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Selbst-Emancipation · 1893-09-01 · Heft 13 (1.9.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 13 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 §ekbst-Gmancipalion. immer mehr eine anwtdernd praktische oder gar cynische Lebensanschaunng innerhalb desselben, platzgreift, thut sich ihm im Zionismus eine neue Quelle von Begeisterung ans. Der Zionismus allein ist der Born, aus welchem Israel sich neues Leben trinken kann und wird. Und nur für eilt solches materielles und sittliches Lebeit Israels verlohnt es .sich zu sterben, und nur für dieses wird mon heute noch Todesverachtung in Israel finden könne». Tie alten Schlagworte haben sich mit den alten Verhältnissen überlebt. Mit den besten dieser Schlagwörtcr vermag man ans dent ganzen Israel der Jetztzeit auch nicht einen Tropfen jener Opferwilligkeit für das jüdische Volksthum herauszudestillirren, die in einem einzigen Zionisten wohnt und ohttc alle künstliche Nachhilfe waltet. , B. Der Katholikentag nr Krakau. Ein Beitrag zum zionistischen Bcweisniaieriale. Die Oberbonzen der Assimilation in Galizien und die sie allmählig verdrängenden, mit socialdemokratischem Flitterwerk ausgestattcten Faiseure suchen die Judenfrage immer auf die einfachste Formel eines wirthschastlichen Kampfes znrückzuführen. Die Formel stimmt zwar nicht immer, ein Blinder kann das Hincinspielen von ethnischen und cultnrellen Gegensätzen in die Jndenfrage sehen, aber was liegt daran? Hinter Phrasen versteckt, walten Gedankenlosigkeit und Unthätigkeit und trösten sich mit dem „Naturgesetze" des „wirthschaftlichen Kampfes", oder warten ans die sociale Revolution, welche ja so schön mid prompt den „dummen Kerl von Wien" in einen „Bemühten" und die „Vorfrucht" in eine „reife Frucht" verwandeln wird. Wohl erhob sich von Zeit zu Zeit sowohl von jüdischer, wie von nichtjüdischer Seite eine Stimme, welche gegen die flache schablonenhafte Erklärnngsiveise Protest einlegte, aber sie wurde jedesmal von den „Abwehr"-Organen verschiedenster Sorte niedergeschrieen. Aber die „kurzsichtigeil" Zionisten wiederholten immer wieder das Gesetz von der Rassennnvertrüglichkeit. aus die Gefahr hin, von käuflichen Bravos, tvelche den Philosemitismus geschäftlich betreiben, auf meuchlerische Weise an ihrer Ehre verletzt und mit antisemitischem Lnmpenvolk in einen Topf geworfen zu werden. Plötzlich erhielten wir Hilfe von einer Seite, woher wir sie gar nicht erwarteten. In der „Neuen Freien Presse", welche wir doch nicht näher zu characterisiren - brauchen, stand cs klar und deutlich zn lesen, daß der Antisemitisnius eine vom wirthschastlichen Kampfe wesentlich unabhängige Erscheinuug sei und daß er wohl niemals aufhören werdeder Alaun, der das niederschricb, war kein unbekannterJonrnalist,— sondern Cesnre Lombroso. Seine Ansicht enthielt für uns nichts wesentlich Neues, sagten lvir doch dasselbe schon oft vorher, sogar präciser imb eindringlicher. Wir legen die gewichtige Stimme Lombroso's, im Großen und Ganzen eine treffliche Diagnose, zu unserem Beweismaterial. .... Wo die Formel vom wirthschastlichen Kampf nicht hinreichte, wurden die Biographie, der Stammbaum, die Vermögensverhältniffe, die seelische Verfassung und andere Angelegenheiten der antisemitischen Führer herbeigezerrt, und auf diese Weise der Antisemitisnius vernichtet. Da wurde heransgefunden, daß Stöcker ein Meineidiger sei, Schneider ein Fälscher, Ahlwardt ein Verleumder, Böckel ein .Ehebrecher, Lueger ein Herrgottspfänder, Paasch ein Idiot u. s. w. ohne Ende. Das Sectionsresultat wurde der triumphirenden Garde verkündigt, welche in ihrer Kurzsichtigkeit gar nicht merkte, daß eine Bewegung, welche so fragwürdige Individuen hinanftrage, von elementarer Gewalt sein müsse, wenn sie so ganz und gar das Volk die elementaren Begriffe der Ehre und des