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Selbst-Emancipation · 1893-03-20 · Heft 4 (20.3.1893) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 4 (20.3.1893)
Date
1893-03-20
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 Sekbst-Gmancipation. ganz Vorzügliches. Auch er erzählte eine Fabel, von einem Snltan, der einen seltenen Vogel besaß und diesen, welcher viele Kunststücke wußte, der Obsorge seines Veziers empfahl. Der Tod des Vogels sollte für den Vezier die seidene Schnur bedeuten. Eines Tages sei nun der Vezier athemlos zum Sultan gekommen. „Herr, der Vogel weiß ein neues KunststUck Er streckt die Beine von sich und rührt sich nicht". Hocherfreut sei der Sultan zum Vogel geeilt, um, ihn anblickend, jammervoll anszurufen: .Er ist ja tobt", „Ja, tobt darf man nicht sagen" meinte der Vezier — Jüdisch darf man nicht sagen. Frnsinnig muß man sagen! Wieder Heiterkeit, stürmischer Beifall und allgemeine Verblüffung. Schließlich war schon so viel gesprochen worden, daß man sich auf Generalredncr einigte. Pro sprach Herr Drd. me'. Karl Po llak, contra Herr sind. ined. Brigl. Herr Brigl, mit deffen Nominirung zum Generalredner ein großer Thcil der Versammlung, welche dessen socialistischen Standpunkt nicht theilte, nicht einverstanden war, hielt sich am allerwenigsten ans Thema, sondern brachte eine agitatorische Rede vor, welche demagogische Hebung verrieth und» durch die heftigen Gesticulationen und den fliegenden Ton des Redners auffiel. . Damit schloß die Versammlung. Eine Anzahl von Anwesenden erklärte sich durch Einzeichnung ihrer Namen in einem von der „Kadimah" aufgelegten Bogen bereit, dem zu gründenden Vereine beizutreten. Doch verlautet, daß die „Kadimah" von der Gründung der jüdischen Lese- und Redehalle absehen wird, weil eben die Gründung einer „freisinnigen" Lesehalle im Zuge ist und die „Kadimah" nicht als Störenfried auitieten, vielmehr die anderen jüdischen Studenten noch einmal sich überzeugen lassen will, wie es mit „freisinnigen" Vereinen bestellt ist. Was übrigens die neue „freisinnige" Lese- und Redehalle zu werden verspricht, davon konnte man sich durch den Besuch einer anderen Versammlung überzeugen, welche gestern stattfand. Der „akademische Friedensverein" — ein fast durchaus aus Juden bestehender Studentenverein zur Verbreitung der „Friedensidee" — hatte die Studentenschaft zu einer Discussion über die Frage der Gründung einer „freisinnigen" Lese- und Redehalle eingeladen. Im Ganzen hatten sich bei dreißig Studenten eingesunden, von welchen ein großer Theil Mitglieder des Friedensvereines waren. NichtsKöstlicheres läßt sich denken, als was manh ier zil sehen und zu hören bekam. Die Versamlung genoß die hohe Ehre, unter sich einen echten Arier und einen Halbarier (Sohn eines Polen und einer Jüdin) zu haben; sonst war alles jüdisch vom Scheitel bis zur Sohle. Da war es nun gar intereffant, zu vernehmen, wie die Herren, weil „unter sich", ganz offenherzig von dem bedauerlichen Christenmangel, den der Verein haben werde, sprachen.'Ja, Einer schlug allen Ernstes vor, wenn man die Christen nicht abschrccken wolle, muffe man einen hauptsächlich christlichen Ausschuß wählen, in welchem höchstens drei Juden sitzen dürsten. Es ist merkwürdig, für wie schwächlich die Herren selbst den Freisinn der freisinnigen christlichen Studenten halten, und dabei doch übersehen, daß sie mit dem „Freisinn" nur vor sich selbst Komödie machen. Einer von ihnen ist Gegner der „Kadimah", /wiewohl er den humoristischen Antrag stellte, man möge die Kellner Hineinrusen, wenn man Christen haben wolle. Wann und ob die Herren einmal zur Raison komnten werden? Alarodier. Origirml-Corresponderrzerr. Hesterreich-Zlngarn. Lemberg, 20 Adar 5653. — Am 25. Februar fand im Verein „Zion" der erste Agitations abend für Damen statt. Das zahlreich erschienene Publicum begrüßte Fräulein Haut mit einer gediegenen Rede, in welcher die Damen zum Beitritte in den Verein sowie zur Thätigkeit für die jüdisch-nationale Sache in begeisternden Worten ausgefordert wurden. Dem bescheidenen .Raum dieses Blattes Rechnung tragend, bedauern wir diese Rede im Wortlaute nicht wiedergeben zu können, müssen jedoch bemerken, daß, dieselbe schon insofern wirkte, daß mehrere Damen noch am selben Abend dem Vereine als Mitglieder beitraten. Der zweite und letzte Punkt dieses Agitationsabendes bildete die Vorlesung des Fräulein Clara Rebner über die „n a t i o n a l e E r z i e h u n g d e r jüdischen M äd ch c n", welche, ihres gediegenen Inhaltes sowie der schönen Forni wegen, ebenfalls sehr