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Selbst-Emancipation · 1893-03-20 · Heft 4 (20.3.1893) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 4 (20.3.1893)
Date
1893-03-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Kelölk-Emancipatton. Seite 3 Vergleichen will, die erbe! oberflächlicher Betrachtung ihrer Unterschiede in Lebensgewohnheiten und Bildung empfängt; sondern, mit Menschenkenntniß und durchdringendem Blicke an die Lösung dieser Aufgabe schreitet, — der wird überall denselben Geistes- und .Gemüthstypus heransfinden, beim. Juden von England und von Algier, von Italien und von Polen. Sind ja auch ein Tiroler, ein SiebenbürgerSachsc und ein Deutsch-Amerikaner drei Untertypen des Deutschthums, durch welches die typische Einheit desselben nicht gestört wird. Will man übrigens individuelle Beispiele haben: Heine hat deutsch gedichtet, trug französische Kleider und war ungläubiger Besitzer eines Taufscheines; dennoch aber stand er z. B. den jüdischen Poeten der spanisch-arabischen Epoche, welche hebräisch schrieben, sich arabisch kleideten und das Gesetz Mosis befolgten, in Geist. Empfindung und Temperament, vor Allem aber' in Welt- und Lebensauffassung weit näher, als seinem deutschen Kunstgenossen Friedrich Schiller. Lord Beaco n s f iel d, der englische' Premierminister jüdischen Stammes, zeigt als Dichter in seinen Romanen ein so feines Verständniß für das Leben und den Lebensinhalt der semitischen Völker, namentlich für die Eigenart Israels, wie es ein Dichter anderen Stammes nimmer' besitzen kann; seine phantasievolle und an die prophetische Diction erinnernde Schreibweise verräth den Orientalen. Aber auch als Staatsmann läßt er durch seine kühne Conception, durch seine großartigen Pläne und Ideale den Semiten unschwer erkennen. Wie hebt sich seine Persönlichkeit von der Lord Salisbury's ab, — und doch waren ja beide Torrys und Kanzler Ihrer Majestät. Hier der typische.Angelsachse, dort der typische Jude. Doch genug der Beispiele; es ließen sich ja Bände mit ihnen füllen, und alle würden zur Evidenz beweisen, daß eine nationale Zusammengehörigkeit der Juden existirt. Aber trotzdem hat Professor Mommsen Recht gehabt, wenn er wie das „Freie Blatt" anführt, gesagt hat: „Sie (die deutschen Juden) sind so guteDeutsche wie wir". Ja Deutsche in dem Sinne von patriotischen Staatsbürgern des deutschen Reiches, Deutsche in dem Sinne, daß sie für das Gedeihen des deutschen Landes, das sich auf der deutschen Nationalität aufbant und nur auf .dieser aufbauen kann, empfinden und wirken sollen. In diesem Sinne war auch Bcaconsfield . ein Engländer, ja, er war es tausendfach ' mehr, als die deutschen Juden Deutsche sind, — weil er ein nationaler Jude war und die englischen Juden den Engländern noch nicht eingeredet, haben, daß sich das nationale Judenthum mit dem englischen Patriotismus nicht vertrage. Darum konnte er sich ausleben in beiden Gefühlen, konnte für Englands Größe wirken und nach Zion sich sehnen. Unsere deutschen Juden aber, die Spitzen sowohl als'die Massen, glauben ihren deutschen Patriotismus nicht anders declariren zu können, als wenn sie sich von ihrem jüdischen Volksthume lvssagen. Und sie haben diese unrichtige und unsittliche Auffassung solange den Deutschen vorgesagt, bis diese selbst sic theiltcn, — dieselben Deutschen, welche in den Vereinigten Staaten Nordamerikas glühende amerikanische Patrioten sind und dennoch treue Deutsche bleiben, die ihr fernes Mutterland als nationales Centrum verehren und die Beziehungen zu demselben nie unterbrechen. Was die deutschen Juden thun, ist für die österreichischen ein Vorbild. Und die österreichischen hätten es ja am allerwenigsten nöthig, nachdem es in Oesterreich überhaupt keine Staatsnationalität gibt. Doch das genirt sie nicht. Die Mode will jetzt vom" Judenthum nichts hören, und der Prater ist den Leuten natürlich mehr ans Herz gewachsen,' als die Palmenhaine Jerusalems, umsomehr