Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 10 (15.7.1893)
- Date
- 1893-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092696-3092706--1138-3094158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 10 KelM-OmancipaLion. Seite 3 der grojjcit geistigen Befähigung Israels, hervorzugehen scheint? Aber er zählt-ja selbst gute und schlechte natürliche Eigenschaften der Inden auf, und die bilden dvch wühl ihre Stammcscigenart, welche sich selbst gegen die „klimatische Kreuzung" behauptet. Auch sonst Hütten wir im Detail manches auszusctzcn, was wohl einer nicht ganz genauen Kenntnis; dcs Jndenthnms und seines Bclkscharakters und zuweilen nur der Ancrzogenhcit gewisser landläufiger Voreingcnoinmcnheiten und Vorurtheile der europäischen Welt zuzuschrcibcn ist. Aber im Großen und Ganzen verräth L v mb r v s o's Diagnose eine I b f c n'schc Seelcnknnde, nur auf die Gesammtheit übertragen. Lvmbroso erkennt die Erblichkeit des Judenhasses in ihrer ganzen furchtbaren Traurigkeit. Als unser verstorbener, hervorragender Gcsinnungsgcnvsse, illeä. Dr. P i n s k e r in Odessa in seiner epochalen Brochüre „Autvcinancipation" (1884) den Judenhaß eine unheilbare und vererbliche Seelenkrankhcit nannte, lachten ihn fanatische Gegner ans und nannten ihn wohl auch verrückt. Jetzt haben sie Gelegenheit, aus dein Munde eines der größten Seelenärztc der Jetztzeit ungefähr dieselbe Meinung zn hören. Neben dem atavistischen, hereditären Elemente des Judenhasses, lvclches den Naccngcgcnsatz nach unserer Ansicht nur verschärft, nach L o m b r o s o, wenn wir ihn recht verstehen, erst gefährlich macht, verlieren alleanderen von dem großen Gelehrten angeführten Elemente an Bedeutung, so das; wir uns füglich hier ersparen können, manche diesbezüglich abweichende Ansichten geltend zu machen.; Nur der Hinweis' auf die Analogie zur Erblichkeit des; Judenhasses, auf den Scuchencharaktcr desselben — „psy chische Epidemie" — verdient größere Anfmcrksamkeituiid allgemeine Billigung. L o in b r o s o kann als Manu der Wissenschaft nicht anders, als sich vor dem niederschmetternden Resultate seiner Forschung, vor der vererbenden und ansteckenden Kraft des Antisemitismus erschüttert beugen und das bekannte schauerliche Urtheil des Arztes anssprechen: „Menschliche Hilfe ist hier vergebens". Und wie der Arzt am Krankenbette des Individuums in solchen Füllen selbst nicht glaubt, daß das Wunder geschehen werde, welches dem Verlorenen Hilfe bringen kann, so fehlt offenbar auch Lvmbroso selbst der starke Glaube an das, was er den „einzigen noch denkbaren: Ausweg" nennt. Er sicht selbst ein, daß derselbe nur: uneigentlich eine Möglichkeit bedeute, den Antisemitismus ans der Welt zu schaffen, und das nur auf irrationelle Weise: „Aber das ist wohl eine Utopie . . ." sagt er zum Schlüsse. - - Doch gerade diese Utopie ist nichts Neues. Sie taucht in den mannigfachsten Gestalten auf. Das socialistische Neo- Christcnthum L o m b r o s o s hat viel Verwandtschaft mit dem „Einigen Christenthnm" Egidys in Deutschland, mit der ethischen Bewegung daselbst — Erscheinungen, deren inneren Werth und große Aussichtslosigkeit ausführlich zu besprechen, Sache einer eigenen Arbeit sein müßte, welche gewiß nicht ungeschrieben bleiben wird. Sie alle labvriren an dem Fehler, nicht einzusehen, „daß nicht das Erkenntnißvermögen, sondern ausschließlich die blinde Leidenschaft die Triebfeder des Antisemitismus ist", wie Lombroso selbst in Beziehung auf den vorliegenden Fall sagt, oder, um den Gedanken mit Herbert Spencer allgemeiner zn fassen, daß „es nie die Kenntniß ist, welche die bewegende Triebfeder des Verhaltens ist, sondern es stets das Gefühl ist, welches mit jener Kenntniß einhergeht, oder durch dieselbe erregt wird".. Spencer führt für diese Wahrheit viele Beispiele an, wie: daß allgemein die Sorglosigkeit als ein Uebcl erkannt wird, vorsorglich