Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 10 (15.7.1893)
- Date
- 1893-07-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Sewst-EmancipaLion. Nr. 10 that dieses deshalb, um einen dem „Vvlkc" so wichtige» Cvnsumartikcl billiger zu wachen. Das; man dabei aber das gerade Gegcntheil erwirkt, liegt auf der Hand. Bisher nämlich holten sich die armen Inden das Solz aus den Salinen direct und brauchten dabei Niemanden „Besicchnngsgcldcr" zu zahlen. Jctztjcdoch, Sa der Handels actis ch ihnen weiter zntheit werden mns; — werden sich doch. Polen 1) mir so geringem Verdienste nicht begnügen wollen und 2) sich nicht zu „so einem gemeinen Handwerke" erniedrigen, werden unseren Acrmstcn aller Armen noch als Fährgeld einen ziemlich großen Obolus den „Po ln ischeu" Vermittlern zahlen müssen. Das wird, doch offenbar den Preis nicht verkleinern, sondern in hohem Grade erhöhen. Für die Juden wäre cs aber rathiam, dem nicht als Monopol übergebenen übrig gebliebenen Thcile ihr Augenmerk/ znznwendcn. dabei sich stark zu consolidircn und gemeinsam das Werk in die Hand nehmen. Sic mögen sich allein helfen, wenn cs ihnen ihre „Versorger" im Ncichörathe und Landtage nicht thnn wollen, die cs vorzichen, dem Schneider, Lueger, Merunvwicz, Chotkvwslh :c. zu beweisen, das; sie — Antisemiten sind. Am 8. Juli fand im Vereine „Zion" ein Vortrag des Herrn H. R. A. Brandes über den neulich verblichenen Dr. I. M. R a b binow i cz, statt. Bor ' einem, mit- Nücksicht ans die heiße Jahreszeit ziemlich zahlreichen Publicum schilderte der Redner in seiner bekannten geistreichen Art das Leben und Wirke» des während seines ganzen Lebens vom Unglücke verfolgten „Talmudjudcn". Dieser Ansdruck gab dem Redner Veranlassung, den Talmud mit dem Jndcnthumc zu'vergleichen. In beiden wird, wenn irgend etwas Schlechtes bei ihnen sich findet, das Ganze beschuldigt. Ist irgend eine Stelle im Talmud schlecht, sofort muß der ganze verbrannt werden; ist irgend ein Jude verwerflich, muß das ganze Judenthum ausgerottct werden/ Alan beklagt sich,'sagte der Redner, das; die hebräischen Schriftsteller kein hebräisch lesendes Publicum haben, daher seien sic arm; wie ist jedoch der Umstand zu erklären, das; der in der französischen Weltsprache schreibende und von der Academic srancaisc preisgekrönte Dr. R. so sehr verlassen und arm in einem Londoner Hospitale starb? Also nicht die hebräischen, sondern die jüdischen Schriftsteller sind so unglücklich.*) J. K. Lemberg, 12. Juni 1893.**) Ai» 27. v. 3>f wurde die schon vor drei Monate» in Angriff genommene, aber erst jetzt zur Vollendung gebrachte jüdisch - akademische Küche „Miclija" durch eine gemeinsame Mahlzeit feierlich iuangurirt. Au d-rsclben »ahmen einige Notabcln der hiesigen Gemeinde unter Aniiihrnng des Rabbiners Dr. I. Caro und circa 80 Akademiker theil. Ob eine derartige Institution bei uns, dem Lande, wo der AuliscmiiiSmiiS ganz ruhig und ohne theoretische Agitation längst scstc Wurzel gesagt hat, iiölhig war, dies zu beweisen ivärc überflüssige Mühe. Ee reicht hin, wenn wir bloS die unmittelbare Veranlassung zu der von Grund au« z i o n i st i f ch e n Sache vorfiihreii. Noch im Herbste vorigen Jahres berics ein Coniilö, zu welchem die überaus türlnioe» -imiislischsii_.Stiideiilen _Cb. K o l biL^Ui» Drd. Zipper und Caml. jur. D. Mal; gehörten, ei»? Versammlung aller