Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 8 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 Sekbst-Emancipation. Seite 7 Wo Ligen. Die Vorbesprechnng zur Gründung eines über alle Stände und A l t e r s st n f e n sich erstreckenden gcsiiinungsgcnvssischcn jüdischen Vereines sindct Samstag den 17. d. M. Zlbends statt. Herr Dr. Bloch legt offenbar gegenwärtig Gewicht darauf, als Gegner der Nationaljudcn gehalten zu werden. Fast könnte uns dieser Umstand sehr besorgt machen, da von Dr. Bloch bekannt ist. daß er eine feine Empfindung dafür besitze, wohin er sich jeweilig zu wenden habe. Doch vielleicht irrt der gute Mann diesmal, wir wollen es hoffen. Hat schon die in der „Oest. Wochenschrift" jüngst zu Gunsten der Assimilation abgegebene Erklärung, welche wir in voriger Nummer unseren Lesern mittheilten, manchen kurzsichtigeren Gesinnungsgenossen, wie solche namentlich in Galizien cxiskiren, zeigen können, was von Dr. Bloch für unsere Sache, d. h. die wahre Sache des Jndenthums zu erwarten ist, — so haben wir heute über eine andere Aeußcrung Bloch's zu berichten, welche uns leider sehr verspätet zu Ohren kam und die uns selbst f c h r überraschte. Die Budapcstcr „Allgemeine jüdische Zeitung" vom 8. Mai 1893 schreibt: „Die Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" in Wien fand wie alljährlich am 1. dieses statt. Aus dem uns vorliegenden Berichte über deren Verlauf eiitnehmcii wir folgendes: Neichsrathsabgeordneter D r. Bloch dankte dem Präsidenten Herrn David Ritter von Gnttmann für seine ersprießliche Thätigkcit. Das Verdienst des Herrn von Guttmann sei es auch, „daß es einer gewissen Nationalströmung, die mit dem Judcnthume nichts gemein habe, nicht gelungen ist, in Galizien die Oberhand zu gewinnen".—Warum hat Hr. Dr. Bloch den versammelten Herren nicht auch von den vielen freundlichen Beziehungen zu den Jüdisch-Natioilalen in früheren Jahren,— übrigens warnten hellsehcnde Gesinnungsgenossen schon damals vor diesem Freunde — erzählt? Warnm hat Herr Dr. Bloch auch nicht den Muth gehabt, seine eigenen Worte in seinem eigenen Blatte gelegentlich des Berichtes über die Generalversammlung der Allianz a b zud r u ck e n?-Auf den Inhalt der Worte selbst einzugchen, halten wir gar nicht für nothwendig. Aus Rustland. Die Vertreibung der Juden aus den Dörfern und vom Lande hat nun auch in Russisch- Polen begonnen. In einem Bezirke sind die darauf bezüglichen Befehle bereits vielen Hunderten jüdischer Familien zngcgangen. In einem einzigen Dorfe, Sanchodniva, sind 250 Familien ausgcwicscn worden. In einem anderen Bezirke, an der Warschau - Wiener - Eisenbahn haben 480 Familien dieAusweisungs-Ordre erhalten. Alle diese Familien müssen ihr Eigenthnm im Stiche lassen. In Kattowilr, an der russischen Grenze kommen fast täglich Schaaren russischer Juden, die aus Rußland ansgewicsen wurde», an. Erst nach langwierigen Verhandlungen der russischen und preußischen Regierung — letztere will die Heimatlosen nicht aujuehmen — wird über das Los der Unglücklichen entschieden. Inzwischen sind sie im Kattowitzcr Palizeigewahrsam iuternirt und werden von der dortigen jüdischen Gemeinde verpflegt. Ans Nnmnnien. Die „Lupta" erzählt haarsträubende Dinge ans der Moldau, wo auf Grund eines alten Ministerialerlasses Judcnanstreibungcn stattfinden. In einer. Orte wurde die ganze Habe der Juden auf Karren gebracht, um über die Kreisgrcnze gebracht zu werde». Einer armen Frau, svelche für den Karren nichts zu zahlen hatte, wurde das zwei Monate alte Kind aus der Wiege gerissen, aus den Boden geworfen, und die Wiege dem Kärrner als Bezahlung gegeben. In einem anderen Falle wurden während der Niederkunft einer Frau die Einrichtungsstücke auf die Straße geworfen Die Inden von Dragufcheni wurden des Nachts ausgetrieben, ohne daß mau ihnen Zeit gelassen hätte, ihre Angelegenheiten zu ordnen. Ans Marokko. Die Lage der Juden in Marokko ist eine sehr traurige. Die Knutung ist auf der Tagesordnung. Es braucht nur irgcno einem Marokkaner einzufallcn, dem oder jenen Juden eine Geldschuld anzudichten — und der arme Jude gesteht sie. durch Peitschenhiebe genvthigt, ein. Dann wird er noch in Ketten ins Gefüngniß transportirt. Am Vorabende des Pcßachfcstcs erhielt