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Selbst-Emancipation · 1893-07-01 · Heft 9 (1.7.1893) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 9 (1.7.1893)
Date
1893-07-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Selbst-Gmancipakron. Nr. 9 Demokratie cm völliger Zusammenbruch der 'Freisinnigen und ein mächtiges Anschwcllcn des Antisemitismus. Die Freisinnigen, die im verflossenen Reichstag 70 Mandate besessen hatten, haben im ganzen 3 Sitze im ersten Wahlgange erlangt und stehen in 43 Fällen zur Stichwahl, habe» also bereits 24 Mandate definitiv verloren und werden in den. Stichwahlen wohl noch ein Drittel der übrigen verlieren. Mag auch das Anwachsen der Socialdcmokratic ans der einen, die Ablehnung der Militärvorlage auf der anderen Seite die Freisinnigen schwer geschädigt haben, so ist doch sicher auch der Antisemitismus an der Niederlage dieser „Judenpartei par excellence", wie die „Krcuzzeitung" sagt, in hohem Maße betheiligt. Das geht schon daraus hervor, daß die militärfrcundliche „Freisinnige Vereinigung" ebenso schwere Verluste wie die' militärgegncrische „Freisinnige Volkspartei" erlitten hat. Die „reinen" Antisemiten haben 3 Sitze ohne Stichwahl bekommen und stehen in 16 Fällen in meistens sehr aussichtsreichen Stichwahlen.- Sie rechnen auf ungefähr 18 Sitze im neuen Reichstag, während sic im vorigen nur 6 hatten. Wohl nichts ist für das Anschwellen des Judenhasses in Deutschland bezeichnender, als . daß A h lwardt in seinem Wahlkreise dieses Mal ohne Stichwahl und mit einer weit größeren Stimmcuzahl als im vorigen Jahre gewühlt worden ist. Und dabei steht dieser Mann, dessen sich selbst viele Antisemiten schämen, außerdem noch einmal mit einem antiscmitensrcundlichcii Konservativen in Neustcttin zur Stichwahl und ist seines Erfolges dort bereits so sicher, daß er schon vor dem Termine derselben seinen alten Wahlkreis seinem Kumpan H e rt w i g abgetreten hat. JnKamcnz in der Lausitz, der G cbnrtsstadt Lejsings, wurde zum ersten Male ein Antisemit ausgestellt, und, obwohl ihm die Konservativen einen besonders antiscmitenfreniidUchcil Kandidaten gcgcnübcrgcstcllt hatten, bereits gleichfalls im ersten Wahlgange gewählt. Die mit den Antisemiten verbrüderte konservative Partei hat 49 Sitze ohne weiteres erlangt und steht in 51 Füllen zur Stichwahl. Sie hatte im vorigen Reichstage 68 Mandate und könnte dieses Mal ungefähr 80 erhalten. Unter den gewählten und zur Stichwahl stehenden Konservativen befinden sich mehrere, die über die judenfreindlichcii Forderungen ihrer Partei noch hinansgehcn und das ganze antisemitische Programm mitvcrtrctcii. Die Wolken ziehen sich um die deutschen Juden immer düsterer zusammen. V Berlin, den 22. Juni 1893. Am 21. Juni hielt 'der große Colonisationsverein „Esra", Verband Berlin, in Weimmin's Volksgarten ein Soinmerfest ab, das von etwa 5 bis 6 Tausend Personen, auch sehr vielen Nichtjudeu, besucht mar.-Bei dem-Vorverkaufe der Billets — der Verein sandte jedem jüdischen Gemeindcmitglicde. zwei Billets zu 59 Pfennig in's Haus — hatte der Vorstand die Gelegenheit, erfahren zu müssen, daß die großen Herren, die Geheimen Commerzienräthe n. s. w. meistens die Billets refüsierten und selbst sehr häufig die Kosten nicht scheuten, die Billets „eingeschrieben" zurückzusenden, um nur nicht die eine Mark einem jüdischen Zwecke zuzuführen. Es sind das natürlich jene großen Herren, die es so gerne sehen, wenn ihr Name unter kirchlichen Aufrufen prangt, die nie versäumen, für Kirchen-Collectcn die namhaftesten Summen zu zeichnen. Dagegen hat der jüdische M i t t e l st a n d n u d n a ui eii t l i ch d i e z a h l r e i eh e n „kleinen Leute" ihr lebhaftestes Interesse für den „Esra"' bewiesen. Gleichwohl hat das widrige Wetter und dieWählstimniung dns Fest so ungünstig beeinflußt, daß cs nur 2000 Mark Reingewinn — so weit es sich bis jetzt übersehen.läßt — ergeben hat. Besonderen Dank um das Fest und um den „Esra" hat sich der Schriftsteller Herr- Ander s verdient, der in selbstlosester