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Selbst-Emancipation · 1893-08-01 · Heft 11 (1.8.1893) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 11 (1.8.1893)
Date
1893-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 SelM-Gmancipakion. Nr. 11 ja gelehrt, daß nicht die Arier, sondern die Seiniten den Berns der Religionsgründung in sich tragen. Die socialistischen Empfindungen der abendländischen Massen mögen an Stärke der religiösen Empfindung gleichkommen, wovon ich selbst überzeugt bin, das Wesen derselben tragen sie dennoch nicht in sich. Bon ■ den Wirkungen dieser socialistischen Empfindungen kann man sich nun viel für die Lösung der Jndenfrage versprechen. Ob mit Recht? Jedenfalls wird man bezüglich des Zeitpunktes, in ivelchem diese günstige Wirkung cintrcten soll, sich nicht allzu sanguinischen Hoffnungen hingebcn dürfen, — und auch Sie, hochgeehrter Herr' Professor, bekunden ja diesfalls einen recht weitgehenden Pessimismus. Was den Zionismus spccicll betrifft, so kommt es mir vor, als ob Sie, hochgeehrter Herr Professor, in Einem und dem Anderen uns mißverstehen oder schlecht informirt sine. Vor Allem ist es den Zionisten, ivie ich dies schon öfters zu betonen Gelegenheit fand, nicht um die Hinüberbringnug d er Inden nach Palästina (trnsporta ücgli cbrei in Palestina) zu thnn. Nicht alle Inden wollen wir nach Palästina führen. Ganz im Gegciithcile! Wir wissen, daß dies nnmöglich, nnrathsam und vor Allem auch von nnscrem Standpunkte ans nnnöthig ist. Wir lvollen nur ein jüdisches Territorinin, welches den in Europa von Zeit zu Zeit überflüssig und überschüssig ivcrdendcn Inden, ein Zufluchtsort sei, woselbst sie Brndcrarme und die Gelegenheit des Fortkommens erwarten; ein Territorium, welches dem günzen jüdischen Volke als Centrnm moralische und im äußersten Nothfallc auch materielle Dienste leiste. Und deshalb ist cs gerade das lateinische Europa am allerwenigste», ans welches das Auge der Zionisten gerichtet ist. Die Zahl der Inden in den lateinischen Ländern — mit Ausnahme Rumäniens — ist so gering, die Lage derselbe» vorderhand relativ so erträglich, daß cs uns gar nicht cinfällt, zu denken, cs könnten z. B. auch italienische Inden in irgendwie ncnncnswerther Anzahl nach Palästina wandern wolle». In erster Linie kommen die russischen und rumänischen, die persischen und marokkanischen Juden in Betracht. Die Jndenfrage, hochgeehrter Herr Professor, ist doch gelviß damit noch nicht .gelöst, daß man sich gegenüber dem Elend von 0 Millionen Juden im Osten nnd gegenüber den Unbilden, welche weitere 2 Millionen in Mitteleuropa zu erdulden haben, mit dem Tröste begnügt, daß die 50.000 italienischen und die 100.000 französischen Inden nichts zu leiden haben nnd in, italienischen resp. französischen Volke ansgegangen sind. Auch dieses letztere möchte ich nicht für eine absolute Thatsache halten. Wie würde es damit aussehen, wenn das numerische Verhältmiß der Inden zu den Christen in Italien dasselbe würde wie in Oesterreich-Ungarn nnd Deutschland oder gar in Rußland? Ich weise ans Frankreich hin, das schon jetzt in Bezug auf sein Verhalten gegen die Inden, hinter der italienischen Schwcsternation znrücktritt, und ich verweise ans Rumänien tvclches gewiß kein Beiveis für eine der lateinischen Nace immanente Eigenschaft ist, die Juden wohltvollcndcr zu behandeln. Die lateinischen Völker bcthütigcn unter gegebenen Umständen ebenso ihre Judenfeindlichkeit, äls die Germanen nnd Slavcn. Die gegebenen Umstände — das ist die Zahl. Die Zahl ist Allcinherrsä.crin auf dem Gebiete der Jndenfrage. Wir glauben daher, daß cs keiner jüdischen Gruppe, auch der augenblicklich freiesten und ai'gepaßtesten, ansteht, sich von der Zionssache sernznhalten. Und auch für die italienischen Inden besteht diese Pflicht dcr Theilnahme, ohne daß sie deshalb ihrem italienischen Vaterlande sich entfremden müßten. Davon wird sie schon der von Ihnen hcrvorgchobcnc Conservatismns der Juden abhalten; denn hier in Italien sind die. Thatsachcn noch nicht eingetretcn, welche das Beharrungsvermögen, wi: im Osten Europas, zu Gunsten der Schaffung e iics neue» Zustandes besiegen — und werden umso sicherer nicht cintrcten, sobald der neue Zustand im zionistischen Sinne geschaffen ist. Doch die Juden des östlichen Europa sollen nach Ihrer Meinung, hochgeehrter Herr Professor, nicht die nöthige Culturkraft besitzen, um die Besiedlung Palästinas den Ansprüchen eines modernen Menschen entsprechend dnrchznführcn. Ob Sie nicht die russisch-jüdische Masse weit unterschätzen? Die rn sisch-jüdische Masse besteht nicht, wie die deutsch-jüdische, zumeist ans Factoren und Makleni. Die russischen Judeil betreiben znm größten Theile schwere Handwerke nnd sind feste, fgcsnnde Naturen — gesund sowohl an Körper, als in ihren Anschauungen. — Freilich werden diese