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Selbst-Emancipation · 1893-06-15 · Heft 8 (15.6.1893) · p. Seite 8

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 8 (15.6.1893)
Date
1893-06-15
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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- Seite 8 Selüst-Emcmcipaiion. Nr. 8 Wecension. illcuiiclivin Imssnl'er, literarisches Bild von B e»- Avigdor. Wir wußten, daSBcn-Avigdvr ein kalcnlvollcr Erzähler sei, begabt mit einem Auge, Vas forschend in die Mcnschcnscclc blickt, ihre Irrwege und Geheimnisse bloßlcgt; wir wußten, das; der Erzähler Bcn-Av!gdor denkt und daher nicht inhaltloses Zeug zn schwatzen liebt', wir wußten, daß Ben-Avigdvr seiner Ueberzeagung nach Zionist ist, wir wußten aber ebenso bereits, daß er noch nicht die volle Höhe seiner Entwicklung erklommen hat, daß seine Anschauungen von Leben und Kunst in Bezug ans Tiefe und Breite noch iveitcr z» dringen haben. Alles das wußten wir ans Ben-Avigdor's hebräischen Erzählungen und Bildern, tvclche er als sehr fruchtbarer Schriftsteller während cincS kurzen ZeitranineS sehr zahlreich erscheinen ließ. Nur Eines kannten wir nicht: seine Nichlnng, seine Tendenz, die Ideen, durch welche er seinen Weg machen will. In seinem neuen uns vorliegenden Bilde legt der Verfasser seine Anschauungen über unsere Liter: tnr dem Schriststcllcr Menachcm in den Mund.' Der Schriftsteller Mcnachem ist nicht mir , der Blindheit der Meisten unserer Schriststcllcr geschlagen, welche sich im letzten Jahrzehnt der heb äischc» Literatur zu ividmcn ansiilgen. Er steht furchtlos der Wahrheit in s Auge. Menachcin weiß sehr gut unsere ncnhebräischc Literatur mit den Worten zn charakicrisircn: „Schwäche, Geschmacklosigkeit und Armnth, Ucbcrfluß an albernen Büchern, eine magere, armselige Poesie, die Erzeugniste unserer c,zählenden Dichtung nur stnmme, leb- und sühllose Schattenbilder." Mcnachem zahlt die Gründe des Tiefstandes unserer Literatur solgendermaßcn auf: E r st e n S, daß nicht alle schriftstellerischen Talente, tvclche sich in unserem Volke finden, in hebräischer Sprache schreibe», wie Heine, Börne, Nießer, Lassallc, Marx, Brandes, BeaeonSfield, Anerbach, Kompcrt, Grätz, Znnz, Lazarus, Steinthal, Frank n. f. w. Sonst hätten wir eine großartige Literatur. Zweitens. „Der Mangel einer völlig lebenden Sprache. Wicivohl bisher Schriftsprache, tvar die hebräische Sprache nicht gewöhnt, die Bedürfnisse des Lebens in ihrer vollen Ncalilät zu bezeichnen. Menachcin malt mit großem Talente und lebhaften, iv ihren Farben den Schaden, welchen die ncnhcbläischc Literatur durch den Mangel eines lebenden, natürlichen, realen Stile? erleidet." Drittens. „Das Leben unseres zerstreuten und zersprengten Volkes entbehrt der Selbstständigkeit, denn es hängt vom Leben und den Anschauungen Anderer ab; diese Selbstständigkeit mangelt auch der nenheliräischcn Literatur." B.iertcns. „Unsere neuhebräische Literatur ist idealistisch, lyrisch, tendenziös, alles dies mehr als genug." Fünftens. „Die Wahrheit ist in unserer Litcratnr beengt. Das religiöse Moment durchdringt in ihr auch die weltlichen Angelegenheiten;, auch der frei denkende Schriftsteller sagt znmelst nicht die volle Meinung und spricht doppelsinnig zu unserem Volke. Unsere