Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 10 (15.7.1893)
- Date
- 1893-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Sewst-OmancipaLiorr. Nr. 10 Schöpfern, als unter den Völkern, in deren Mitte sic leben", sagt er nnd sucht diese Erschcinnng, als deren. Folge-' erscheinung der grosse Proccntsatz irrsinniger Juden — dreimal so groß als bei Katholiken — zu betrachten ist, wissenschaftlich zu erklären. Lombroso wendet sich nun gegen die Antisemiten, welche „dem armen Volke seine Erfolge'mißgönnen", ohne zu bedenken, „mit wie viel Elend und Unbill es seine Errungenschaften noch heutigen Tages bezahlen muß, der tragischen Begebenheiten vergangener Zeiten gar nicht zu gedenken, wahrend welcher cs ohne Blutvergießen niemals abging". Er geißelt, die „Pseudo-Anthropologie" der Antisemiten, welche „verhindern wollen, daß man die germanische Race verunziere und schände". Einförmige Naccn Hütten einen -bedeutend geringeren Grad von Intelligenz als gemischte und gekreuzte Stämme. „Nicht verhindern soll man also", sagt er deshalb, „die Mischehen, sondern unterstützen und begünstigen in jeder Weise. Der Kreuzung der Naccn haben wir jederzeit große Männer zu verdanken gehabt. Es genügt hiebei, daß die Kreuzung eine klimatische sei, d. h. verursacht durch die unter dem Einflüsse eines anderen Klimas erfolgte Veränderung einer.Nace".Lombros o weist ferner darauf hin, daß der Jude „dort, wo er alle seine Fähigkeiten in jeder Weise voll zur Geltung bringen kann, sich mit dem Eifer, welchen der Mensch den ehedem verbotenen Dingen entgegenbringt, in die Arme der Politik, der Erziehung, des Heerwesens u. s. w. wirst, und zum großen Thcile das Gebiet des Handels und besonders dasjenige der Finanzspeculatiou, ein Gebiet, das ihm den Haß, den Neid und die Mißgunst seiner Mitmenschen zugezogcn, verläßt". „Der wirkliche Shylok, der echte, alte Hebräer sehnt sich wohl zurück nach seinen alten Ghettos: in welchen er seine Gelder züsammcnscharrte und aufhäufte, er beklagt cs, daß heute die Söhne seines Stammes weniger dem Golde als dem Ruhme nachgehen. Deshalb würde auch der Antisemitismus", meint Lombroso, „wenn er von Erfolg gekrönt wäre, ein' vollkommen entgegengesetztes Ziel erreichen, als dasjenige, auf welches er lossteuert, nämlich ans die Machtcinschränkung der Juden in financiellcr Hinsicht". „Ich glaube" — so sagt der berühmte Gelehrte, — „daß mit dem Aufhörcu des Antisemitismus auch der Typus des wahren Hebräers .nach einigeu Jahrhunderten gänzlich verschwinden oder sich doch nur auf vereinzelte uncivilisirte Ländcrstriche beschränken würde". . „Aber" — so fragt Lombroso sofort — „wird der Antisemitismus je zu bestehen aufhörcu? Und er gibt die Antwort: „Es ist traurig, cs sagen zu müssen: aller Wahrscheinlichkeit nach nein! Denn der Antisemitismus ist, wie bereits erwähnt,, eine ä t a v i st i s ch e Erscheinung, die den. grausamsten und erbärmlichsten Leidenschaften, deren der Mensch fähig ist, -ihr Entstehen verdankt. Und die Fortschritte der C n l t u r werden leider keinen g r o ß c n E i n fl n ß zu Ungunstcn dieser traurigen Bewegung anszuüben vermögen, weil eben nicht das Erke n n tni ß v er m ö g en, sondern ausschließlich die blinde Leidenschaft d ie Trie bfe d cr d e s Ant is e mi tis'mu s i st'(. Darum wird der Antisemitismus selbst von den neuen Staatsformeu, welche aufdemallgemeinen Wahlrechtaufgcbant sind, begünstigt Man wäre „demnach zu dem Schlüsse gekommen, daß es eigentlich keine Möglichkeit gäbe, den Antiscinitismus auf rationelle Weise ans der Welt zu schaffen". Diese Gewißheit aber scheint der hochherzige, cdclmüthige Lombroso nicht ertragen zu können, denn er fährt unmittelbar darauf folgendermaßen fort: „der einzige »och denkbare