Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 4 (20.3.1893)
- Date
- 1893-03-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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KeLölt-GmLrncipMon. Nr. 3 nach -— einen solchen unter den Palästinensern nicht finden konnte, so wurde Herr Bien stock ausgewählt. Wir müssen hier aufrichtig bekennen, daß die Nachricht von der Wahl des Herrn B. eine Bestürzung wenigstens der Zionisten, welchen auch die ideelle Seite der Colonisationssache theuer ist, hervorgerufen hat. Umsomehr halten wir uns verpflichtet, hier anzusühren, daß der neue Repräsentant des Vereines .in Jaffa durch die Unterstützung von Anstalten, wie z. B. der Jaffaer Bibliothek für die Ansiedler, Schulen u. s. w. gezeigt hat, daß ihm auch die ideelle Seite der Colonisationssache nicht fremd ist. Die praktische Seite der Thätigkeit des neuen Repräsentanten unseres Vereines kann man noch nicht beurtheilen. In dieser kurzen Skizze des dreijährigen Lebens des russisch-jüdischen Palästina-Vereines muß auch der Verlust erwähnt werden, den derselbe und die Zionssache überhaupt durch den Tod des Vereinspräsidenten, des Verfassers der berühmten Brochüre „Autoemancipation", erlitten. Großen Schaden verursachte dem Comite auch die Auferlegung einer. großen Geldstrafe seitens der Stadtbehörde dafür, daß es einzelnen Mitgliedern des Verbandes in verschiedenen Ortschaften Rußlands Bevollmächtigungen zur Mitgliedcranwerbung und Gelderempfang ausgestellt ' hatte. Wiewohl diese Frage vom administrativen Senate schließlich zu Gunsten des Verbandes erledigt wurde, hat diese Episode dennoch eine große Dosis von Energie des Comite's verschlungen und die materielle Lage des Verbandes verschlechtert. —. . Wenn wir nun, ohne noch den Dreijahrebericht des Comite's gehört zu haben, von der Thätigkeit desselben zu ■' sprechen uns erlaubt haben, so hat uns dazu der Umstand bewogen, daß man nicht selten Meinungen hören kann, das Comite werde sein Ziel niemals erreichen, niemals das Centrum der palästinensischen Bewegung in Rußland bilden, und daß es den reellen Boden für immer verloren, habe.z Diese Ansicht ist zumindest sehr pessimistisch und kennzeichnet einen Verfall des Mutt,es. Obgleich eingestandcn werden muß, daß das Comite eine hervorragende und seinem Berufe entsprcchendeStellung iuder Colonisatianssache nicht besitzt, obgleich es wahr ist, daß es im großen Maßstabe Etwas zu unternehmen und zu verwirklichen nicht im Staude ist, halten wir dennoch obige Ansicht für eine unrichtige. Mag auch die Bedeutung des Comite picht so groß, wie man erwartete, sein, das Comite bringt gleichwohl der Colonisationssache uicht nur in materieller sondern auch in ideeller Richtung großen Nutzen. Selbst die bloße Thatsache seiner Existenz hat eine große Bedeutung für die ethische und ideelle Seite unserer Colonisationssache. Dank dem Verbände haben wir an Ort und ° Stelle ein Organ, das ausführlich die Lage und Bedürfnisse der Colonien kennen zu lernen. und gegenüber den localen Behörden als Repräsentant der israelitischen Bevölkerung hervorzutreten verpflichtet ist. Wenn das Comite auch keinen Heller für die materiellen Interessen der Colonien verwenden und nur das eben Besprochene leisten würde, so würde der Verband schon dadurch allein einen großen und denkwürdigen Dienst unserer Colonisationssache thun. Wir dürfen niemals vergessen, wie viel Geld, Mühe und Zeit nur darum umsonst verloren gegangen sind, daß wir lange Zeit eine sehr dunkle Vorstellung von allem, was die Colonisation anbetrifft,gehabt haben, vor der Entstehung des Verbandes die Thätigkeit der Palästinenser noch minder fruchtbringend war, die Lage unserer Sache noch schlechter geführt wurde. Man darf auch den Umstand nicht ignorircn, daß während der Existenz des „Verbandes" eine ungleich größere Wahrscheinlichkeit sich eingestellt hat, daß über kurz und lang auch solche. Spenden, die etwas Großes im materiellen Sinne zu verwirklichen die Möglichkeit geben werden, Vorkommen werden. Darauf weist z. B. die bekannte Spende eines Mitgliedes des Verbandes, welche die Realisirung einer wichtigen Sache ermöglichte, hin. Wir glauben darum, daß die bevorstehende Generalversammlung mit vollem Recht beanspruchen kann, daß sich unsere Zionisten mit vollem Bewußtsein ihrer Pflichten mit den auf ihr der