Lltcratnr ist lim Zäunen umgeben, die Geistesslngcl sind ihr gestutzt". „Die natiorale Idee-, meint Mcnachem. hat der nenhcbräischen Literatur wahrlich viel genützt, aber sie hat ihr auch viel geschadet. Viele hebräische Schriftsteller begannen sich für jede lügenhafte Einbildung und jede leere Ccrcmoiiic zu begriffen,, Bielen derselben ward die nationale Idee ivie eine religiöse; ihre Tendenz ward Belebung des Materiellen nnd des Heiligen. Der allgciiieincn mciischlichen Entwicklung wandten sic den Rücken. Auch den Koth der Judcngaste heiligten sic und stiegen von ihrer Kunstlcrhvhe unter die Menge hinab. Nach der Meinung McnachcinS obliegt cs uns, mit allen Kräften an der allgmcinen Enlwicktnng Theil zu nehmen und dem allgemeinen Fortschritte zn dienen. „Die Zeit ist gekommen, daß die neue hebräische Literatur aus ihrem RcactionSschlafe zn neuem Leben erwache, zu neuem Leben der Freiheit nnd natürlichen Entwicklung. Der Zeitpunkt ist da, daß die ncnhebräischc Literatur ihre alten Idole, den hohlen Idealismus und den häßlichen Pietismus, zerschaicttcre, nnd zu einer gesunden, realistischen Literatur tvcrde." Mcnachem zürnt über unsere alten Schriftsteller, welche mit grimmigem Fanatismus über jeden hcrsallen, der ihren frommen Ansichten nicht bcistimml. „Man gebe doch", sagt Mcnachem, „den hebräischen Schriftstellern die Freiheit, mit ihren rcspectivcn Gehirnen ztl denken und ztl sprechen, >vie sic csmeinen und dann, aber nur dann wird sich die ncuhcbräische Literatur zum Segen entfalten." Das ist der Succns der Ansichten Mcnachcms, d. h. des Verfassers Ven-Avigdor selbst. Ich kann tlun unter keiner Bedingung allen Meinungen Mcnachcms bcipslichte», denn er vermengt stark die Begriffe, ist sich darüber unklar, was Realismus und was Jdcalismns ist, nnd schreibt der hebräischen Literatur viele Nebel und Gebrechen zn, tvclche sich auch in den europäischen Literaturen überhaupt sindcn, deren Urgrund in der Geisteskrankheit unseres Jahrhunderts liegt. Viele Anschauungen Mcuacheni'S können gerechter und rücksichtsloser Kritik nicht Stand halten, wir wollen uns dariibcr an anderem Orte noch genauer auSsprechen. Trotzdem hat diese? literarische Bild einen sehr starken Eindruck gemacht, denn der Protest Menachem's gegen die Mängel unserer Literatur nnd die Reaction im Lager Israels ist mit einem starken Geiste, mit blühendem Talent, muthigcn Herzens, mit inniger Wahrheitsliebe gcschlieben. Ans jeder Zeile dieses Bildes sühle ich den Pulsschlag unserer neuen Acra, das Sichregcn eines Geistes, der die Bande der Gcivvhnheit von sich lvirst. Ans jedem Blatte der Seelenergüsse MenachcuiS weht uns der Hauch neuen vollen,' wirklichen Lebens entgegen. Die Kühnheit Ben A vigdors in seinem Bilde „dlenaebsm basooksr" welche fast an den gewaltigen Protest Max Nord aus in seinen „Coiwcntioncllen Lügen", die seinerzeit einen Sturm in der europäischen Lescwelt heranfbeschworen, erinnert, — hat, die seichten und matten Schriststeller, sowohl die jungen als die alten hart getrosten. Einer von ihnen überschüttete in „Hazesirah" „Menaeliem hassofer" mit stnmpsen Pfeilen nnd schmutzigen Anwürfen, als könnte er mit dem Hauche seines Mundes das Wirkliche, Greifbare der neuen Aera, welche für unsere Literatur begoniien hat, vernichten. Wir, als das