Weise die ganze Veranstaltung aiif sich genommen und in ausgezeichnetster Weise geleitet hat. Wenn wir von den großen Herren mit den kleinen Herzen dort draußen im Thiergarten absehen, so erfreut sich der Verein „Esra" der -wärmsten Sympathien der gesammten jüdischen - Bevölkerung, wie er denn auch mährend des Festes und nach demselben eine große Anzahl neuer Mitglieder erhalten hat. Der jüdisch-nationale Verein Jung-Jsrael veranstaltet am Dienstag (vor Scbabbatb. naebniu), beu 25. gibi 1893 in der „C o n c o r d i a", Brunnenstraße Nr. 154 ein großes Soinmerfest. Da das Billet für Erwachsene nur 50 Pfennig, für Kinder nur 25 Pfennig kostet, so darf der Verein bei einigermaßen günstiger Witterung ans eine glänzende Betheiligung rechnen. Berlin, 26. Juni 1893. Bisher sind, die Resultate von 13 Stichwahlen bekannt, an denen Antisemiten bcthciligt sind. Dieselben siegten in zehn Fällen. Außerdem sind bisher 16 Siege der Coiiservativen in den Stichwahlen bekannt; ans sehr vielen Kreisen fehlen hier noch die Nachrichten. Unter den gewählte» Coiiservativen besindcn sich verschiedene, die de» „reinen" Antisemiten in nichts an Antisemitismns nachstehcn, sv B a r o n v. L a n g e n i» Stralsund, Jakobskötler in Erfurt, von Hüpede» in Cassel. I» Alsfeld, wo ein Nationallibe-.alcr und ein Antisemit zur Stichwahl standen, cinpfahlcn die freisinnige» Führer ihren Anhängern, nach Belieben;n wählen. Das ist aber sicherlich deshalb geschehen, weil der in Leipzig gewählte nationalliberaie Prosenor Hasse den Antisemiten die weitgehendsten Zugeständnisse gemacht hat. Rumänien. Bukarest, den 23. Juni 1893. Die vielen Bcdrücklingen, welche die rumänischen Juden. .anszustehen haben, wovon Sic ja auch zuweilen Ihren Lcscrn^bcrichten, hat den Funken der Zionsticbc in Nninänicii wieder angcfacht. Namentlich ist cs der „Hajoötz", welcher belebend wirkt, und unter den Vereinen übernimmt wieder Galatz, wie in der ersten Campagne vor einem Jahrzehnt,' die Führerrolle. Der Galatzer Verein erließ eben einen Ausruf zur Gründung von Ortsvcreincn. Die Ajoiisfrciiudc möge» auch dort Vereine gründen, wo sie nur zehn Personen zählen, denn, heißt cs in dem Ailfrufc, „was die Stimiuc Jakobs nicht wirken wird, die Fäuste Esaus werden cs thnn", nämlich : weitere Mitglider zusühren. Bis jetzt bestehen schon Colonisatioiisvcrcinc mit stattlichen Mitgli'edcrzahlen in Bakau, Braila, Bukarest, R.-Sarat, Buzcii, Fakschan und Roman. In Plojcsti wird demnächst ein solcher gegründet werden. Der Verein in Bakan hat jüngst 8 nach Palästina mlswandernde Familien, deren Häupter Handwerker und kräftige in den besten Jahren stehende Männer sind, mit 634 Francs unterstützt. Diesen acht Familien schlossen sich auch sechs unverhen athetc junge Männer ans Tirgol-Fromos an. — Auch mit dem Schiffe „Cnrji" sind 20 .Personen nach Palästina gefahren. Der „Hajoctz" meldet, datz sich in Jaffa ein Verein eingclvandcrtcr rumänischer^ Juden gebildet bat, welcher zunächst in seiner ersten Versammlung g-gcn die iingcrechtc Uebcrgchnug dcr riimünischcn Unterstützungsbedürftigen seitens des deutschländischen „Lciiiaiiii Zion" und des Odessäcr Vereines protcstirtc. und auch die Gründung einer aus rumänischen Juden bestehenden Colonic eventuell versuchen will. . Enenmx ukkal. Engla ii d. London, 26. Juni 1893: Nev. Isidore Ni ey erö aus Melbourne in Australien ist vor ungcfiihr vier Jahren nach Europa znrnckgckeh-t,. wo er ixt einem russisch-jüdischen Städtchen geboren wnrdel Herr Meyers -bereifte Palästina und besuchte die dortigen jüdischen Cvlvnien. Als er dann von Palästina nach England kam, halle er es sich zur Ausgabe gemacht, für die Idee der jüdischen Colonisation Palästinas und der jüdische» Nationalität überall mit seiner zündenden Beredsamkeit einzuete».. Er hat in ganz England Vorlesungen über den Talmud gehallen für Inden und Christen und steht-nun im Begriffe, nach Amerika zu gehen, um Vorlesungen in den dortigen großen Städten zn halten. Wo er aber

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