Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 14 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Zewst-GmancipaLion. von der Natur ein ganzes System unüberwindlicher Hindernisse für die Schifffahrt errichtet ist, ist schon seltener und unangenehmer. Längs der ganzen Stadt ragt aus dem Meere, im breiten Cirkcl eine Reihe mächtiger Felsen hervor, so dicht beieinander, daß sogar das kleinste Rnderschiffchen sich nicht dnrchdrängen kann. Jaffa wäre von der Seeseite vollständig unzugänglich, wenn nicht glücklicherweise an einer Stelle dieser Felsenkette eine kleine Lucke bestände. Diese Lücke bildet den einzigen Eingang zur Stadt. Er ist breit genug, um ein Ruderschiff durchzulassen, aber auch schmal genug, um beim kleinsten Fehler in der Richtung des Bootes, das Boot der Gefahr anszufetzeu, an Felsen zerschmettert zu werden. Um dem Bilde einen sinnvollen Nahinen zu geben, ragen an beiden Seiten der Felsenkette Ucberrcste von zwei Dampfbooten, eines russischen und eines englischen hervor, die unlängst hier gestrandet sind. Sogar bei verhisttuißmäßig ruhiger See bildet diese Meerespartie vor Jaffa einen Hexenkessel ewig tobender und ewig schäumender Wellen. Ter Anblick dieses Marterweges, den wir durchzngehen halten, um nach Palästina zu gelangen, wäre ziemlich entmnthigend, wenn ein heimliches inneres Gefühl mir nicht zuflüsterte, das; auch in diesem Unglück — wie in jedem anderen — ein Glück verborgen ist. Vielleicht war es der Schutzengel des jüdischen Volkes, der diese Felsen hier in den Meeresgrund gepflanzt hat. Es ist vielleicht gut und rathsam, daß Palästina nicht zli offen und zu einladend auf der großen Mecrcsstraße lag. daß die mächtige Anziehungskraft dieses Landes ein wenig durch seine Unzugänglichkeit nentralisirt wurde; bei dem starken Kolonisationsdrang der modernen europäischen Volker, bei der außerordentlichen politischen und commcrziellen Bedeutung' der Ostccke des Mittelländischen Meeres (besonders seit der Durchstechung des Snezkanals) märe Palästina bei günstiger Küstenbilduug schon langst von einer europäischen Macht annekiirt und kolonisirt worden und für Israel verloren gegangen.") Ich hatte keine Mnße, diesen Gedanken bis zum Ende anszndenken. die kleinen Landungsboote kamen Hera», umringten nnser Schiff, und ein lärmender Trupp von Hoteliers, Dragvmans und Trägern polterte die Schiffstreppc hinauf. Es dauerte nicht lange, als Herr Kaminitz, der Hotelier, bei welchem ich Zimmer bestellt hatte, uns — mich und meine Frau — samm't unserem Gepäck in sein Boot brachte. Die Paar Dutzend Stöße, die man bei solcher Gelegenheit empfängt und gibt, die Gefahr, mit derber Sprung von der Schiffstreppe in das ans den Wellen hin nnd herfchaukelndc Boot verbnndeii ist, — Alles dieses gehört zu den üblichen Vergnügen einer orientalischen Landung. Zwanzig lange Ruder, von mächtigen Araberhänden geleitet, brachten unser Schiff in Bewegung. Schnell nnd sicher, die hohen Wellen hinansnttd hinunter gleitend, ging es dem User zu. Mit fester und geübter Hand gab der Steuermann dem Schisse die Richtung gerade gegen das schmale Fclsenthor. Je näher der gefahrvollen Stelle, desto unregelmäßiger und gekräuselter die Bewegungen der Wellen. Auch die Bewegungen der Ruderer werden immer kräftiger und intensiver; bei jedem Ruderschlage aufstehend und mit voller Brustnnd Muskelkraft das Ruder handhabend, treiben sie das Schiff durch die schäumenden Wellen; der am Anfang kaum hörbare Singsang, mit dem sie ihre Arbeit begleiten, wächst zum lauten, schreiende» Gebet, i» dem sie Allah nnd seinen Propheten um Hilfe und Rettung anrnfen. Eine mächtige Welle schiebt unser Schiff in die Höhe; ein plötzlicher lauter Commandoschrei des Hoteliers; alle Ruder schweben bewegungslos in der Luft; bleiches Entsetzen ans