jüdischen Akademiker in die LocalitDen des „Zion" ein, und ivurde daselbst der endgilligc Bcschlust gesagt, eine» Verein zu begründen, der die Ausgabe hätte, den jüdischen Hochschülern eine möglichst billige n n d gute Kost zu verabreichen. Nach Bcstälignng der Statute» durch *) Wir erachten es als eine bekannte Thatsache, das; cs unter den jüdischen Schriststeklcrn in neuerer Zeit den hebräischen noch relativ am besten geht, — aus dem einfachen Grunde, weil gerade die hebräisch Schreibenden ein festes, stets wachsendes Publikum, meistens ans mehr oder weniger nat onal gesinnten Inden bestehend, besitzen, während der Leserkreis der jüdische» Schriftsteller in anderen Sprachen in Folge der Assimilation stets abiiimmt und gegenwärtig bereits sehr klein ist. Das wird um so verständlicher, wenn men bedenkt, das; die neue hebräische Literatur eine allgemeine ist, die andere jüdische Literatur aber sich als eine Fachliteratur qnalisicirt. Redaction **) Aus Versehen aus der vorigen Nummer ausgelassen. ' die Statthaltcrei wählte die erste Gencralvelsanimluug den Herrn Ch- G o I d st c i n zum Präsidenten, da aber derselbe in Folge llebcraiistreiignng das Amt nicht aimahm, wurde bald darauf Herr B. Zangen zum Vereinslciter crnanut. Dem Ansschnsie nun gelang cs, in vcrhältnistniäßig kurzer Zeit die Sache ans der Theorie in die Piaxis zu übersetze». An dem Ziistaiidekommcn des, ganzen Unternehmens hatte aber de» Löwevanlheil ein sogenanntes B ii r g c r - C v m i t ä , zn dem die Herr.» Rabbiner Dr. Caro, Advokat Dr. Byk, Advocak Dr. Locweilst ei n und mehrere sehr cinsllisti eiche Männer nnsercr Stadt gehörten. Die Vorarbeiten gediehen min so weit, daß man vom 27. v. M. schon zur Eröfsliiliig der Anstalt schritt. Während der ersten gem einl a in e ii Mahlzeit wurden Reden und Toaste von o s s i c i e I l e m Charallcr gehalten, das heisst solche, die nur dem Entstehe» und Gedeihen der Küche gewidmet waren. Es sprachen die Herren Advocat Dr. So tat. Dr. Goldman», Advocat' Dr. Loewcnst ci 11, Zangen, P oster, Sieger, Gabel, Sch lehn, Reiter, Malz und Dr. Feld. Der in o n o t o » e Verlauf der ganzen Feier wurde durch ein inlereffanteS Intermezzo niiteibrochen. Da nämlich Herr Dr. G o l d in a n n es nicht unterließ, sogar bei Eröffimng der j ii d > schcn Küche ans das Wohl und Gedeihen der p o l n i j ch - j ii d is ch e n (!) Jugend sein GlaS zn leeren, so benützte unser.unerschrockener Gesiummgsgcnosie Herr David M a l z diese Gelegenheit, die polnisch-jüdischen Herren tvte-ä-tets zn sprechen. Der Redner schilderte, wie in den üOer-Jahrcn die galizische Intelligenz das Heil der Juden nur im Liberalismus siiiden wollte, dann aber, als dieser ausa^ete, der Assimilationsgeist Aller Herzen beseelte, der das Jiideiithnin in einer sehr kleinen Spanne .-Zeit zn einer totalen V ern i ch l u n g zu bringen drohte. Diese Assimilation, die kein specisisch galizischeS Gewächs, sondern ein von drausien importirtes Unkrani ist, hätte überhand geilominen, wenn sich nicht ein Theil der österreichischen Jugend unter der Fahne des Zionismus aufgerant und aus diese Art dem Selbstmorde dcö Jiidcnthiims Einhalt gethan hätte. Die Erwähnnug dieser Bcrhältnisiewar dem Herrn Dr. Goldmann nicht aiigenehin und, da er alle Worte des Redners ans sich bezog, und auch nach allsten sein polnischpatriotischcS Gefühl aiisdrücken