Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 8 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Sewst-Emcmcipaiion. Seite 5 Aus anderen Ländern. Lriginal-Correfpondenzen. O e st e r r e i ch - U n g a r n . Wien, den 11. Juni 1893. In der Affäire Dr. Deckert -Meyer wird weiter berichtigt und gelogen. Dabei wird von jüdischer Seite eine Angabe des famosen Meyer nach der andern als Erfindung nachgeiviesen. So wurde fcstgestellt, das; der Rabbi, dessen Ritualmvrd, Meyer beigewohnt haben will, zwei Jahre früher gestorben sei, als die Blutthat angeblich stattgefunden hat. Die Tochter des Rabbi, welche in einein russisch - polnischen Städtchen "lebt, hat durch den Wiener Advocaten Dr. K op P — bekannt aus dem Processe Bloch-Rohling, — die Ehrenbeleidigungsklage gegen Bi e y e r überreicht. Ai e y e r wird also nach Sachsen erst ausgeliefert werden, woher er übrigens nicht wegen einer mit Inden zusammenhängenden Vcrlüuindnng verfolgt wird, wenn die eben erwähnte Ehrenbelcidignngssache ausgetragen sein wird. Wien, den 8. Juni 1893. In seiner gestrigen Sitzung beschloß der Vorstand des Ei n z elv e r c i ne s Wien d e s V e r b a n d e s „Z i o n" die Herausgabe des Kalenders „Jordan" auch in diesem Jahre, und zwar wurde Herr Dr. Birnbaum mit der Redactivn desselben betraut. Der Kalender lvird heuer, weil rechtzeitig begonnen, spätestens Ende Juli zur Ausgabe gelangen können, und so hoffentlich durch denselben ein Gewinn zu erzielen sein. Wie», den 8. Juni 1893. Sonntag den 4. d. Ai. hielt der hebräische Sprach- und Sprcchverein „Lotall berurali" seine zweite ordentliche Generalversammlung ab. Es fanden Ergänzungswahlcn statt, welche Herrn Michael Hornstein halten. Signore, es ist eine Fabel, wenn man sagt, das; es bei diesen Armen im Ghetto schmutzig sei. Gehr einmal hin und Ihr werdet bei ihnen nicht nur Reinlichkeit, sondern sogar einen gewissen bescheidenen Prunk finden. In der Küche hängt blankes kupfernes Geschirr; wenn die Ostern kommen, steht der Tisch in vollem Staate. Der steinerne Boden ist stets rein gefegt, von der hölzernen Decke hängt der blumige Armleuchter von Murano. Signor Beniamino, der die Abenteuer liebte, hat gern mit den Töchtern Zion's auf den sonnigen Terrassen geplaudert, von welchen aus man Venedig mit seinen Thürmen genießt und dann wieder weit hinausschaut, wo nur Wasser ist und keine Paläste mehr schwimmen. Er sagte sich: So wie diese hier leben, lebten einst hiermcine Urgroßmutter und deren Mutter. Er war aufmerksam und liebenswürdig gegen diese seine Schwestern vom Ghetto,-brachte der Einen einen Straus; von feurigen Nelken vom Lido und der Anderen gar eine weiße Katze. Signor Beniamino hat hier manches Herz erobert. Er hing mit allen Fasern der Persönlichkeit an seiner Vergangenheit. Noch heute, Signore, seht Ihr im Ghetto eine marmorne Tafel, die fast zweihundert Jahre alt ist, ans welcher geschrieben steht, das; die Mächtigen von Venedig beschlossen haben, das; kein Jude, der Christ geworden, keine Jüdin, die Christin geworden, dieses Ghetto oder gar ein jüdisches Haus betreten dürfe, widrigenfalls dem Betroffenen oder der Betroffenen das Gefängnis; oder die Galeere oder gar der Galgen drohe. Signor Beniamino, der selbst ein Convertit war, hat mit Thrünen in den Augen diese drakonische Maßregel gelesen, durch welche die Obrigkeit von Venedig die Bande der Verwandtschaft zwischen den Inden und ihren getauften Angehörigen zu zerreißen suchte. Pietütsvoll ging