tiraden wieder und wieder vorzusagen, um. schließlich doch nichts zu jagen. Man hat vertheidigt, was niemand bestritten hat. und darüber versäumt zu erklären, was man eigentlich will. Und warum? Doch wohl nur, weil man selbst nicht weiß, was man will! - Wir und niit üns unsere Berliner Stammesgenossen. verlangen; in dürren Lorten die Vorzeichnung eines klaren und einfachen Programms. . Heute stehen die Wahlen für das Abgeordnetenhaus unmittelbar vor der Thür. ^Ebenso gering, wie auf christlicher'Seite das'Interesse' äii 'diesen Wählen 'ist '— schon vor 5 Jahren gaben nur 25 Percent der Wähler ihre Stimme ab, und' heute werden sich wohl noch ganz ' bedeutend "weniger zur Urne schleppen lassen — ebenso groß ist das jüdische Interesse an dem Ausfälle derselben, und es"gährt'förmlich'in"dcnjüdischen'Köpfen'UNd'Herzctt.Man verlangt einen.jüdischen Abgeordneten, um den antisemitischen Angriffen im-Parlament entgegenzutreten, wie dies seinerzeit Ricßer, Kosch und später Ludwig Lö we gethan haben. In der That war Ludwig- Löwe der letzte Jude, der einen Sitz im Abgeordnetenhaus innegehabt hat, und hier ist eine empstndliche Lücke in der Bekämpfung des Antisemitismus geblieben. Schon bei der diesjährigen Reichstagswahl waren die hiesigen Juden sehr verstimmt, daß die wenigen jüdischen Kandidaten, welche die freisinnigen Parteien überhaupt aufstcllten,. von vorncherein nur an ganz verlorene Posten kamen. Bedenkt man aber den Einfluß, dendie, Juden bei: den Landtagswa hlen inBerlin ausüben wo sie, wie die Listen von der' vorigen" Wahl' "zeigen, mindestens 500 Wahlmänii'er. wählen und noch sonst bei einer großen Zahl das ent scheidende Votum geben, bedenkt man also diesen Einfluß, der. seitdem, .durch .den plutokrMchen... Charakter .des preußische'» Wahlgesetzes noch größer geworden ist, so ist es' nicht zu verwundern, daß die Forderung nach einem jüdischen Abgeordneten, die man allerseits hört, große! Aussicht, auf - Realisirung hätte, sobald sich die geignete Persönlichkeit fände', welche die Sache in die Hand nähme," und' es versteht,'"energisch durchzugreisen. Man wartet hier förmlich darauf, daß von irgend einer Seite das erlösende .Wort fallen fall, umsomehr, als bie; politische ^Situation in Berlin sehr verwickelt ist. Hier iftzu' den früher allein rivalisirenden Parteien der freisinnigen.' Volkspattci, Nationalliberalen und Couservativ-Antisemiteu noch die'freisinnige Vereinigung gekommen. Die neue Partei: hat nun einen'sehr geschickten Schachzug gethan, indem sie der Sehnsucht 'der Berliner Juden nach einem Vertreter' durch ' die Aufstellung eines jüdischen- Kandidaten in der. Person des Justizrath Ma k o w e r cntgegengckonimeii ist. Freilich ' hätte sie kaum unglücklicher in der Personenwahl sein können. Gibt man doch Makow er Schuld, daß die' jüdische Gemeinde so gar wenig gegen den Antisemitismus gethan hat. Da aber bekanntlich selbst der Teufel in der Noth Fliegen frißt, und sie sich sogar gut schmecken läßt, so würden" die Berliner Juden sogar bei einem nationalliberalen Kandidaten anbeiße», wenn nur dadurch ihr Herzenswunsch nach einem jüdischen Vertreter befriedigt würde, wenn auch gleich eine bedeutende Anzahl jüdischer Wähler auch heute noch auf die freisinnige Volkspartei schwört: Man will nämlich behaupten, daß Engen R ich te r, der Führer' der freisinnigen Volkspartci, das freie neunte Mandat an einen feiner Getreuen schon gegeben habe, ohne die jüdischen Wünsche zu berücksichtigen. Indessen erscheint