beifällig ausgenommen wurde. In letzter Zeit fanden im Vereine „Zion" nachstehende Vorlesungen statt: am 11. und 18. Februar „Die Juden in derMusik:"I. und IE. von Herrn Sch amed, am 4. März; „Shakespeare und Scott über die Juden" von Dr. I. Feld. An den Mittwoch-Diskussionsabenden wurden nachstehende Themata besprochen; am 8. Februar „über den .jüdischen Jargon" (Referent D. Malz), am 15. Februar- „ü ber dieelende Lagedes jüdischen Handwerkerstandes" (Res. Dr. Feld) am 22. Februar „eine I a r g o n-B r o ch ü r e aus dem Jahre 1348" (Referent Dr. Feld) und am 8. März „ü b e r D r. B i r n b a u in s B r o ch n r e: die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes" (Referent Ad. Korkis). Am 19. Februar fand im Vereine „Zion" eine außerordentliche Generalversammlung statt. Bei derselben wurde das vom Ausschüsse vorgelegte Project eines Musterstatutes für die Filialen des Vereines angenommen und die Crgänzungswahlen vorgenommen. An Stelle der aus dem Ausschüsse getretenen Herren: Arnold. Hochfeld Leißner und Tiger, wurden gewählt: Herr.Leo Löwenherz (Cassier). Frau Clara Schars (Außschußmitglied) und die Herren:Jakob Korkis und Julius Kor - mann als Vertreter. — A. L. Brody. Adar, 5653. Am 23. d. M. fand im hiesigen Musikvereinssaale eine Gedächtniß-Feier zu Ehren Peretz Smolensky's statt. Hunderte von Gästen, Herren und Damen, waren versammelt, um an dem Feste theilzunehmen; Herr Leon Pi lpe t als Obmann des Festcomites begrüßte die Veriamnielten herzlichst und erklärte hieraus die Bedeutung des Abends und des Gefeierten zur vollen Zufriedenheit des Publikums. Nach einer deutscheil Declamation und einem herrlichen Musikstücke hielt Herr Karl Stand der, ebenso wie dre Herren Rubin A. B r a u d e s, u. ObercandorH a l p crn, auf Einladung des Festcomites aus Lemberg gekommen waren, eine vortreffliche, beifällig aufgenommene Festrede. Herr H a l P e r n sang hieraus und erntete den gewohnten reichllchen Applaus. Den Hauptanziehungspunkt des Abends bildete die Aufführung des hebräischen Dramas, welche« Herr I. L. L a n d a u eigens -kür den Abend verfaßt hatte. Wiewohl nicht Viele den Text verstanden, so lauschte doch Alles eine Stunde lang mit gespanntester Aufmerksamkeit. Frau Letzter (Gold) und Frl. Sulamith Pil P el leisteten ganz Vorzügliches, wie sie auch in ihrem Eifer für die nationale Sache unseren Stammesschlvestern als Vorbilder dienen mögen. Sie und der 9 Jahre alte Knabe Rothenberg überzeugten durch ihr lebenathmendes, ausgezeichnetes Spiel das Publikum von der Lebensfähigkeit der Sprache. Besondere Verdienste erwarb sich auch der hiesige Chordirigent Herr Ascher Perlzweig, der im Drama ein von ihm in Noten gesetztes hebräisches Gedicht vom Chor aufführen ließ. Frl. L e w g a trug sehr hübsch ein polnisches Gedicht vor, worauf Herr S a l z m a n n ein von ibm selbst zu Ehren des Abends verfaßtes polnisches Gedicht mit vielem Talente declamirte. Die Schlußrede deS Herrn Michael Berkowicz und auf Verlangen des Publikums auch des Herrn Braudes wurden mit stürmischem Applaus belohnt. Bernhard Margulicg. Wecension. „Sic transit gioria.4- Ein Beitrag zur Geschichte der Baron Hirsch-Stistung und der israelitischeir Handwerkerschule in Krakau von Hans von Grünau. S. 29, 8 Octav Antwerpen 1892. Als nach langjähriger Verschleppung endlich die Baron Hirsch'sckie 12 Millionenstistung von der Regierung genehmigt wurde, da ging ein Jubel durch das ganze Land Galizien. Man sah im Gedanken die ganze wirtschaftliche Deroute beseitigt, ein neues productives Geschlecht herangezogen, und freudig hob sich die Brust jener zahlreichen Familienväter, die Nichts als eine Schar von Kindern ihr eigen nannten, für welche aber an der Tafel des Lebens kein Couvert sich befand. — Es sollten Schulen, Spiel-, Volks-, Handwerker-, Ackerbau-Schulen crrichn t werden, wobei fteilich sehr wenig daran gedacht wurde, woher'Alle nach erfolgtem Abschlüsse ihrer Studien die nötige Beschäftigung und den nötigen Erwerb in einem industriell beispiellos darniederliegenden Lande nehmen werden. Man brauchte sich daher nicht zu beeilen und mit jener Halbheit und Schablonenhaitigkeit, die in allen Maßregeln des leider so schlecht beratene» Philanthropen zunl Ausdrucke gcla> gt. wird auch da vorwärts gegangen. Obige Broschüre gibt uns das beste Bild, in welcher Weise die diversen Comitc's „arbeiten", und was für Personen vas große culturelle Werk anvertraut wurde. Wenn sie sich auch nur darauf beschränkt, die Genesis, die triste Gegenwart und

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