wollte, zeigte er seine Empörung und Ailsrcgnlig darin, daß er, den Redner unterbrechend, schrie: „Nicht richtig!" und Miene machte, den Saal zu verlasien. Aber nachdem ihn Dr. Löwen st ein »"d Dr. Aschkcnasy beruhigt hatte», setzte der Redner, tapfer seine Rede fort und schlost mit einem Toaste ans das Gedeihen der jüdisch-nationalen I n st i t n l i o neu: „Michjah", des „Rigorosantenvereincs" und misercr Colonisationsvereine. Als charakterliches Ereignist ist noch bemerkenswerth, daß Herr Dr. L ö w e nstein, der ein notorischer. Assimilator ist, einen Trinkspruch anSbiachte, besten Hauptinhalt war: „Wir werden stark verfolgt und unterdrückt, daher laßt uns zur, A b w c h r schreiten und auf. „Selbsthilfe" nns stützen und den heutigen Tag als den erste» dieser so iiöthigcn Selbsthilfe feiern. Seit dem 1. d. M. finden schon regelmäßig. Mittage statt und wurden bereits an Mehrere freie Speisekarten vertheilt. Da sich auch möglichst viele Zeitungen in der Speisehalle besinden, ist zu erwarten, was schon die eigentliche Intention 'der Gründer war, dast mit der Zeit die Küche zn einem Ccntralpunke aller jüdischen Akademiker werde, wo eö zn einem geistigen Anstansche und daher zu einer Läuterung der politischen Ansichten kommen wird. Dem Vereine könncil als unterstützende Mitglieder mit dem jährlichen Beitrage von 4 fl. und als Gründer mit einer eiiiinaligen Siimiue von 20 fl auch Fremde beitreten. Von uns Zionisten sollte eine solche Jnstitmion nach Möglichkeit uinerstiitzt wcrdeu. Bei der letzten austerordcntlichen Generalversammlung des „Zion" wurde au Stelle des Herrn G. Zipper znm Vicepräscs .Herr 31. David KorkiS, mi Stelle des dahiugeschiedcncii.Herrn A. Le w i n znm Biblothekar Herr Jacob K o r k i s und zu Stellvertretern des AuSjchiistcs die Herren G. Bader und S. Schiller gewählt. 1. K. Deutsches R c i ch. Berlin, 9. Juli 1893. Die „reinen" Antisemiten haben 16 Sitze im Reichstage erlangt; eine Anzahl, durch die sie in den Stand gesetzt sind, selbstständige 31 »träge zu stellen. Dagegen sind die beiden freisinnige!! Gruppen von70alif36MitgIiederzuriickgegaiigeii. Vielleicht ■ werden unsere AssiinilationSjuden, die sich bisher als Schntzjudeu des Freisinns fühlten, die Niederlage ihrer Schntzpartei mit etwas mehr Resignation ertragen, wenn sie sich der Thatsache erinnern, das; die Frcisinnigcit in verschiedenen Stichwahlen (Stralsund, Gießen, Bens- Heim) den Ausschlag zu Giiiisten von Antisemiten gegen Nationalliberale und Freiconscrvative gegeben haben. Ob freilich deshalb viele Juden Lust haben, zu den internationalen Socialdcaiokraten zu gehen, muß doch recht ,weiselhast erscheine», da diese, meistens die gleiche lobcnöwerthe T»k,ik wie die Freisinnigen befolgt haben. — Berlin, de» 24. Juni 1893.*) Das ganze Interesse der Inden bewegt sich jetzt nin den 3lnSfall vcr ReichßtagSwahlen. Die Niederlage der Nichterfcheii DeMschsreisinnigen hat die Inden vieljach kopjschen gemacht. Die graste Masse Berliner jüdischer Schreihälse folgt Eugen Richte r, als wärc'er der einzige und austichtigc Freund der deutschen Jndenheit. Und doch hat Herr Richter heuer die Wahlen dazu auch zn benutzen verstanden, um sich den Antisemiten zu nähern. Und warum auch nicht? Haben doch hiesige Börscnjndcn siir die Nationalliberaleu und die. *) In voriger Rniumer ans Versehen der Druckerei ausgelasien.