Gesetzes vergessen macht. Aber was focht das die mächtigen Schützen mit ihren kothigen Geschaffen an? Wenn dem Schönerer der Schmul Leb Kohu oder dem Deckert Unwissenheit angehängt wurde, so ist dadurch zwar für's Judenthum nichts geleistet und die Leidenschaften sind noch gesteigert ivorden, aber die Gegner sind „todtgemacht" und, was die Hauptsache ist, die Leser sind nach ihrem Geschmacks gefüttert. Doch was geschieht, wenn im antisemitischen Lager ein Mann erscheint, an dem kein sittlicher Makel haftet, der kein ehrgeiziger Streber und auch keine catilinarische Existenz ist? Und ein solcher Mann ist bereits erschienen. Graf St. Tarnowski, der am Katholikentage zu Krakau sich ohne Umschweife zum antisemitischen Programm bekannte, wobei er es freilich nicht unterließ, den Namen „Antisemitismus", den er für eine gottlose, christenfeindliche und revolutionäre Richtung hält, zu verpönen, dieser conservative Gras hat nie einen Meineid verbrochen oder Wahlzettel gefälscht, buhlte nie um die Gunst der Menge, die er gründlich verachtet, ist einer der größten Gelehrten Polens und kann ruhig seine sittliche Qualität erproben lassen. Und doch hat dieser Graf auf die Gefahr, welche dent Polenthum von Seiten der Juden angeblich droht, hingewiesen, die Polen aufgefordert, „den Handel und die Industrie wieder zu erobern" und es als eine Sünde erklärt, wenn galizische Erde in jüdische Hände übergehe. Nicht illegale Mittel empfahl der conservative Graf, sondern alle jene Heilsmittel, welche in der Apotheke des Katholicismus zu finden sind. Das jüdische Capital aus Industrie und Handel zn verdrängen, dem jüdischen Proletarier. arbeite er productiv oder unprvductiv, sein Existenzminimum zu eutreißen, das sind die Postulats der katholischen Herren, welche werden durchgeführt werden, weil ja die Beschlnßfassenden thatsächlich in Galizien regieren und wohl Mittel finden werden, um ihre Beschlüsse in Thaten umzusetzen. Was nun? Wenn jemand dem Ertrinken nahe ist was wird wohl sein nächster Gedanke sein? Rettung, Rettung. um jeden Preis! Was würden wir sagen, wenn jemand im Augenblicke des Ertrinkens, statt an die Rettung zu denken, Betrachtungen über die Eigenschaft des Wassers, welches schwere Körper sinken , läßt, anstellen würde? Ein solches Beginnen müßten wir wahnwitzig nennen, und anders kann auch nicht das Gebühren der jüdischen Blätter von der „Neuen Freien Presse" bis zur jüdischen „Fachpresse" herab genannt werden. Ist es doch klar, daß die Herren am Katholikentage keine müßigen Rednertourniere unternommen haben, daß ihre Neben vom niederen Clerus für seilte Predigten excerptrt werdett und daß der antijüdische Gedanke auf diesem Wege in die breitesten Schichten dringen wird. Man sollte nun. vermeinen, das; wir auf Abstellen des Unheils, auf Beseitigung der Gefahr bedacht sein werden. Nichts von alledem! Da winselt in der „dienen Freien Presse" Jemand, der keine Idee von galizische» Verhältnissen hat, stellt die polnischen Juden als rückgratlose Bettler hin und bittet um Mitleid für dieselben. Zu dumm! Die jüdischen „Fach"blätter aber suchen dem Grasen Tarnowski nachznweisen, daß er eigentltch kein guter Christ sei. Als ob solches Gewäsche unsere Lage zn bessern im Stande wäre. Nein, nicht mit dem Gegner sollten wir discutiren. sondern mit den Thatsachen rechnen. Und Thatsache ist cs, daß durch die „Agricultur-Vereine" (kölkarolnieza), bte christlichen Handlungen, die „Kauft nur bei Christen" Eoncurrenz. Salzmönopol, die Juden überall verdrängt und declassirt werden. Wir müssen uns klar werden, was wir eigentlich zu erwarten haben, wenn wir die Dinge treu dem „laissez faire" gehen lassen. Die capital kräftigeren Individuen, deren Capital im Lande brach liegen muß, cmigriren nach Amerika, wo sie, dem Wirrwarr der tollen amerikanischen

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