jedoch nur derjenige ist, welcher das Uebel auch voranscinpfindet; daß wenn Jemand in's Wasser fällt, alle Umstehenden erkenne n. was zu thun ist, aber doch nur der den Rock absireift und in's Wasser nachspringt, welcher hiezu auch ein genügend kräftiges Gefühl besitzt. Ebenso vermögen alle die geplanten, neuen Religionen, welche blos Erkenntnis; verbreiten wollen, ohne für eine gleichen Schritt haltende Kräftigung des Gefühles vorzusorgen, die Welt nicht zn bessern, ja nicht einmal eine nennenswcrthe Anzahl von Bekennern anfzubringen. Unser Zeitalter entbehrt der Fülle religiöser Kraft, nur neue Religionen mit der nötigen überwältigenden Macht ans das Gemüth der Volksmasscn ausznstatten. Etwas anders gestaltet sich die Sache, wenn man das Wort und das Wesen „Religion" ganz hinter die socialistische Seite der neuen Erscheinungen znrücktrctcn läßt. Ja, der Socialismns, wie er als eine die Geister u n d Gemüther beherrschende Bewegung heute anftritt, bedarf nicht der Einkleidung in ein religiöses Gewand, er hat selbst, die Innigkeit einer Religion erlangt, und es ist kein Zweifel, daß in Bezug auf die Allgemeinheit die socialistische Idee — ganz unabhängig von den einzelnen Parteiformen betrachtet — großen Siegen entgegengeht. Wie sich nun aber der Socialismns zur Judcnfrage stellt, haben wir bereits des Oefteren besprochen und werden wir noch eingehend zu besprechen Gelegenheit haben. Ob jene goldene Zeil der allgemein ersehnten neuen Ordnung der Dinge alle menschlichen Schwache» nicht mehr, kennen, ob der Atavismus selbst eine Fabel und die psychische Ansteckung ein Märchen geworden sein wird, wer kann es mit Bestimmtheit Voraussagen? Wir wenigstens zweifeln daran, daß die neue Gesellschaftsordnung, sie mag auch die mächtigsten Eindrücke ans das Menschengcmüth Hervorrufen, im Stande sein wird, andere ebenfalls mächtige und in jedem. neuen Zcugungs- und Keimungsproccsse sich ewig erneuernde Eindrücke aufzuheben? Und - wenn cs möglich sein sollte, so könnte es nur dann geschehen, wenn den Eindrücken der ketzeren Art jede Möglichkeit zu entstehen benommen würde. D. h.: Wie es keine Diebe in der neuen Gesellschaft geben könnte, weil kein Privat-Eigenthum an den Prodnctivnsmitteln vorhanden wäre, so müßte auch die allererste Voraussetzung zum Judenhasse entfernt werden, damit dieser selbst verschwinde. Die allererste Voraussetzung, wie heißt sie? Es ist unrichtig und unwissenschaftlich, — Lombroso behauptet es auch gar nicht, doch die officielle. Socialdemokratic und in anderem Sinne der Liberalismus glauben es, — daß der Antisemitismus n u r oder vorwiegend eine wirthschaftliche Voraussetzung habe. Der Judenhaß hat vielmehr immer das Mäntelchen, welches dem Zcitwetter und der Zeitströmnng entspricht, er ist ein Chamäleon und zeigt sich in allen Farben. Seine erste Voraussetzung dagegen bleibt immer ein unddieselbe und hat mit wirthschaftlichen Dingen nichts zu thun, sic ist — das Vorhandensein von Juden in auffälliger Anzahl unter den Völkern, welche eine ererbte und ansteckende Abneigung gegen und das Gefühl physischer kleberlege» heit ü b e r dieselben besitzen. Diese erste Voraussetzung muß beseitigt werden. Ten Menschen nützen die schönen Lehren nicht, es muß ihnen die Gelegenheit zum Böses thun genommen werden. Darum hat sich auch z. B. die mosaische Lehre befähigter erwiesen, als das Evangelium, die Menschennatur l^nasi umzumodeln; denn dieses stellt abstracte, und weil abstracte wohl sehr weitgehende sittliche Lehren auf, jenes wirkt durch ein System von praktischen Vorschriften weit nachdrücklicher und erfolgreicher. Wie beseitigt man nun die besprochene erste Voraussetzung? Wir Zionisten haben die einzig mögliche Antwort darauf. Es s ch e i n t noch eine andere zn geben, aber sie ist thatsächlich und sittlich unmöglich: der Untergang des jüdischen Stammes. L v m b r o s o müßte sich widersprechen,