Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 5 (16.4.1893)
- Date
- 1893-04-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Sekbst-HmancipaLion. Nr. 5 Seite 4 nicht mehr die Ansiedkung in Deutschland zrt gestatten. Wird der Antrag zum Gesetz erhoben, so hat damit auch die papiente Gleichberechtigung der Juden ihren ersten Stoß erhalten, und ist damit der Weg zur Entrechtung auch der inländischen Inden eröffnet. Freilich, die Antisemiten sind mit dem conservativen Antrag noch nicht zufrieden, und A hlwardt Hai bereits dem Antragsteller Freiherr von Friesen in dessen Wahlkreise Großenhain den Krieg erklärt. Sv müffcn wohl die Conservativen den Antisemiten noch mehr Zngestäikdnisse machen. Sie werden das um so leichteren Herzens thun, als am 1. April ' üuch das einzige Blatt in ihren Reihen, das dem Antisemitismus noch schüchtern entgegcnzutreten wagte, das ' „Conservative Wochenblatt" des Herrn von Helldors, eingegangen ist. Das vom gelausten Juden A r t h u r Lcwysohn redigirtc „Berliner Tageblatt" sagt, daß es den Vorgängen in der conservativen Partei „vbjectiv" gegennberstände. Es könne ihm gleich sein, ob die conservative Partei unter Stöcker oder v o n H e l l d o rs „unterginge." Wir wollen nichts hinzufügen, um den Eindruck dieser Worte nicht abzuschwächen. IH! Berlin, den 0. April 1803. Ahlwardt ist im ganzen Reichstag allgemeiri verurtheilt worden, ohne daß es auch nur im Geringsten gelungen lväre, diesem sau bereu Bekämpfer der Corruptivn das Handwerk zu legen. -Würde Ahlwa rdt irgend einer anderen Parteirichtung angchöre», so dürfte man versichert sein, daß er jetzt von der Buhne hätte abtreten müssen. Aber die Erfolge Ahlw ardt's nach der großen Wäsche im Reichstage haben bewiesen, wie in weitesten Kreisen das Gefühl für Ehre, den Anstand uub Achtung vor dem Gesetz bei weitem schwächer sind als der Judenhaß. Diese Meinung kam auch zum Ausdruck in einer - am letzten Sonntag in Berlin behufs Gründung eines jüdischen Vereines zur Pflege beut? ch nati tili a l c n Bewußtseins stattgchabten Vcrsamml n ng, wobei freilich der großen Mehrzahl der kleinen Versammlung wohl unbekannt war. daß die E i nberufer zwei hier naturalisirte, russische Juden waren. Gegen die Stimmen einer großen Minorität nahm die Versammlung als Statut an, daß der zu gründende Verein die deutschnationale Gesinnung zu pflegen bezwecke. Auch als vor nicht zu langer Zeit hier die Gesellschaft für ethische Eultur in's Leben trat, war cs ein nichtdeiitscher naturalisirter Jude ans Ungarn, der von den Juden die deutschnationale Gesinnung forderte, freilich nicht ohne sofort von den deutschen Juden desavouirt zn werde». Es ist gerazu widerlich, ein solches Treiben mitansehen zu müssen. Oben genannte Versammlung aber war aus Veranlassung des Verfassers der Broschüre „Staatsbürger und Schutzjuden" einbcrufen worden. Dieses gcistlind geschmacklose Heft, das in 3000 Exemplaren von zwei Anbetern des Autors gratis an vermeintliche Gesinilluigsgenoffen versandt worden ist, wurde allgemein als Schmach und Schande des Jndenthinns verurtheilt : und ein hiesiger Schriftsteller, der zu bekannt ist, um in Verdacht zu kommen, nationaler oder auch nur rechtgläubiger Jude zu sein, versicherte Ihrem Correspvndenten, er habe das Buch zerrissen, als er es gelesen: „denn dieses Buch ist eine Sünde".', sagte er. Je mehr aber ein gewisser Theil unseres Großgeldthnms gern dem Jndenthunie das Messer an bic Kehle setzen möchte, und keine Mittel scheut, um die alte abgelebte Assimilation auszuputzen, und als bunte, reich geschmückte, aber leider auch leblose Gliederpuppe anszustassiren, lim so erfreulichere Fortschritte macht der Geist des Judenthnms in den Kopsen nnd Herzen des großen jüdischen Mittelstandes