allen Gc- *) Bekanntlich hat sich jetzt eine Hascnban-Gesellschast gcbildet.Dic Rcdactivii. sichtern; vor dem Kiel des fliegenden Schiffes zwei große dunkle Felfen, — und zwischen ihnen durch die schmale Ocffnung geht nnser Boot wie ein Pfeil hindurch. Wir sind plötzlich ans ruhiger, spiegelglatter Wasserfläche, ein paar nachlässige Nnderschläge der ermüdeten Araber, und unser Boot hält an der steinernen Treppe des türkischen Zollamts, des sogenannten neuen Zollamtes, das alt und schmutzig, wie eine mittelalterliche Ruine anssieht. Aus dem wüsten lärmenden Ehaos, das auf dem Landungsplätze herrschte, drangen bekannte Stimmen au mein Ohr. die mir ein freudiges „Willkommen in Erez Israel znricseu". Es waren ein paar Gesinnungsgenossen, die uns die Ehre machten, uns bis zum Ausschiffungsplatze entgegen zu kommen, Herr Leo Bienstock, der Obmann des Executivcomitcs der Odessacr- Palüstinagescllschaft, HerrA ise» stad t, der Leiter dere Jafsr BibliothekSchaar- Zion" und der bekannte Zionssrund Herr Feinberg, der sich in Jaffa als Industrieller niedergelassen hat. Im regem Gespräch, Grüße und Erinnerungen austauschend, gingen wir ans der schmutzigen Scheune des Zollhauses, die gleichzeitig als Wartesaal sungirt, durch die noch schmutzigeren Straßen von Jaffa zum' Hotel. Ich war erfreut, mich ins Gespräch vertiefen zu dürfen, um dadurch den deprimirenden Eindruck, welchen die Stadt ans mich machte, ein iveuig zu schwächen. Durch ein Wirrwarr von engen Straßen durcheilte» wir die Stadt, die wie ein elendes nnd schmutziges großes Dorf aussah. Eine neue breitere Straße führte uns auf die Landstraße hinan-, an der, dicht an der Stadt,' die Gärten und Häuser der deutschen Colonie begannen. Durch ein großes hölzernes Thor gelaugten wir in die Cvlonie, in deren Mitte mau uns ein zweistöckiges weißes Hans, als unser Hotel anwies. -Es war das Hotel „Palästina" von K a in i n i tz und Sohn; ein bescheidenes, einfaches, aber reines Haus, mit kleine», nicht hellen, ärmlich möblirten Zimmern, die alle durch eine das Haus umlaufende offene Gallerie verbunden sind. Rach wenigen Minuten wurde uns vvm Dampfboote unser Gepäck nachgebracht, dem mau es ohne Weiters ansehen konnte, Vas; es eine türkische Zollvisitation durchgemacht hatte: die Stricke losgelöst, das Schloß abgebrochen, das Innere durchwühlt; es bewies einen hohen Grad vön Ehrlichkeit, daß Nichts von den Sachen abhanden gekommen war; ein Theelöffel, der im Zollamt aus dem Koffer gefallen war, Ivar von dem arabischen Gepäckträger in Verwahrung genommen worden, und uns jetzt zurückgegeben. Nachdem wir uns iiu Zimmer so gut wie möglich eingerichtet hatten, ließ ich mich aus der Veranda nieder, um mich von der Reise auszuruhen und die Umgebung des Hotels kennen zu lernen. Der Anblick, der sich mir darbvt. war ein überraschender. Bor mir lag, wie hingezanbert, ein mürchenhast schönes Panorama, die Ebene von Judäa. Unmittelbar am Hotel, dicht unter uns, begannen vie berühmten Garten, die Jaffa in breitem, blühenden und duftenden Kranz umgeben, sein Schmuck und Reichthnm, sein Stolz nnd Ruhm. Das schöne frische Grän der Orangen- und Citronenbänme lachte heiter den Soiinenskrahlen entgegen; hinnd da erhoben ernste dunkle Cypresseu ihre spitzen Pyramidenhäupter nnd hohe Palmen, die schönen Symbole dieses wundervollen Landes hielten ihre stolzen Blätterkroncn über dem Lande ansgebreitet: ein süßer sinneberauschender Wohlgernch, der Dnft der Orangebliithen dmchtränkte die Lust. Weiterhin hu Osten, hinter den Gärten sah man die blühenden Wiesen Judäas, an vielen Stellen mit schattigen brcitästigen Oelbäumen bedeckt, nnd hinter ihnen, in der blauen Ferne, am Horizont, die dnukle Kette der judäischeu Berge. . . . Bom Westen Herdas gedäinpfte zornige Brüllen des stüriuischen Meeres,