Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 11 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Selbst- Emancipalwn. Ab-nnements-preise (Ziiseiidunz inbegrissr») Für Oesterreich-Ungarn ganzj. sl. 4 „ Deutschland „ Mk. S „ Rußland „ Rbl. 4 „ Amerika „ Doll. 2 „ die übrigen Länder „ Frcs. 10 Halbn. vierteljähriges Aboiiiicincnt zn den entsprechende» Thcilbcträgen. Das Abonnement kann mit jeder Nummer veginncn. Einzelne Exemplare 18 kr. Organ der Zionisten. Herausgeber und Chefredactenr: Ar. Mathan Mrnöaum. Erscheint Anfang und Mitte eines jeden Monates. Redaktion Administration Wieil, U./3, Miesbachgassc 12. (Sprechstunde: Täglich nur von 1 bis 2 Uhr Mittags.) Unsrankirte Briese werden nicht aiigeiiomiue» und Mannscriplc nicht retonrnirt. Nr. 11 Wien. 1. August 1893. V!. Jahrgang. M. Lombrvso über den Zionismus. — Aus Palästina: Jerusalem. — Aus anderen Ländern: Inland, Schweiz, Nord- . Amerika-, Notizen. — Recension. — Eorrespondenz der Administration. — Im Eisenbahnwagen. (Fortsetzung) — Inserate. Lombrojo über den Zionismus. Im Leitartikel'der vorigen Nutnmer besprachen wir die Ansichten des berühmten Gelehrten über den Antisemitismus, welche er in einem Aussätze in der „Neuen Freien Presse" niedergelegt hatte. Der Chefredactenr unseres Blattes übersandte nun den erwähnten Leitartikel, sowie die von ihm vor einiger Zeit heransgegebcne Brochüre „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande" an L o m b r o s o und erhielt bald darallf von diesenr folgendes Alltwortschreiben: „Alan sieht eine solche Aufrichtigkeit, eine solche Menschenfreundlichkeit, eine solche Unparteilichkeit des Urtheiles und der Logik in Ihrer Schrift, daß ich die Person, welche sic geschrieben hat, küsien könnte, und daß ich fühle, daß ich dieselbe lieben würde. Das hindert aber nicht, daß ich mit ihr nicht nbereinstimmen kann. Es ist wahr, daß die Gemiithsbewegung (l’emozione) die Grundlage einer Religion ist, und daß unsere geringe Erregbarkeit (emotivitä) das Entstehen neuer Religionen hindert. Aber in den nördlichen Gegenden ivenigstens, sicher beim Angelsachsen, ist die Erregbarkeit und daher die religiöse Fruchtbarkeit nicht ausgelöscht. Und da, wo der Socialisnius so große Fortschritte gemacht hat, müßte der neue Glaube entstehen. Die ticse Bewegung und Erschütterung, welche der beginnende Socialismus hervorbringt, im Verein mit interessirten Hoffnungen, müßte dazu beitragen. Es kommt hinzu, daß die Wunder des Hypnotismus und des sogenannten Spiritismus geradezu geschaffen scheinen, um diese Gesammt- | heit (insieme) wunderbarer Phänomene vorznbereiten, welche in einer Religion zufammentreffen, um vorwärts zu kommen. Es wäre das erstemal, daß die Männer der Wiffenschast mit der Religion gemeinsame Sache machen würden. Ich kann für's Erste, was die Uebersiedlung (twasxorto) der Juden nach Palästina betrifft, Ihre Meinung nicht theilen, wenigstens soweit es auf die Juden des lateinischen Europa, welche ich studirt habe, ankommt. Dieselben haben sich den Geist des Landes, in welchem sie. lebe», eingeimpft. Derselbe Conservativismus, welcher sie eine so lange Zeit den Ideen der neuen Länder hat widerstehen lasien, hat bewirkt, daß sie die Ideen der Länder, wo sie sich etablirt (stabiliti) haben, mit Hartnäckigkeit adoptirtcn. Sie bewahrten deren Sprache und Tracht und nahmen selbe auch in andere Länder mit. Dieser nämliche Geist bringt es mit sich, daß sie, obwohl sie sich in den Ländern, in welchen sie seit fünf oder sechs Jahrhunderten Wurzel gefaßt haben, in ihrer Weise naturalisirten, deren Lebensweise (l'anüamonto) angenommen haben und auch wahre Patrioten geworden siild. So sind sie in Italien nicht nur Italiener, sondern auch Venetianer im Venetianischen, Piemontesen in Piemont. Sie haben sich allen Eigenthiimlichkeiten des Landes angepaßt. Wie würden sich diese jetzt verpflichtet fühlen, Patrioten in — Judäa zu werden? Welche Race von Ackerbauern wären diese Makler und Juwelenhändler*) und welchen Ackerboden kann diese halbverfallene Wüste Palästina bieten, an nichts Anderem reich, als an Traditionen? Mit dem Glauben der Mormonen würden sie, glaube ich, dasselbe leisten können wie jene an der Salzsee. Aber auch bei den Israeliten hat sich der Glaube, der Eifer abgeschwächt, cs fehlt daher die Bewegkraft, um Wunder zu bewirken. Davon nicht zn sprechen, das; die wenigen wahren Gläubigen, die Russen, die weniger cultivirten und daher nicht im Stande wären, die Wüste mit den Errungenschaften der modernen Civilisation zu befruchten, mit Maschinen und der chemischen Industrie nmzngehen." Aus dem vorstehend abgedruckten Briefe ist zu erkennen, wie leider selbst von an Gründlichkeit gewöhnter Seite unserer Sache mit rechenschaftslosen Vorurtheilen begegnet wird. Aber wir müssen gerade gegenüber solchen Männern es an Bemühungen, sie eines Besseren zn belehren, nicht fehlen lassen, und so hat denn unser Chefredactenr sich beeilt, die Zuschrift Lombroso's mit nachstehendem Schreiben zu erwidern : „Die Worte der Anerkennung, welche Sie für meine literarische Thätigkeit finde», ermuthigen mich, Ihnen aufJhr liebenswürdiges Schreiben einiges zu entgegnen, was Sie gütigst einer Beachtung werth halten wollen. Sie geben selbst, hochgeehrter Herr Professor, zu, das; es das erste Mal wäre, daß die Männer der Wissenschaft gemeinsame Sache mit der Religion machen würden. Dieses noch nie Dagcwesene dünkt mir aber'sehr unwahrscheinlich. Das einzige Volk, innerhalb degen sich Wissen und Glauben einigermaßen verträglich gezeigt haben, ist das jüdische. Und sollten Sie, hochgeehrter Herr Professor, denn doch nicht zuviel ans die religiöse Erregbarkeit der europäischen Völker bauen? Die Geschichte hat *) In Italien gibt es viele ci»l,eimische jüdische J»wcK„händler und verkehren auch solche ans dem Anslande. Daher ossenbar gerade dieses Beispiel. Die Redaclio».