Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1893-05-18 · Heft 6 (18.5.1893) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 6 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3092672-3092696-3092702--1104-3094120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 - Kewst-Emancipakion. Seite 5 Der ungarische „Kollel" hat den verantwortlichen Redacteur des „Haor" vor dem deutschen Consulatsgerichte — ' derselbe steht unter deutschem Schutze — wegen Beleidigung belangt und Bestrasung nach deutschem Gesetze gefordert. Sie erinnern sich noch an den Fall, den ich letzthin Ihren Lesern niittheilte. Die Verhandlung findet nächste Woche statt; „Haor" macht sich in seiner letzten Nummer über die eigen* iiützigcn Fanatiker lustig. Das Getreide in E krön ist sehr schön; ein so gutes Jahr, wie das heurige, war schon lange nicht. Auch die Neben . versprechen viel. In derColonie Rischon l'Z ion erhalten dieColonistcn, abgesehen von der Verwaltung, dreizehn Zeitschriften, darunter auch die „Selbst-Emancipation". Der „Haor" schickt 20 Exemplare nach Rischon l'Zion. - Beim Bahubau Chaifa — Damascus erhielten auch mehrere Juden als Feldmesser und Aufseher Beschäftigung. Amithi. Verschiedenes. Zttlkerindttstrie in Palästina. Der „Haor" hat eine Rubrik für Vorschläge zur Förderung des Handels und der Industrie in Palästina eröffnet. Jil einer seiner letzten Nummern veröffentlicht er nun eine Zuschrift eines Chemikers, Herrn Dr. Max S p i r o, derzeit in Jaffa, früher Zuckcrfabriksleitcr in Deutschland, welche namentlich seitens gcldkräftiger Gesinnungsgenossen die höchste Aufmerksamkeit verdient. Dieselbe lautet: „Nach vielem Prüfen und Forschen bin ich zu der Ueberzcugung gekommen, daß eine Rohrzuckerfabrik in unserem Lande eine große Zukunft hat. Der Boden des Landes Israel ist für den Anbau von Zuckerrohr sehr geeignet. Da nun einerseits das Znckermaterial in Menge im Lande vorhanden ist/ anderseits sich noch keine Zuckerfabrik in demselben befindet, so hätte das Erzengniß dieser Fabrik einen großen Markt bei uns. In ganz Europa brachte die Zuckerindustrie, überall, wo ihre Fabriken gegründet wurden, reichlich Segen und Lebensunterhalt; und wir wissen, daß eine vor mehreren Jahren in Kairo gegründete Rohrzuckerfabrik ihren Eigenthümcrn einen schönen Gewinn abwirft. Darum bin ich überzeugt, daß dieses Unternehmen hier im Laude sich rentiren würde; aber außerdem, daß es gewinnbringend wäre, würde cs auch dem Lande im Allgemeinen zum Segen gereichen, seine Lage heben. Nur Capitalisten sind nötig, welche der Sache ihr Augenmerk zuwenden. Und es sind auch nicht einmal gar so große Capitalicn nötig. Mit 500.000 Francs läßt sich eine solche Gründung bewerkstelligen.— Für heute, geehrter Herr Redacteur, begnüge ich mich mit diesen wenigen Worten, aber ich werde mir noch erlauben, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen, und die Sache eingehender zu behandeln. Wer Näheres über die Angelegenheit wissen will, wende sich gütigst an die Redaction dieses Blattes oder au den Unterzeichneten direct." Dieser Zuschrift des Herrn Dr. Spiro läßt die Redaction des „Haor" eine Bemerkung folgen, worin mitgetheilt wird, daß Dr. Spiro in Deutschland durch ein neues chemisches Verfahren sich bekannt machte, wonach Alkohol gewonnen wird, und hiefür den Dank der Negierung des deutschen Reiches ausgesprochen erhielt. Dieses Verfahren sei auch in den Fachzeitschriften lobend besprochen worden und viele Brennereien, welche sich speciell auf dasselbe gründen, ' seien errichtet worden. Was die