ein Jude auf Geheiß des Fürsten, ohne daß man einen Grund hiefür nennen könnte, 600 Schläge. Ein Brief des Sultans an den Fürsten wegen milderer Behandlung der Inden, kam nie an die richtige Adresse, sondern wurde von Beamten vernichtet. Der Rabbiner von Mogador, A l ni a s i a t, zugleich östcrr. - ungar. Consnl, reiste nach Europa, um hier Rath und Hilfe zu suchen. Wir entnehmen diese Mittheillmgen der „Allg. Ztg. d. Judenth". Dr. Moritz Griinwald, bisher Rabbiner von Jungbunzlan in Böhmen, unser Mitarbeiler, ist zum Großrnbbiner von Bulgarien gewählt worden. Dr. Grüuwald's harrt nun eine veranlworlnng? volle Aufgabe, der er bei seinen Fähigkeiten hoffentlich gewachsen sein wird. AuS dem Lager der Tocialdcmokratie. Der österreichische Zweig der internationalen Socialdemukratie läßt es an Eifer nicht fehle», die jüdischen Arbcitermassen Galiziens zu gewinnen. Jüngst hat sic wieder in Krakau einen diesbezüglichen Versuch gemacht. Der „Arbeiter-Zeitung" wird berichtet, daß zu der im RathhanSsaal veranstalteten Volksversammlung bei 1200 jüdische Proletarier erschi neu. Wie man uns versichert, sei die Zahl der Erschienenen übertrieben rund seien die Meisten nnr der Neugierde halber gekommen. Wir sind aber weit davon entfernt, darauf stolz und dessen froh zu sein. Es wäre uns licoer. wenn Viele. >ehr Viele ans Interesse an öffentlichen Angelegenheiten gekommen wären. Die Zionisten dürsen sich keine Mühe verdrießeir lassen, um die galizisch-jüdischen Arbeiter für öffentliche Fragen zu interessiren und hiebei natürlich auch dasür zu sorgen, daß sie statt der internationale» Socialdemokratie, welche jür arische Arbeiter die einzig mögliche Partei sein mag, sür die jüdischen aber qewip nicht da» Heil bedeutet, dem social und national erlösenden Gedanken deS Zionismus sich anschließen. Frciland. Namens des freiländischcn Exeentiv- Comites ersucht uns Herr Dr. Theodor Hertzka um Aufnahme folgender Notiz: Es sind jetzt nahezu 2 Jahre, daß in Pörtschach am Wörthersee ein sogenanntes freiländisches Execntiv-Eomite znsammenlrat, gebildet ans Delegirten unterschiedlicher europäischer und amerikanischer Vereine, welche sich die praktische Berwirklichniig des in Theodor Hertzka's Buche „Freiland, ein sociales Zukunstsbild" niedergelegten Gedankens d. i die Gründung eines Gemeiilweiens der socialen Freiheit und Gerechtigkeit in den Hochlanden des äquatorialen Afrika zur Aufgabe gemacht haben. Dieses Eomite stellt seinem Präsidenten Hertzka nicht unerhebliche Geldmittel zur Disposition und da die Freiländer auch bereits über eine Landschenkung an der ostasrikairischen Küste versügten und die Zaht der Mitglieder mehrere Tausende betrug, so hatte es damals den Anschein, als ob unmittelbar au die Durchführung des intcregantcn Versuches geschritten würde, ans dem jungfräulichen Boden des dunklen Erdtheiles ein Staalswesen zu gri'niden, in welchem sociale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit zugleich ihre Stätte finden sollten. Seither aber war es,stille geworden und säst schien es, als ob die Freilandbewegnng gänzlich eingeschkafcn sei. Die Freiländer stieße» bei ihrer 'Action aus ein unvermutheteS Hinderniß in Form des Mißtrauens der britisch-ostafrikanischen Gesellschaft, in deren Einflußsphäre jene Gebiete gelegen sind, welche von ihnen besiedelt werden wollten. Die genannte Gesellschaft war, wie sich herausstellte, der Meinung, Freiland sei dem Wesen nach nichts Anderes als eine verkappte deutsche Colonie und erst nachdem ein englisches Freiland - Eomite die Verhandlungen in die Hand nahm, gelang es, dieses Mißtrauen zu überwinden. 'Nunmehr erfahren wir, daß sich ein Bevollmächtigter des sreiländischen Execuciv-Eomite's in der Person des Dr. Julius Wilhelm — einer der angesehenste» kaustnäunischen Familien Wienangchorig — nach London begeben hat. um die Berbandlnngen mit der bcilisch-vstasrikanischen Gesellschaft zu jinnlisiren. DieS vollbracht, soll unverweilt an die praktische Jiiaiigrissnnhinc des Freiland-llntecnehmens geschritten werden. Unsere Stellung zum „Freiland"-Projeete Huben wir schon mehrere üDiat augedeutct, behulten uns aber vor, bei Gelegenheit über diese zumeist von Juden getragene sociale Bewegung ausführlicher zu referiren.