Eigenschaften oft durch das tiefste Elend verdunkelt. — Außerdem steht die russisch-jüdische Masse unter der Leitung von Männern von Bildung, welche sich durch ihren hohen Grad von Begabung, sowie von Menschlichkeits- und Gerechtigkeitssinn anszeichnen. Hunderte Ingenieure, Hunderte Chemiker, Hunderte Agronomen, Hunderte Aerzte, Hunderte Lehrer aus rnssisch-jüdischem Stamme sind jeden Augenblick bereit, ihr Leben und Streben der zionistischen Sache z» widmen, ein kleiner Thcil von ihnen ist, soiveit es das gegenwärtig im AnfangSstndium befindliche Werk verlangt, bereits an der Arbeit. Rechnen Sie nun noch hinzu, hochgeehrter Herr Professor, daß sich auch geistige Kräfte deutsch- und französisch-jüdischer Abkunft der heiligen Sache dieser Bolkserlösnng zur Verfügung stellen, und in immer größerer Anzahl stellen werden! Nach alledem wäre fast zu fürchten, daß eher zu viel als zu wenig Cultur für den Anfang getrieben lvird. Aber nicht nur das Material, womit coloiiisirt wird nnd Iverdcn soll, ist ein geeignetes, auch das Land, das coloiiisirt werden foll, bietet alle Garantiku des Erfolges. Es gibt Märchen, die ein zähes Leben besitzen, n»d ein solches ist das von der Eigenschaft Palästinas, „au nichts anderem reich zu sein, als an Traditionen". Sie könnten sich, hochgeehrter Herr Professor, leicht darüber inforinircn, daß das Gegentheil, die Fruchtbarkeit Palästinas, eine Thatsache ist. Lesen Sie zumindest gütigst die Ansichten christlicher Gelehrter über diesen Gegenstand, tvelchc für den demnächst erscheinenden Kalender des Wiener Colonisationsvereines gesammelt sind, und die ich mir Ihnen, hochgeehrter Herr Professor, im Bürstenabzüge einznsenden erlaube." Aus Palästina. Original-Berichte. Jerusalem, 15. Juli 1893. Bon den hiesige» nngarischeii Inden ausgehend, setzt sich die gegen eilige Entsreiiidnilg der verschiedene» Kolelim innncr mehr fort. Die ungarischen Inden, überall leider bis ans ivcnige Ausnahme» die Borkämpf.r der Zwietracht ini jüdische» Lager, erhalten von ihren auswärtige» Landsinännern, namentlich in Amerika, Spenden, tvelchc »nr für sie, nicht für „Fremde", bestimmt sind. Böse Beispiele verderbe» gute Sitten, nnd so sperrt sich die Landsinannschasr jedes russischen GonvernemeiitS von de» übrigen LandSmamrsitiaste» ab. Derselbe Geist nimmt unter de» sephardsichen Inden zn. Die Nalionaljnden sind mit dieser Gestalinng der Dinge ganz und gar nicht nnznjrieden, denn sie sehen in dem Bestände von unzähligen Gruppen nnd Grüppche», welche eben nicht aus die Dauer existenzfähig sind, denjenigen Zustand, der zur Einheit jiihrcn muß, während die bisherige Th ilnng in die zwei grossen Gruppen Aschkenasim nnd Scphardim snr Einheilsbestrebniigcil viel anssichtSloscr war. Macht noch angeldem die Belebung der hebräischen Sprache Fortschritte, wie man hofft, so werden die llcinen Fractionen bald ganz von der hebräischen Gesamuitheit anfgcsogen sein, umsomehr, wen» die Bettelgcldcr immer kärglicher fließen, wie dies thatsächlich der Fall ist, »nd die eingeborenen Inden immer mehr gcnöthigt siitd, zur Arbeit zn greisen. Der ungarische „Kollel" wird diesem natürlichen Lause der Dinge nicht cntgegenarbeiten können. In zwanzig Jahre» lvird von ihrem albernen Sondergclüste, das sie ans der europäische» Heimat miigcbrachl habe», nichts als die Erinnerung, nnd keine ehrende, übrig sei». Die Weinlese beginnt in Rischon l'Zion am Morgen nach Tischah b'Abh Die Kelter dieser Colonie empfängt auch die Trauben von W a a d c l C h a n i n. A m i t h i. Ans Palästina. Diese Nnbrit ist in der heutigen Rumtiier wegen ilcbersüllc des anderweitige» Stoffes zn kurz gerathen. Wir lvollen die Leser in den nächsten Niiiiimerii entschädigen, »dem wir in denselben die neue st e n und a u s s ü h r l i ch st e n Colonialbecichte nnd inieicffante Special-Ariikel über e iizclne Fragen der praklischcn AnsiedlnngSthätigkcil dringen werden. Aus anderen Ländern. Original-Correfpondcnzen. Inland. SBitit, den 30. Juli 1893. Die Slcinwender-Partci, die Dculschnationalc» mit bisher „sacnlialivem" Antisemitismus, scheinen nun doch auch schon diesen letzte» schwache» Rest von Opporlnnität in der Jndensragc für inopportun zu halten. In ihrem eben erschienrueil Parteiprogramme ii!r Niederösterreich sprechen ste bereits unverhohlen von der Bckäinpsniig des jüdischen Einflnffes. Wodurch sie sich noch von der Schöncrer-Partei »»lerscheidcn? In den Idealen doch gar nicht. Also wohl nnr durch e was iveniger Offenheit und auch durch das Bediiriniß, eine» anderen Führer zu habe», richtiger: durch das Bedürfniß des Herrn S t e i n w e n d e r, selbst ein Führer zn sein nnv zu — bleiben. Im Deccmbcr dieses Jahres, also in nicht ganz fünf Monaten, wird Schönerer von den RcchlSfolg'ii seiner vor fünf Jahren erfolgten

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