vorgeschlagene Zuckerfabrik betreffe, erzählt „Haor" weiter, so habe Herr Dr. Spiro alle Details, den Plan der Fabrik, den Kostenüberschlag n. s. w. ausgezeichnet. Rosineuhandel. Dem „Haor" wird von Moses Mo ine st er, Dragoman, mitgetheilt: „Bor zwei Jahren war ich im Dorfe Tawnch, bei neun Stunden von hier entfernt. Sechs Stunden geht man von hier südwärts und längt vor Bcthschan an; von da wendet man sich nach Westen, 4lm in drei Stunden nach Tawneh zu kommen. In diesem Dorfe und im Umkreise — von etwa drei Stunden gibt es viele Weingärten mit vielen Gattungen von Reben. Die 'Trauben werden hier im Monate Aw gekocht und von den Fellachen daraus Rosinen gemacht. Ich glaube, daß cs einträglich wäre, diese Rosinen zu kaufen und nach Europa zu schicken. Besonders findet sich dort eine Traubenart ohne Körner, deren Rosinen sehr geschützt sind. - Auch der Wein ist hier gut. Die Fellachen, welche Eigenthümer dieser Weingärten sind, sind fast noch Wilde. Ihr Handel ist ausschließlich Tauschhandel. Das Dorf und Umgebung gehören zum Kreise Damaskus, und cs ist ein Kaimakam und eure Tclcgrafeustation in demselben. ' Aus anderen Ländern. / O r i g i n a l - C v r r e s p o n d c n z e n. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 14 Mai 1893. Die diesjährigen Gcmeinde- , raths-Ergünznngswahlen bedeuten einen Sieg des Antisemitismus; bisher war es der Wahlkörpcr der Besitzenden, welcher aus leicht begreiflichem Gründen sich völlig ablehnend gegen die antisemitischen/Verlockungen verhielt. Nun ist anch diese Säule schon geborsten— kann stürzen über Nacht. Der erste Wahlkörpcr hat Heuer die antisemitische Fraction des Gemcindcrathes um 5 Mann verstärkt, so daß diese jetzt 47 Mitglieder zählt. Die antisemitische Partei rechnet triumphirend das Jahr aus, in welchem sie die Majo- -rität im Gemeindcrathe haben wird. Eine häßliche und verlogene Geschichte, welche ein getaufter Jude Paulus Meyer von einer angeblich von ihm selbst miterlcbtcn Schlichtung eines Christenkindcs durch Chassidim in Rußland einem Pfarrer eines Wiener Vorortes, D e ck e r t brieflich erzählt, und die dieser im „Vaterland" veröffentlicht, hat hier eine große Erregung hervorgerufcn. M e y e r ruft Gott zum Zeugen der Wahrheit seiner Erzählungen an, daß der Rabbi von Ostrowo. im Jahre 1876 in Gegenwart vieler seiner Junger, worunter er selbst sich befand, einen kleinen Christcnknaben unter allerlei Cercmonien schlichten ließ, worauf das Blut in bereitstehende Fläschchen, auf welche Zettel mit dem Namen der betreffenden Gemeinde, für die cs bestimmt war. geklebt waren, gcthan wurde. Wir beschäftigen uns nicht gerne mit dem Blutmürchcn, das wir als die entsetzlichste Beleidigung unseres Volkes betrachten, die uns so recht unser Golnselend vor Augen führt. Aber diese momentane Episode einer Polemik, die zwischen Dr. Deckdrt und Dr. Bloch bereits seit mehreren Wochen geführt wird, weist manche bcmcrkenswelhe Momente auf, die nicht unerwähnt gelassen werden dürfen. Nicht die Blutbcschuldigung wollen wir widerlegen, denn so viele gründliche Widerlegungen schon geradeste gefunden hat, sie sind alle unnütz, weil gegen Dummheit und Verlogenheit nichts hilft. Aber der Elende, der diesmal wieder die blöde Lüge ausgeheckt*), ist ein Sohn unseres Volkes. Daß *) llebrigens soll sich, mie uils gesagt wurde, nach deutschem Gesetze, der Mitwisser eines Verbrechens seibn eines Verbrechens schuldig machen. So könnte der Mann genöthigt werden, die Wahrheit seiner Angabe vor Gericht zu erweisen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.