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Selbst-Emancipation · 1893-05-18 · Heft 6 (18.5.1893) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 6 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Sewst-Grnancipation. Nr. 6 ein solcher so tief gesunken sein kann, ist eine traurige Erfahrung, über die uns nur der eine Trost hinweghelfen kann, daß solche moralische Uiigchcucr ja die allcrscltensten Ausnahmen sind. Betrübend ist es aber auch, daß cs Juden gibt, welche Miene machen, diesem Scheusal seine grauendolle Erzählung zu glauben. Das Montagsblatt der : „Publicistischcn Blätter", ein von einem Juden redigirtcs Organ, bringt einen Artikel „Was geht das uns an?". Darin heißt cs wörtlich: „Die Möglichkeit, daß es irgendwo ans Erden eine jüdische Sccte gibt, welche Mcnschenblut zu religiösen Zwecken vergießt, ist immerhin vorhanden. Aber was kümmert das uns? Was kümmert Vas die Wiener Bevölkerung, die Wiener Juden und die Wiener Christen? Wenn es wirklich solche Naubthic re in Menschengestalt gibt, so würden sic gewiß von den mittel- und westeuropäischen Juden nicht als ihre Glaubensgenossen anerkannt werden." Das ist eine Folge der Entfremdung unserer Juden von dem übrigen Judcuthum, daß eine solche Meinung ausgesprochen werden kann. Die Chassidim sind eine viel bekämpfte Sccte/ der aber niemand auch nur die Fähigkeit zu seiner solchen Blutthat ziimuthen darf. Sie sind zum großen Thcile die achtbarsten Leute und wir selbst kennen Anhänger der chassidischcn Richtung von lauterstem Charakter und edlem Herzen. Die mittel- und westeuropäischen Juden mögen-sich übrigens nicht gar so sehr, gegenüber ihren . östlichen Stammcsgenvssen überheben. Sie könne» bei diesen, noch sehr viel Gutes lernen. Ein osteuropäischer Jude wäre sicher nicht fähig, den Brüdern im Westen solche Entartung zuzumuthen und. dies vor aller Welt auszusprechcn, damit sich die allgemeine Anfeindung nur gegen einen bestimmten Thcil des jüdischen Volkes wende. Gegenüber so frevelhaftem Beginnen erklären wir: Einen rituellen.Mord hat es nie und nimmer bei den Juden gegeben und gibt es nirgends bei ihnen, auch bei den culturcll rückständigsten Elementen nicht. Die Chassidim f i n d ü b er d i csen V er d a cht. cb enso hocherh a b e n, a l s die R c d a c t e n r e liberaler Z eät u n g e n. Wien, den 14. Mai 1893, Samstag den 27. Mai d. M. Abends 7 Uhr findet in Robitschek's Restauration (I., Wipplingcrstraße, vis-ä-vis der Börse) die 1. ordentliche Generalversammlung des Ei nz clve r e i n c s Wien des „Z i o n" Verb and es der ö st e r r e i ch is ch en Vereine für Colonisation Palästinas und Syriens" statt. Aus der Tagesordnung steht: Rechenschaftsbericht des abtrctcnden Ausschusses des „Admatli Jesckurun", Wahlen, Eventualia. * Wien, beu 7. Mai 1893. Der akademische Verein „Kadimah'« feierte gestern den Beginn des XXI. Semester seines Bestandes. Präsident Dr.'Jakob Kohn begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste und hielt hierauf eine längere Rede, in welcher er die Tendenzen des Bei eines von großen Gesichtspunkten aus beleuchtetes Erzeigte, daß die Affriirrlatroir als Mittel demoralisirend an sich selbst scheitern mußte. Allein sie scheiterte auch an dem Widerstande der anderen Bölker, die in dem Juden, der glanbens-und nationalitätenlos ein Vorbild des .Renegatenthums bot, eine Gefahr für die religiöse und nationale Erziehung ihrer eigenen Jugend sahen. Diese Gründe, zu denen auch wirthschastliche kamen, brachten den Antisemitismus, d. i. die Bewegung gegen die Assimilation der Juden. Somit je mehr Assimilation, desto mehr Antisemitismus. Nun. suchen die Juden Heilung im Soeialismus, ohne zu bedenken, daß dieser selbst in seiner vollen Verwirklichung nur die wirthschastlicbe Ursache beheben könnte, wogegen die übrigbleibenden Ursachen den Autisemitisinns in den Zukuftsstaat verpflanzen würden. Im Znkunstsstaate aber wäre der Antisemitismus für die