als Biceprüsidenten, Herrn L. Liebster als Cassicr und Herrn Josef S ä ch s als Schriftführer für die deutsche Sprache ergaben. (Herr Dr. S. R. Landau, bisheriger Vicepräsident, mußte wegen Ueberbürdnng mit den Agenden des Einzclvereincs Wien des „Zion" auf sein Amt verzichten). Gelegentlich der ebenfalls bei dieser Generalversammlung vorgcnommenen Statutenänderung wurden einige wichtige Bestimmungen acceptirt, so die Bestimmung, daß ordentliche Mitglieder ohne Unterschied des Geschlechtes aufgcnommen werden sollen, ferner die Herabsetzung der Beiträge der Förderer, Unterstützcr und Stifter. — Es ist zu erwarten, das; nach Ablauf der nun eingetretenen Sommer- Ferien der Verein im Frühherbst wieder seine volleThüligkeit aufnchmen wird, — und werden die Mitglieder dann ein neues schönes Bereinslocal vorfinden. D c u t s ch e s R e i ch. Berlin, den 11. Juni 1893. lieber den Wahlkampf bei uns in Deutschland ist ja genug in den Tagesblättern zn lese». Wieviel Antisemiten „reine" und konservative — durchdringen werden, wer kann es ganz genau Voraussagen? Jedenfalls werden mehr Judenfeinde in's deutsche Parlament kommen, als gut ist. Bezeichnend ist, warum man von großen Wählermassen, die sonst sicher antisemitisch gestimmt hätten, den Anschluß an die Soeialdcmokratie erwartet. Nicht etwa, weil sie den Judenhaß innerlich überwunden hätten. — nein, weil sie dem officiellen Antisemitismus wegen seines Bündnisses mit denMilitürvvrlage-frenndlichcn Conservativen mißtrauen. — Uebrigens wird seitens der Inden eine sehr rührige Wahlagitation betrieben; handelt es sich doch auch um die Gleichberechtigung, deren Aushebung jetzt eine große Partei optima forma zu beantragen nicht lange säumen wird. Signor Beniamino allen Spuren seiner Altvorderen nach. Er hat auch einmal die spanische Synagoge besucht, wo noch sein Großvater als Jüngling gebetet hatte. Signore, noch heute vertheilen sich die venetianischen Inden auf vier Synagogen, die spanische, die levantinische, die aschkenasische (deutsche) und italienische. Die spanische allerdings ist die größte. Ein vornehmer Baumeister, vielleicht Longhcna, hat das Hans, das Jahrhunderte alt ist, mit den vier großen Bogenfenstern gebaut, die nach dem Oampiollo delle sende gehen. Signor Beniamino verweilte mit Rührung aus der Andachtsstätte seiner Väter und Vorväter. In den Opfcrstock, unter welchem noch heute die spanischen Worte „Pobres vergonhosos" stehen, hat er eine» reiche» Obolus für die verschämten Armen geworfen. Er stand nicht wie ein Fremder vor der marmornen Bundeslade, vor welcher das ewige Licht brennt und kleine Oellämpchen zum Andenken an die Todtcn flackern. Er weidete sich an dem stimmungsvollen Saale mit den vielen Fenstern, durch welche die Sonne mit den festlich leuchtenden, messingenen Candclabern um die Wette brennt. Er stieg zu der von - Säule» getragenen Tribüne, diesem Tempelchen, empor, das der Bnndeslade gegenüberstcht, wo noch sein Großvater zuweilen die Auszeichnung genoß, den Scgensspruch angesichts der Thora zn sprechen. Er schaute zu der hölzernen Galerie hinauf, wo heute die Frauen sitzen und wo seine Urgroßmutter manchmal gesessen. Dann stieg er hinunter, ging auf den großen Platz, wo die drei marmornen Cisternen stehen, schäkerte mit den Töchtern Jnda's, die mit kupfernen Eimern das Wasser zn schöpfen kamen. Wenn nun solch' eine Schöne ihre Stimme erhob und ein Lied voll Sehnsucht sang, das italienisch lautete und spanisch klang und doch