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Selbst-Emancipation · 1893-07-15 · Heft 10 (15.7.1893) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 10 (15.7.1893)
Date
1893-07-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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mmHBMII, d.IHIII W«|1>I TI'' Nr. 10 Sewst-Gmancipation. Seite 7 freisinnige Vereinigung mehr Geld übrig gehabt, als für die Volksparlei, haben es doch sogar Inden gewagt, in Sache» der Mililär-Vo> tage eine von der des Herrn bk i ch t e r abweichende Meinung zn äußern. Herr Richter hat während der Wahlen unzweideutig zn verstehen gegeben daß der Ruck nach links in allen .anderen 'Angelegenheiten ein ebenso starker Ruck »ach rechts in der Jndenfragc sein wird. Nun, die Lueger und die anderen Wiener Antisemiten und ja auch einmal waschechte. Demokraten gewesen. Richte r s Freund und Parteigenosse B i r ch o w war es ja, der jetzt zwar sehr liberal ist, aber ehemals „die j ü d i s ch e n AssistkUlen in den Laboratorien nicht leiden mochte". Eine größere Gefahr sllr die Jude» liegt aber in dem Vorgehen der Social - dcmokraten. Indem sie nämlich einerseits in dem Partei - organ „Vorwärts" sehr wohl theils verblümt, theils auch recht unverblümt, dem Judenhasse in ihrer Weise Rechnung zn tragen wissen, verstehen sie es anderseits den politisch so genügsamen und leicht befriedigten Juden zu genügen, indem sie eine größere Anzahl von Juden, die.natürlich alles andere, nur keine Inden sind, als Wahlcandidaten ausstellen. So hat der im zweiten Berliner Wahlkreis gewählte Socialdemokrat Fischer seine Kinder taufen kaffen, offenbar in richtiger Erkenntniß, daß „Religion Privatsache ist". In Dresden wurde gar von den Socialdemokraten ei» getaufter Jude als Candidat aufgestellt, der selbst schon in Antisemitismus gearbeitet hat. Kurz: Gott möge uns nur ferner vor unseren Freunden schützen; unsere Feinde uns vom Halse zu halten, niag immerhin noch leichter sei». Freilich haben diesmal die Antisemiten einen derartigen Wahlsieg erfochten, >vie wir ihn bisher bei keiner Partei überhaupt für möglich gehalten. Die ans ihre Candidalen gefallenen S t i in m e n haben sich in nicht ganz drei Jahren von fast 50000 aus eine halbe Million erhöht. Das möge die Juden denn doch zur Besinnung bringen. Mögen sie bei Zeiten daran denken, daß ihr Heil nur in ihnen selber liegt, und daß die ehrlichste Hilse von den edelsten Freunde», und wären es auch Männer wie H a e n e l oder gar R i ck e r t, nur dann ein wenig Erfolg haben kann, wenn die Juden anfangen, solidarisch Mann für Mann für ihr Volk einzutreten. Wir sind Lentc» "wie R i ck e r t, die liberal genug sind, auch den Inden gegenüber liberal zn sein, gewiß dankbar, aber sie werden es uns auch nicht verargen, wenn wir als Inden eben geschloffen sür die jüdische Ration eintreten. In Deutschland drängt Alles darauf hin, ein politischjüdisches Centn»» zn schaffen, lind wenn das auch etwas ist, was vom jüdisch-nationalen Zukunftsprogranim unendlich weit entfernt ist, so ist doch die Schaffung eines solchen ein zu wichtiger Punkt, um in einem A r b e i t s Programm der deutschen Rationaljuden übersehen werden zn dürfen. Bulgarien. Sofia, Tainus 5653. Das erste Grandrabbinat ist seit mehr als Jahresfrist abgelause» und ein zweites inaugurirte Herr Dr. Moritz Grün Waldbaus Jungbnnzlau. Die Caudidatnr desselben wurde von den Vertretern der verschiedensten religiösen Schaltirnngen und der