Ausweg bestünde meiner Ansicht nach darin, daß sich die gebildeten, geistig bevorzugten Israeliten nnd Christen zur Verschmelzung ihrer Religionen zu einer neuen Religion vereinigte», welche weder die vaticanischc noch die ursprünglich mosaische wäre, sondern eine Religion, welche die neuen naturwissenschaftlichen Errungenschaften rcspcctirte und auf ihre Flagge die neuen socialistischen Ideen und Grundsätze schriebe, die schon durch Jesus Christus angedcntet und angcstrebt worden waren. Mit wenigen Worten : Man bcgrüude cin s o c i a-- listisch.es N e o-C h ri ste n t hum, zu welchem sowohl die Juden, die heute noch zum Theile an die alten Religionsgebräuche gebunden sind, als auch die Christen, befreit von ihrem Hasse gegen die Ersteren und von Vorurtheilcn und Aberglauben, zwanglos nnd ohne Scheu übertreten könnten." Und jetzt sinkt Lombroso nach dem kurzen Hoffnungsaufschwung wieder in seinen Pessimismus zurück, indem er mit den Worten schließt: , „Aber das ist wohl eine Utopie zu deren Verwirklichung noch nicht einmal die allerersten Anzeichen sichtbar sind." —■ — — Der Artikel L omb r o s o's verdient die weitgehendste Beachtung. Dieselbe ist ihm auch geworden. Liberale,, antisemitische und jüdische Blätter beschäftigten sich mit ihm, jedes von seinem Gesichtspunkte aus. Ein jüdisches Blatt, dessen geistiger Leiter eine bekannte Capacität ist, erklärt sich enttäuscht. Hören wir, warum? „Das Resultat seiner (Lombroso's) Prüfung und Erörterung ist das Bckenntuiß der Ohnmacht", meint diese Zeitschrift. Sic selbst aber hält, es für möglich, den Antiscinitismus wirksam zu bekämpfen und unschädlich zu machen und gibt hicfür zwei Mittel an: die R e g i c r u n g e n, rcspective die Parlamcntsprüsidentcn. '„dürfen" die gemeinen antisemitischen Angriffe „nimmermehr zulasscn", und die Kirche „muß" auf den Kanzeln — „cs darf keine Hetzcaplüne geben" — und in den christlichen Rcligiousschnlen den Judenhaß brandmarken. Sehr richtig bezeichnet der betreffende Artikel diese Mittel selbst als „Hausmittel", nnd es ist ja weiter kein Wort darüber zu verlieren. Man könnte höchstens fragen, ob gerade der Enipfchlcr dieser Hausmittel Recht hatte, Lombroso vorzuwcrfcn, er habe den Antisemitismus nicht wie ein erfahrener Arzt, sondern wie ein Publicist behandelt. Lombroso hat ja auch wirklich in Bezug auf die Heilmethode — die Therapie — nichts Befriedigendes vorzubringcn gewußt, aber seine Erfassung der Krankheit selbst. — die Diagnose — ist doch bis aus einige Punkte eine für ihn durchaus originelle und streng wissenschaftliche. Als Mann der Wissenschaft gesteht er nun in der Heilungsfrage lieber seine Ohnmacht ein, als „Hausmittel" zu nennen, welche eben nur der anzupreisen sich beeilt, der von dem Wesen der Krankheit nichts weiß und sic sich daher leicht cnrirbar denkt. , In L o m b r o s o's Diagnose ist freilich auch so manches zu bemängeln. Vor Allem ist sei» Standpunkt, was die Begründung des Antisemitismus durch den Racengegensatz betrifft, kein klarer. Was soll das heißen: „Es müssen ganz andere Ursachen geltend gemacht oder doch wenigstens der genannten (ethnischen) hinzu gefugt werden." Im letzteren Falle bleibt doch jedenfalls der Racengegensatz „maßgebend" nnd gerade das bekämpft Lombroso einige Zeilen vorher. Ferner will er nur bestreiten, daß gegensätzliche Naccn nicht politisch verschmelzbar seien, und leugnet nicht die Nacciieigenart der Juden, deren Erhaltung er aber in außerhalb der Race gelegenen Motiven sucht? Oder leugnet er überhaupt die Raceneigenart der Juden, wie aus seiner Behauptung, „daß es in Europa keinen auf 'einer höheren Stufe der Cultur stehenden Völkerstanim gibt, der nicht gemischt wäre", in Verbindung mit seiner Ansicht von