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Selbst-Emancipation · 1893-09-01 · Heft 13 (1.9.1893) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 13 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SelM-Grnancipation. Nr. 13 gegen die große und großartige Freiheit des erlösten Israel? Nur daun, müssen mir zugeben. hat die Meinung des Herrn Dr. J ellin e k etwas ans sich, wenn man sich ans den Standpunkt des reine» jüdischen- Nationalismus stellt. Diese dauernde Wirksamkeit der jüdischen Nationalität als solcher in Europa ist ein geschichtliches und politisches Unding, eine in Europa nichtivirksame jüdische Nationalität aber hat nur dann einen Sinn, wenn ein nationales Genttim besteht, wo der jüdisch-nationale Geist selbstständig siir Wohlfahrt und Fortschritt wirken kann. Doch wir wollen, wie gesagt, hier nicht Dinge eingehend wiederholen, welche ivir oft genug gesagt haben. Auch auf . die Bespöttelung der neuhebrüischcn . Spracherweiterungen, welche sich Herr Dr. Jellinek erlaubt, wollen wir nicht reagiren, — die ganze diesbezügliche Bewegung scheint ihm ja fremd zu sein, denn sonst wüßte er ein anderes Materiale zu benützen, als einen Artikel im „Hasaron" über diesen Gegenstand, der recht gut geschrieben ist, durch den aber die Bewegung in nicht höherem Maße autoritativ vertreten und erschöpft wird, als etwa z. B. die Politik Bismarcks durch einen diesbezüglichen Aufsatz in Meyers Conversationslexicon. Auch mit dem beliebten und von uns schon charakterisirten Schachzug, die jüdische Nationalbewegung als eine bloß von polnischen und ruffischen Juden propagirte hinzustcllcu, wollen wir uns nicht weiter befassen. Herr Dr. Jellinek weiß jedoch diesmal auch eine ganz neue Saite anzuschlagen. Er erzählt die Midraschsage, wie Jacob auf dein Sterbebette seinen zwölf uneinigen Söhnen seine Sorge um die Zukunft' des HanseS mittheilte, worauf sieim Chore antworteten: „Höre Israel, Adonai unser Gott ist Adonai der Einig-Einzige!" Es liegt nahe, was Herr Dr. Jellinek aus dieser Midraschsage folgert:. „Dieser Gottcsglanbc", spricht Herr Dr. Jellinek für die Söhne Jacobs weiter, „ist das Baud und die Bürgschaft unserer Einheit. An diesem Gottesglaubcn wollen wir alle sesthalten, er wird tins und unsere Nachkommen zu allen Zeiten einigen, brüderlich stimmen und uns erinnern, daßwir zusammen gehören und trotz aller Verschiedenheit der Charaktere eine geschlossene Einheit . bilden müssen. Anfeindungen,. Verfolgungen und Bedruckungen werden nicht im Stande sein,-den Nus Schma Israel zu ersticken. Wir haben die feste Ueberzeugung, daß unsere Nachkommen stets von diesem Geiste belebt und erfüllt sein werden. Scheiterhaufen werden lodern, unsere Nachkommen werden sic muthig und entschlossen besteigen und mit lauter Stimme ausrufcn: -Höre Israel, Adonai unser Gott ist Adonai, der Einig-Einzige". Und nach diesem erweiterten Citat ruft Herr Dr. Jellinek aus: „Glaubt Ihr, meine Herren Zionisten, daß die Idee einer jüdischen Nationalität denselben, die sie nähre», eine gleiche Todesverachtung einflößen würde?" Die Frage erfordert natürlich eine Antwort. Wir wollen mit derselben keineswegs zuriickhalten, und cs soll uns aufrichtig freuen, wenn sie den geschätzten Fragesteller befriedigen wird. Wir werden uns dabei streng an die Frage halten, und daher auf die schöne. Midraschsage wenig zurückkominen. Erstens weil wir uns thatsächlich unfähig fühlen, mit Dr. Jellinek im homiletischen Vorträge zu concurriren. Zweitens weil wir meinen, daß das „H ö r e, Israel," auch „Höre, Jsrnrl" gelesen werden muß, und alles, was darauf Bezug hat, nur von I f r a e l. gilt, ' d. h. der israe- . lilischen Nation, nicht von sogenannten mosaischen Deutschen, Franzosen und Slaven. Drittens, weil cs auch Midraschstcllcn die schwere Menge gibt, welche das Streben nach nationaler Wiedergeburt verherrlichen