verschiedensten Länder befürwortet, was zn sciiien Gunsten ausschlug,— nicht minder aber auch seine Sprachenkenntniß. Dernene Grandrabbiner bat die Möglichkeit, sich unvergängliche Verdienste uni die jüdische Sache zu erwerben. Die Jndenheit Sofias wie die in Bulgarien überhaupt befindet sich im Zustande einer ethischen Gährung; ihre Charaktereigenthümlichkeiten stehen unabgeklärt im Dämmerlichte eines hcranbrcchenden Culturganges nach europäischen Begriffen. Viel Gutes und Schönes aus der Vorzeit webt noch an dem Zeuge der Geschichte der Gegenwart. Schon aber beginnt die Nachahmung der orthodoxesten Assimilatiousunister unserer westlichen Brüder. Auch die Verhältnisse der christlichen Umgebung Wicken mächtig ans die neuesten enfants terribles Israels ein. Die ihnen aufgedrängte Civilisation erheischt große Opfer an physischer und finanzieller Kraft. Die türkische Einfachheit im Leben der Familie», die Anspruchslosigkeit in allen Lebenslagen macht weit gesteigerten moderrren Einrichtungen Platz. Man muß die Holzbarake verlassen, weil sie behördli n niedergeriffen wird; auch das Schlafen ans dein Fußboden kann nicht länge mehr fortgeführt werden. Alle diese Reuerungcu erhöhen den Kamps ums Dasein,'ohne die Mittel hiesiir zn liefern. Bei dieser Evolution kann man es als Werk der Vorsehung preisen, daß mehrere Facloren maßgebend Mitwirken. Obenan sieht die „Alliance Israekits Universelle" seit einem Vierteljahrhunderte, in zweiter Reihe eine den Inden keineswegs feindliche Regierung und der 3. Factor, der letzte, der wichtigste — das Grandrabbinat. Suchen wir diese 3 Factoreu näher auf ihre Einwirkung zn prüfen, so muß man der Alliance die Inauguration eines höheren Enlturgrades unter den Juden zuerkennen, kann aber nicht das Folgeiibel der Herausbildung extremer Assiinilationseleincnte verschweigen. Die bulgarische Regierung befolgt eine ziemlich gesunde Schulpolitik, indem sie die Volksschulen zwar den Juden offenhält, das Bestehen eigener jüdischer Elementarschulen aber gestattet. Die Juden jedoch gewinnen bei diesem llmstande kauiil etwas und dieses in so lange nicht. — als nicht jüdisch-nationaler und bulgarischer Unterricht im richtigen Ausmaße nebeneinander betrieben werden. Deshalb bleibt dein 3. Factor, dem Grandrabbinate die rühmlichste Aufgabe, — die gesummte jüdische Generation durch die verworrenen und halbduuklen Pfade der gegenwärtigen llebcrgangsepoche mit der Feuersäüle deS jüdischen Wissens zu jiihrcn. In den jüdischen Kindern beider Geschlechter muß das jüdische Bewußtsein durch Vectiefnng in das nationale Schriftthnm belebt werden. - Der Obcn'abbliier wird daher seine Aufgabe im obigen Sinne nur glücklich lösen — wenn er den zn eiltwerfenden Schulplan aus jene Prämissen ausbauen und darauf achten wird, daß das kindliche Ohr an die Laute der heiligen Sprache gewöhnt, seine Zunge geübt -und fein Herz empfindlich gemacht wird. Besonders kann nicht eindringlich genug der Ausbildung oer Mädchen in nationalem Sinne das Wort geredet werden. Nur dort, wo eine jüdische Hausfrau die Seele des Hauses bildet, hat es mich Bestand für die Dauer und Gewähr für die Zukunft. Die spagnolische Frau aber konnte sich nur so lange im stabilen Gleichgewichte der jüdischen Tradition erhalten, als dieselbe in Scheu vor Nachstellung zurückgezogen im Winkel ihres Heims ivaltete und um den „Mangal" (Wärmpfanne) herum im Kreise einer Schaar gleich gesinungsflacher Freundinnen saß. Da schien ihr das