Entscheidungharrenden Fragen befassen werden. Mögen sie nicht vergessen. daß wahrscheinlich auch die Frage der Abänderung einiger Statutenparagraphe erhoben werden wird, zu deren Diskutirung die Anwesenheit eines Drittels aller Mitgliedernothwendig ist. Empfehlen würde sich, daß das Comite den Dreijahrsbericht spätestens z e h n Tage v or der Generalversammlung zugehen lassen würde. Odessa, 23. Adar 5653. G. B. Aus jüdischen StirdentetiKreisen. Wien, 17. März 1893. An der Wiener Universität geht es wieder recht lebhaft zu. Die deutschnationalen Studenten Schönerer'scher Richtung haben eine Lese- und Rcdchalle „Germania" gegründet. Lese- und Redehallen sind größere studennfche Vereinigungen, die für ihre Mitglieder viele geistige, moralische und materielle Vortheile, mit sich bringen. Die jiioischen Studenten müssen dieser Vortheile entbehren, und darum gab der akademische Verein „Kadimah" die Anregung, eine Lese- und Redehalle jüdischer Studenten — ohne Rücksicht auf die Parteistellnng derselben — an der Wiener Universität zu gründen. Der Discussion über dieses Prostet wohnten über Einladung der „Kadimah" etwa zweihundert jüdische Studirende bei. Die Versammlung, welche am 11. d. M. sto itsand, bot ipanches Jnteressame. Herr sind. nieü. IsidorS ch a l i t von der „Kadimah". motivirte in ausgezeichneter Weise die.Action des Vereines, und parirte im Vorhinein einige mit Sicherheit zu erwartende Ein- . Wendungen der Gegner des Plaiies. Diese Einwürfe blieben denn auch i nicht ans. Dian müsse eine „freisinnige" Lese- und Redehalle, nicht - aber eine jüdische gründen, man dürfe sich nicht separiren, man dürfe ' sich den Separatismus nicht ausdrängen lassen, man dürfe den Antisemiten nicht in die Hände arbeiten n. s. w.. Herr Schalit hatte gut Nachweisen gehabt, daß bisher »och jede „sreisinnige" Studentenvereinigung bis aus einige Paradechristen eine jüdische gewesen und stets bald von antiiemirischen Elementen heimgesucht und gesprengt worden sei; er hatte gut die Fabel von dem Esel erzählen gehabt, der stets zu Boden blicke, und doch über das kleinste Hinderniß stolpere, während das ausrechtgehende Pferd weitausblickt und nicht zum Falle komnit. Das nützte ihm alles nicht. Einer nach dem Andern traten sie aus, die Besitzer jüdischester Typen und jüdischester Lebhaftigkeit, um Verwahrung gegen das „separatistische" Vereinsproject einzulegen und eine „sreisinnige" Lesehalle zu fordern. Bemcrkenswerther Weise zogen aber alle Contraredner die Debatte auch in das Politische Gebiet hinüber und während der Eine den Rassenstandpunkt widerlegte, machte der Andere einen Ausflug in das- Gebiet der sociale» Frage. Der Erstere speciell begieng die große Unvorsichtigkeit, bevor er seine aus der „Reuen Freien Presse" geschöpfte wissenschaftliche Ueberzeugung, daß die Inden keine einheitliche Rasse seien und ganz ungerechtfertigterweise Semiten genannt werden, aussprach, — Eingangs seiner Rede lächelnd zu bemerken, man werde ih n gewiß nicht für einen Antisemiten halten. Er spielte damit auf seine Physiognomie an, weiche, von der europäischen Golusverkümmerung abgesehen, auf das Lebhafteste an Westasien erinnert. Ein nachfolgender Redner, Herr Drd. med.. Siegmund Werner, „alter Herr" der „Kadimah" wüßte diesen Widerspruch mir so feinem Humor und so beißendem Sarkasmus zu behandeln, daß er nicht nnr die Lacher aus seiner Seite hatte, sondern die in Mehrheit anwesenden Gegner, welche spontan mitlachten, in' große Verlegenheit setzte. Doch die Contraredner verloren deshalb uicht an Muih und, bezeichnend genug, begann einer derselben, Herr stud. med. G rün seine Ausführungen mit der Bemerkung, daß die Kadimahner zwar ausgezeichnete Rednertalente unter sich haben, aber doch im Unrechte seien. „Sie wollen das nationale Judenthum, d. h. Sie wollen das internationale'Judenthüm" sagte auch derselbe '.Herr und zeigte dadurch, wie viel , er vom Rationaljudenthume verstehe. Durch alle, die politisch-nationalen 'Ausführungen der Gegner ließen sich jedoch die Kadimahner von dem spcciellen Thema der Versammlung nicht abdrängen; sie lehnten es ab, über politische und nationale Ueberzcügungen hier zu discutiren und hielten sich streng an. die Sache, indem sie besonders die erfahrungsgemüße Nutzlosigkeit eines „freisinnigen" Vereines beleuchteten.Hierin leistete Hcrrjur. med. I.Kohn