und wir. leicht daraus eine wühlen und erzählen könnten, wen» wir nicht den Raum für die Beantwortung der Frage des Herrn Dr. I e ll i n c k brauchen würden. Wir wollen unsere Erwiederung ans echt jüdische Weise mit Gegenfragen einleiten. Glauben Sie Ehrwürdcn, daß der Gottcsglailbe. an sich heute noch den Juden dieselbe Todesverachtung einslößt' wie einstmals? Glauben Sic, Ehrwürdcn, daß eine Einheit der Juden nur dazu nothtvendig ist, um Todesverachtung, und nicht auch dazu, um Volksgliick zu erzeugen? Wir Zionisten glauben, daß das jüdische Volk schon viel zu lange Gelegenheit gehabt hat, Todesverachtung zu bezeugen, und daß ihm durch die Üeherspannung der Kräfte der Athenudes Muthes ausgegangen ist. Sehen Sie sich doch' in Europa um, Ehrwürdcn, wo finden Sie denn heute da Todesverachtung unter den Juden um ihres Jndenthums willen? Sollen etwa die Gecken in den Ballsülen und die Sportsmänncr aus den Turfplützcn, welche einen so beträchtlichen Bestandtheil unserer jungen jüdischen Generation bilden, Candidaten der Todesverachtung sein? Oder um von ernsteren Elementen zu reden, soll man von den jüdischen Arbeitern, die zur Cvnfessionslosigkeit geschworen haben, oder von den jüdischen Studenten, die züm größten Theile bereit sind, für eine gute Stellung eine beliebige Religion anznnehmen, den Märlyrermnth erwarten? Schauen Sie sich doch um, Ehrwürdcn — auf allen Seiten Gleichgiltigkeit, Verrath, Abfall! Wer noch sozusagen glaubt, ist-durch die socialen und wirthschaftlichcn Verhältnisse des gegenwärtigen Israel verkümmert, seine Frömmigkeit ist nicht innige Herzenssache, sondern Sache der kühlen Gewohnheit; aus solchen Elementen werden keine Märtyrer. Wer wieder nicht glaubt, bat kein anderes Band, das ihn an seinen jüdischen Stamm knüpfte.. denn man hat ihn gewöhnt, Israel als bloße Religionsgcnossenschaft zu betrachten. Es ist die scheußlichste Deroute im jüdischen Lager eingcrissen. Alle Bande der Zusammengehörigkeit lösen sich; der Versuch, einem national zersplitterten Israel bloß durch die Religion eine Einheit zu verleihen, hat Bankerott gemacht. Die jüdische Jugend lacht heute nicht mehr allein über die frommen Juden vom alten Schlag, sie spottet auch über den „Mosaismns". Auch der steht derAssimilation im Wege. Und das ist ja auch ganz richtig. Wer A sagt, muß V sagen. Es gibt keinen Stillstand auf halbem Wege. Sic wähnen dem Gottesglauben zu nützen, Ehrivür.den, und treiben nur das Wasser auf die Mühle der intransigenten Jugend, welche Ihre Hilfe gegen die. unbequemen Zionisten gerne annimmt, sich aber dabei über Ihre religiöse Sentimentalität lustig macht. Sic vertheidigen eine Positiv», die schon längst über den. Hausen geworfen ist,.— von denjenigen, welche sie selbst für Ihre Jünger halten, die aber längst nicht mehr auf Ihre Stimme hören. Diejenigen aber, gegen welche Sie Angriff auf Angriff richten, die Zionisten sind die Partei der sittlichen Wiedergeburt Israels, die wahre Volks-, die wahre Einheits- . Partei. Die Zionisten sind cs, welche darangehen, wieder frisches kräftiges Empfinden in die dürren Golusjudenseelen zu flößen, und sie sind, auch ihren Bestrebungen entsprechend, fast die einzigen innerhalb des europäischen Judcnthums, welche Alles, was sie sind und Alles, lvas sie haben, auf den Altar ihres Volkes jederzeit niederzulegen bereit sind. Die letzten 11 Jahre haben.dafür viele Beispiele geliefert, von den Studenten, welche ihre Karriere aufgaben, 1,11t. der Colonisation Palästinas zu dienen, bis zu den Männert', welche ihr Einstchen für die zionistischen Principien m>t einem Deficit an Ruhe, Wohlfahrt und Gesundheit bezahlen. Während das. europäische Judenthum trotz aller Bestrebungen Einzelner in assimilatorischer und religiöser Richtung immer mehr an sittlichem Gehalte verliert und während

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