Volk de? Geistes, dessen einzige Wagen setzt nur Verstand und Talent sind, wäre» verpflichtet, mit großer Vorsicht unsere ausgezeichneten literarischen Kräfte zu hegen und zn pflegen. Wir sollten das kleinste Körnlein von Lebensivahrheit und Aninuth in nnserer Literatur vor Untergang sorglich schützen. Zn unserem Unglück sehen ivir aber das gerade Gegenthcil. Wir zerschmettern, dcinüthigen, Verivcrfcn diese Kräfte wie Dinge, welche unsere Erlösung anshalten. Die kostbarsten Güter des Geistes als: Originalität, Consequcnz, Gesiiinimgstreue und Sicherheiten über die Mittelmäßigkeit werden als Fehler, als Wahnsinn, als nioralischcs Gebrechen, als fchtvere Sünde betrachtet. Wir werden noch ein anderes Mal über diefen Gegenstand sprechen. DieSma! gebricht cs uns bereits an Raum. R. Brainin. Äilf, Israel: Nein, Nein! So geht es nicht werter! Zn ichauen, wie And're froh und heiter An den Tragpseilern richtend zimmern —, Und selbst nur hoffen nnd — verkümmern. Und greifst du zu, heißt es: „Fort!" Und noch manch' herbes, rauhes Wort. Nimmst cs hin und bleibst ganz kalt: „Bessere Zeiten kommen doch bald!" Hoffnung, so unbegründet, Kostbare Zeit, die srnclitlos verschwindet! DcS Selbstbetruges sei's schon genug! Endlich befreit Euch aus schmählichem Druck! Veritas. Eorrcspottden; der Redaktion. Herrn A. K. in L. Wir sind uns schon längst darüber klar, daß, sobald die „S.-E." ein mehr ans die breiten Volksmassen berechnetes Blatt wird — und das wird sic Mit dem Augenblick, als sie Wochenschrift wird, umso sicherer werden müssen — neben ihr ein Blatt nolhwcndig wäre, welches für Gebildete geschrieben, einzig und allein die Ausgabe hätte, den Zionismus streng wissenschaftlich zu begründen nnd ilach allen Seiten hin zn einem Systeme anszubancn. — Doch, was nicht alles nothwendig wäre und doch nicht zur Verfügung steht! Aber was nicht ist, kann nnd wird werden. Schritt für Schritt vorlvärls! Herrn D. M. in B. Die „Ocsterrcichisch-Jsraclilische Union" soll ihren Statuten gemäß, ivenn wir uns recht erinnern, auch jüdischwissenschaftliche Bestrebungen fördern. In Prag besteht ein Verein sür jüdische Geschichte und Litcratnr schon seit, längere, Zeit, lieber seine Wirksamkeit ist uns nichts Näheres bekannt.'— Der neue Wiener Verein soll der Mittelpunkt der nationalen Bcstrcbnngcn in Wien sein, wie uns ein solcher bisher schlte. Mit einem Nein'wenig Glück nnd Geschick kann er es sehr bald zu einer beträchtlichen Mitgliederzahl bringen. In Wien sindcn rr» oder;mci Knabe» ans anständiger Familie im Alter non 10 bis 16 Jahren in einem feingeöil'deten jüdischen Kaufe volle Verpflegung,' cvcntncll anch Unterricht in den verschiedensten Disciplincn, so in den Gegenständen des Gymnasiums, der Ncalschnle, der Normalnnd Handelsschnle, in Stenografie, in modernen Sprachen und in den hebräischen Fächern. Spccicll können ausländische Knaben, da der Herr des Hauses ein anerkannter Schriststeller deutscher Sprache ist, dieses Idiom gründlich und bis zur vollkommenen Beherrschung in Wort und Schrift erlernen. Angemessenes Honorar nach Vereinbarung. Auskunft in der Ncdaction. Für die Nedaction verantwortlich: Dr. Nathan-Birnbaum. — Druckerei „Wiener Allgemeine Zeitung" (I. Dux), IX., Hahngaffe 12.

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