und der noch weitaus zahlreicheren jüdischen Armen. Die Assimilation hat von oben her angesangen zu zerstören, das Judcnthnm aber ist bei der besten Arbeit begriffen, sich vrn nuten her wieder aufznbaucil. Von diesem erfreulichen Fortschritte legte auch die letzte Prvpagandaversammlung des Vereines „Esr a" beredtes Zeugnis; ab. In derselben gab der Vorsitzende, Herr Rentier Dorn einen Ucberb lick über den heutigen Stand der Colonisation in Palästina, indem er in lebendigen Worten des Bild entrollte, das jüdischen Herzen so lieblich erscheint. Nachdem Herr Bambus über die Auswanderung der russischen Inden und Herr Dr. Hildesheimer über die Ziele des Vereines gesprochen hatten, erhob ein Herr ans der Mitte der Versammlung politische lind agrieulturelle Bedenken gegen die Ansiedelung russischer Inden im Lande Israel. Ebenfalls ans der Versammlung heraus wußte Herr Eons u l F riebe m a n n, der auch zum Vorstand der Resvrmgemeinde gehört, dem Fragenden seine Bedenken teicht zu beseitigen, da er Palästina aus eigenster Anschauung sehr genau kennt, und als einer der bedeutendsten Berliner Großkausleute auch die Bedeutung des Landes und seiner Prodncte sehr lvvhl zn schätzen wisse. Ueberhaupt macht sich jetzt hier auch in der „Resormgemcinde", die so lange zn schlafen schien, ein gesunder Geist geltend und Herr Eonsul F r i c d e m a n n ist bei weitem nicht der einzige, der mit freien und freiesten Auffassungen von Religion das wärmste Nationalgesühl nnd die heißeste Liebe für sein unglückliches Volk verbindet. Und diese Kreise sind für unsere Bcstrebnugen höchst schätzenswert, da sie nnscrn Grundsatz „Einigkeit der Gesa min t s ndenhei t .ohne Rücksicht ans reit gi ö s e D i ss c re n z e „" durch ihren Anschluß in's Praktische übersetzen. Danach sprach »och ein Jude aus Rumänien, der dem heißen Drange unserer osteuropäischen Brüder nach dem Lande ihrer Väter Ausdruck gab. Auch die „Voss. Zeitung" nnd sogar das „Bert. Tagbl." tonnten nicht umhin, sich lobend über diese Versammlung anszulassen, nnd der Verein „Esra" hat alle Veranlassung, demnächst schon eine jüdische Polksveesaiilmluiig einzuberusen, mit der Tagesordnung: „Wo hinaus mit den rnssischen Jaden?" lieber die am 24. April stattsindende Generalversnminlnng des „Esra" werde ich Ihnen seinerzeit ausführlich Bericht erstatten! Magdeburg, den!>. April 1803. Es ist allbekannt, mit ivclchem Faiia'tismns die hiesige „Israelitische Wochenschrift" die Indisch-Nationalen verfolgt. Um so interessanter, ist cs, zu beobachten, wie gelegentlich eines Artikels, in welchem dieses Blatt in Hinsicht auf die Militärvvrlage eine Trennung der jüdischen Wähler von der dentschfreisinnigen Partei bei cintreteudcr Reichstagsauslösung fordert, die Redaction v.vn der gesammten deutschsrcisinnigen, demokratischen nnd socialistischen Presse Berlins und Magdeburgs als versteckt nationaljüdisch, angegriffen wird. Welche Begriffe man vom Nationaljudenthnm hat! Besonders hat der genannte Artikel in hiesiger jüdischer Gemeindc viel böses Blut gemacht. Die armen schntzbedürftigcn Inden fürchten, daß die Freisinnigen nicht freisinnig genug sein werden, sie ferner zu schützen, wenn sie nicht durch Dick und Dünn mit ihnen gehen. Seitdem sie ansgehört haben, „Schutzsilden des Deutschen Kaisers" zu sein, sülffen sie sich eben als Schutzsilden der liberalen Parteien. Das Judenthum muß also gerettet werden, und schon hat sich hier ein Marin gesimden, der mit kühnem Math in den Riß sich stürzt, mit um so kühnerem Muth, als ihm ja die Hoffnung winkt, für die nächsten Stadtverordnetenwahlen anstatt Rahm er s die Stimmen der Juden zu erhalten — als Retter des Judenthnms. Nicht nur hat besagter Herr die ganze Agitation gegen R. durch ein Artikelchen