als die Nichtjndeu durch ihr Fernbleiben dafür sorgen, daß auch gewisse Alleen des Praters den Eindruck Hervorrufen, als sei man in — Asien. Man muß den diplomatischen Kunstgriff des „Freien Blattes" zu würdigen wissen, wenn es ausruft: „Aus freien Stücken würden die Juden in europäischen Cnlturlündern niemals nach Asien ziehen". Ein Jude das Wort „Asien" hören und nicht bis ins innerste Mark erschrecken! Daraus ist cs angelegt. Nun, wir können dem „Freien Blatt" und unseren Stammesbrüdern versichern, daß es in Asien sehr schön ist, daß ein tüchtiges und sittliches Volk in Asien sehr gut gedeihen kann, und daß nach wenigen Jahren besondere Freunde von Eisenbahnfahrten in fünf Tagen von Paris nach Jerusalem werden eilen können. Vielleicht überlegt sich dann auch der witzige Pariser Banquier die Sache und geht nach — Asien. Bitten werden wir ihn freilich nicht darum, ebensowenig als jene, „reichen Juden", von welchen das „Freie Blatt" spricht, die proeul negotiis leben und ihren Aufenthalt nehmen können, wo sie wollen" und dennoch in einzelnen Ortschaften verblieben, „in denen der Antisemitismus ihnen das Leben vergällte". Es ist ja wahr, daß „der Jude so gut wie andere Menschen an dem Reiche, der Provinz und dem Orte, wo er geboren, erzogen worden, wo er Freud nnd Leid erlebt hat, wo seine Lieben ruhen, hängt, und daß ihn, wenn er in der Ferne sein Glück sucht, wie bei jeder Auswanderungsbewegung hauptsächlich herbe Nothwendigkeit dazu treibt." Ja, diese Nothwendigkeit aber existirt doch für Hunderttausende des jüdischen Stammes und soll sie vielleicht nicht berücksichtigt werden, weil einzelne Protzen aus ganz und gar nicht idealen, sondern aus Acquemlichkcits- und Eitelkcits- . gründen, allen Ehrgefühles bereits los und ledig, die moralischen Prügel geduldig hinnehmcn, welche ihnen Tag für Tag verabreicht werden? Diese Nothwendigkeit, welche den denkenden, fühlenden Juden erinnern soll, daß sie ein trauriges Erbtheil seines Volkes ist, und die sich daher für ihn zur Nothwendigkeit der Gründung einer Heim- und Schutzstätte für Israel erweitern muß, — kamt aber ebensowenig wie durch die besprochene sittliche Gesunkcnheit der „reichen Juden", durch eine angebliche geistige Beschränktheit der jüdischen Massen beseitigt werden. Wenn nämlich das„Freie Blatt" mit seiner Aufforderung an uns Recht hat, wir „mögen doch bei den uns bekannten Juden Umfrage halten, ob sich dieselben nicht weit mehr für die Abänderung des Wiener Gemeindestatuts, beziehungsweise für die Neugestaltung des Salzverschleißes in Galizien intercssiren als für die Wiederaufrichtung eines ganz oder halb selbstständigen jüdischen Staates", so wäre das freilich sehr traurig und ein geistiges und sittliches Armuthszeugniß für die österreichischen Juden; das „Freie Blatt" hätte aber am allerwenigsten Grund, mit demselben zu paradiren. Die Verfasserin von „Wehrt Euch" und „dieWaffen nieder", Frau Bertha von Suttner, vor der wir übrigens alle Hochachtung besitzen, wird gewiß auch nicht sehr erbaut darüber sein, daß dem Hans und dem Michel die Frage, ob heuer eine gute Ernte sein wird, wichtiger erscheint als die Frage der Abschaffung des Krieges, wiewohl ja e i n Krieg dem Landmann schädlicher ist als zehn schlechte Ernten. Wird darum besagte Dame ihre Bestrebungen aufgeben wollen, vor dem Kurzblick der Menge den Rückzug antrctcn? Sicherlich nicht. Ist die Gesinnung der österreichischen Juden wirklich eine so kleinliche und am Staube klebende, wie das „Freie Blatt" glaubt, dann muß sie eben erweitert und gehoben werden, — und das wollen wir Zionisten versuchen. Die Assimilation scheint es eben nicht zusammengebracht zu haben. Doch das „Freie Blatt" bleibt bei den österreichischen Juden nicht stehen; cs soll ja die Juden überhaupt schützen und daher weiß cs auch von den russischen Juden zu erzählen, daß sie über eine zustimmende Haltung des russischen

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