Judenthnm, das sie nicht kannte, im Backen und Kochen sür den Sabbat und die Feiertage zu bestehen. Bnicos und Pastellicos und ähnliche Leckerbissen, eela est laut. Heute, wo die europäische Cultur aus dem Balkan sich breit macht, heute, wo jeder Mann und jede Frau ungcstrajt selbst um Mitternacht lustwandeln kann — da hält's auch die. Spagnolin in ihrem Zimmer nicht aus. Unsitte und Untugend reißen ein. Die Frauen werden zwar nicht mehr abgefangen, dafür aber kommt es leider schon vor, daß Mädchen und Frauen selbst Lein Judenthuine entlausen und in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche hineinspringen. Da meinen wir, sei auch die höchste Zeit gekommen, den Unwissenden Wissen, den Blinden-Licht, den Miißiggäiigerinnen Arbeit zu verschaffen. Bnicos- und Pnstellicos- Jüdinnen müsien in selbstbewnßtse begeisterte Töchter Israels nmgebildct werden. _ Dr. R. Bierer. Türkei. Constantinopel, 7. Juli 1893. Seine Majestäi der Sultan Abdul Hamid Chan hat bereits zu wiederholten Malen seine Unterthanen, die Inden, in niunisiccnter edler Weise bedacht. An hohen türkischen F, iertagen, wenn die jüdischen Schulkinder den Sultan bei seiner Fahrt zur Moschee mit Liedern begrüßen, empsangen die Schulen ans der Privatschatnlle Seiner Majestäi bedeutende Geldspenden, bei verschiedene» anderen Gelegenheiten hat der Sultan seinen getreue» Unterthancn, den Juden im Oriente, besondere Huld und Gnade zu Theil werden lassen. Gegenwärtig hat er dem Obcrrabbincr Herrn Morse Levy den Nischan Jmtiaz Orden in Sckbcr und Gold zu verleihen geruht. Es ist dies die höchste Auszeichnung, welche Seine Majestät nur hohe» Persönlichkeiten oder Männern, welche dem Throne oder Staate besondere Dienste geleistet, verleiht. Diese hohe Auszeichnung läßt zuversichtlich hoffe», daß den Colonisten in Palästina solche Erlcichternngen iverden gewährt werden, welche zur Vergrößerung der Ansiedelung in Palästina beitragen dürsten. Es ve>lautet in gut unterrichteten Kreisen der Juden hier, Seine Majestät der Sultan habe die Erlanbniß erthcilt, daß die unterbrochenen Bauten vvit Fabriken in Palästina anj's Neue ausgenommen und vollendet werden dürfen. Hiedurch werden viele jüdische Familien in Palästina ein gesichertes Brod und ein ruhiges, ungestörtes Heim finden. Uolien Ze<lek. WotiZen. Eine Anregung. In der Original-Correspondenz Jaffa der vorigen Nummer lesen wir von einem in Jerusalem von der Berlvaltung der Colonie Rischon l'Zion eingerichteten Wcingcschäste, in welchem eine schöne Losung erzielt wird. Ließe sich nun dieser Gedanke nicht auch bei uns in Europa verwcrthen und sogar ansdchnen? Wie wäre es, wenn die Colonisations-Berbände in den großen Städten Wien, Berlin, Paris. London, New-Uvrk n. s. w. palästinensische Gcnußmittel-Niederlagcn und Wirthschasten errichteten. Natürlich müßte die ganze Einrichtung solcher Etablissements dem verwohnten Geschmacke der europäischen Großstädter 'Rechnung tragen. Anderseits müßten die Products Palästinas durch ihren eigenen Werth die Käufer resp. Gäste anzichcn, so namentlich Palästinenser Weine und Schnäpse, Südfrüchte aller Art, Käse u. s. w. Es liegt ans der Hand, daß solche Etablissements nicht nur dirccten Gewinn,sondern auch indirectcn Nutze» durchSteigcrnng des palästinensischen Exporthandels und überhaupt durch Bekaniitmachulig der Colonisationssachc in den weitesten Kreisen bringen würden. Nach und nach konnten übrigens

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