Juden die kürzeste Hinrichlmigsart. Hierauf entwickelie Redrrer das jüdisch-nationale Programm. Nach Absingung des Bnndesliedes sprach Herr Vervirrsiiiitglied Drd. Arnold Reich, dessen schwungvolle Rede lebhaftesten Beifall fand. Nach Schluß des ossieiellen Theiles rheiterten humoristische Boeträge und Gesang die Versammelten bis n die späte Nacht. Lemberg, den 2. Mai 1893. Neben den Bemühungen, - die Juden wirthschaftlich ganz zu Grunde zu richte» (Landtvirthschastlicho Verbünde, Christliche Gcschäftsläden, Salz- Handel .u. s. w. ), laufen Bestrebungen, ihre politischen Rechte illusorisch zu machen. Hierher gehört der Beschluß, einer Enquete, die vorigen Monat im Landcsansschnß unter Vorsitz' eines Statthaltcrcirathes getagt - hat, sämmtliche subalterne Staatsbeamte, alle' Lehrer, alle kommunalen, Bezirks- und Landcsbcamte. sowie auch die subalternen Eisenbahnbeamtcn in. die zweite Curie der Gemcindcwählcr zu versetzen. Die zweite Curie war bis jetzt die Curie der Hausbesitzer und Kausleutc, so daß sic allein den Juden Repräsentation in den städtischen Rüthen und Verwaltungen sicherte. Durch die Erweiterung der zweiten Curie in bezcichneter Richtung wird es , unmöglich werden, Juden, in den Gemcinderath zu bringen.- * , ' Rd. In der letzten Zeit mehren sich die Uebertritte von. jüdischen.richterlicheu Beamten in Galizien zum ChristcnthUrne. Krakau, den 29. April 1893. Herr Dr. Nathan Birnbaum, der sich bei seiner Heimkehr vom Lcmbergcr Dclcgirtentagc der galizischcn Zionisten hier aufhielt, lud für den 26. d. M. Abends eine .Anzahl .hiesiger zionsfreuudlichcr jüdischer Bürger zu einer Besprechung behufs Gründung eines Einzclvercincs des „Zion", „Verbandes der österreichischen Vereine für Colonisation Palästinas^ und' Syriens" ein. Ebenso waren die Herren M. Moses aus Kattowitz, Dr.- A. Salz und ~ S. Brombe r g ans Tarnow und M. E h re n pr ei s aus- Lemberg hichcr gekommen, um für diese Gründung thätig zu sein. Thatsächlich faßten die- Erschicuen.cn beinahe ein- . stimmig den Beschluß, -einen Zwcigverein des' Verbandes „Zion" ins Leben zu rufen, und wählten ein fünfgliedriges Comitö, bestehend aus den Herren Krasucki, D. Mandl, A. Marcus, O. Schaue? und B. Spira, welche den verschiedenen religiösen Partcischattirungen angehören, zur Abfassung der Statuten und Durchführung aller einleitenden Schritte. - . Deutsches Reich- □ Berlin, den 5 ten Mai 1893. Allen Lesern irgend welcher Tageszeitung wird wohl der Ausgang, welchen die Ahlmardtaffaire im Reichstag genommen hat,- bekannt sein. Es ist ein wahrer Jammer, daß unser Volk mit solchen Leuten.— sich Hörumschlagen muß. Zwar ist/ der Schade, den Ncu-Catilina der deutschen Nation zufügt,, bei weitem größer, als der die jüdische. Nation treffende; jedoch wüßten wir kein Volk, dem gegenüber. ein solcher Mann sich als den Richter aufspiclen dürfte, als nur das jüdische. Nur die unendlich traurige Lage unserer Nation hat es möglich gemacht, daß sich unter dem Namen einer „politischen Partei" eine Gaunerbande zusammcnthun darf, um sich auf Kesten unserer moralischen und materiellen Existenz zu bereichern. Unsere Volksgeschichte kennt leider eine so große Zahl derartiger ganz analoger Vorgänge und Leute *), daß jeder, der die Geschichte der Juden kennt, unwillkürlich darauf geführt wird, daß dies nicht anders wird, ehe man nichr dem Grundübel abhilft, an dem Juda leidet, nämlich der Diaspora. ’ Daher ist es als ein ganz bedeutsamer Schritt in der Entwickelung unseres Volksthnms anzuschcn, daß sich jetzt überall der Gedanke Bahn bricht: „Wir müssen die jüdische. Geschichte pflegen." So sind in den letzten l1/., Jahren in Deutschland die zahlreichen „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" entstanden, an deren Gründung und Fortentwickelung die kleinen, zerstreuten Gruppen von National- *) Man erimrere sich nur des Dr. Chenmitius.(um 1615). -

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