dies von einem so gewiegten Taktiker, wie Richter dies ist, nicht recht glaublich. Seine Lage in Berlin ist-ohnedies durch, beit Angriff der freisinnigen Vereinigung nicht sehr fest;' daß crfictj dabei 15.000 jüdische Stimmen*) muthwillig verscherzen sollte, ist kaum. , glaublich. Eher . wäre denkbar, daß er nicht gut iiiformirt, indessen hätte der Führer.der Volkspartei doch unter seinen Getreuesten Juden genug, die ihn informiren könnten, wie die Stimmung ist. Die drei Mandate des ersten Wahlkreises wenigstens kann er seiner Partei nur retten, wenn er das freie neunte Mandat einem Juden überläßt. Wenn er vollends , einen solchen wählt, verschon früher in dem Kampfe gegen den Antisemitismus eine führende Nolle gespielt hat, wie z.B. den Rechtsanwalt F r i e d e m a n n, den Vorsitzenden des „Comitcs zur Abwehr antisemitlschcr Angriffe" oder Dr. H. Hildesheimer, so ist er sicher, die Inden zu gewinnen und feine Mandate zu behalten. Von unserem Standpunkte am erfrenlichstcli ist die entschlossene Stimmung' in der Gemeinde, endlich die Erfüllung dieses lange zurückgehaltenen Wunsches zu erzwingen. Inder nächsten Sitzung des obenerwähnten Centralvereincs deutscher. Staatsbürger soll ein dahin lautender Antrag eingebracht werden,^ auch der;,Centralverein^ fürdie Interessen bcv jüdischen Gemeinde" wird sich damit befassen und sollten diese Kundgebungen nicht ihren Zweck erfüllen,, so sind, wie ich höre, große jüdische Volksversammlungen geplant. Indessen- Nicht e r ist ein viel zu schlauer Fuchs, -als daß er eine so starke Bewegung, die sich gegen ihn wenden könnt-,- nicht weiter wird anwachsen lassen, er wird unzweifelhaft unsere Wünsche erfüllen, um sich die Dankbarkeit der Juden zu sichern. Vom Standpunkte des selbstbewußten Inden ist es das Erfreulichste, daß endlich in die Berliner Gemeinde Leben gekommen-ist und sie anfangen will,-sich ihrer Kraftbewußt zu werden. Dies ist der feste Punkthaus dem wir fußen müssen, wen» ' wir wollen, daß unsere ' politische Zu unft im europäischen Staatslebcn weniger traurig aussehen möge als unsere'Vergangenheit und unsere Gegenwart. ■- Berl i n, den 29. September 1893. W. Josephssohn. Me erste ordentliche Delegirtenversnmnllnng des Uerdandes „Dion." Herr Dr. Saul Rafael Landau ersticht uns in Bezug auf eine Stelle des in der vorigen Nuiiiuicr unter obigem Titel erschienenen Berichtes um die Aufnahme folgender Berichtigung: „Es ist nicht richtig, daß ich als Delegirter des Eüizclvereines Rzeszüiv in der Delcgirteii-Versammluug des Verbandes „Zion" vom 4. September d. I. gesagt habe, 20 Procent der Einkünfte seien für die Agitation genügend. Es ist ebenfalls nicht richtig, daß ich gesagt habe, . Reisen seien nicht uöthig. Nichtig ist vielmehr, daß ich Folgendes gesagt habe: Es solle als Princip festgehaltcn werden, daß wie am meisten zur Unterstützung der p r a c t i s ch e u Colonisatioiisthätigkeit verwendet werden solle. Der Verband hat derzeit nicht die Mittel, um Agitationsreiscn zu unterstützen. Dies sei vielmehr die Aufgabe der Einzelvereiiie. Jeder Eiuzelverein könne nach Art. Yj’l der Verbands-Statuten für Agitationszivecke 20 Procent seiner Einkünfte verwenden, und da die Propaganda, wozu ja auch Reisen gehören, am intensivsten und am ersprießlichsten nur dann sein könne, wenn sie von jedem *) Bei der letzten Wahl, die bedeutend mehr Interesse im Publicum erregt hat, sind im Ganzen nur 75.000 Stimmen abgegeben worden..

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