Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 4 (20.3.1893)
- Date
- 1893-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Kewlt-Gmancipation. 3\ vielmehr constatirt, daß wir bloß ein jüdisches Palästina .als „moralischen Stützpunkt" für die „außerhalb desselben weilenden Juden" 'anstreben; welches schließlich anerkennt, daß wir nur „an eine friedliche Lösung aller. Schwierigkeiten auf diplomatischen Wege denken"; ein Blatt, das sich soweit einer anerkenncnswerthen Wahrheitsliebe befleißigt, sollte sich gerade die größte Gründlichkeit bei .'Prüfung der Frage auferlegen. Alle Momente anführen, welche jedem Leser die Sache als eine ernste erscheinen lassen müssen, und diese dann mit einigen Witzen und Gemeinplätzen abthun, zeugt von einem Deficit an Logik sowohl als' an Verständniß für die Verantwortlichkeit, welche der Publicist seinem Publikum gegenüber hat. Statt' den Zionismus wissenschaftlich zu widerlegen, appellirt das „Freie Blatt" an die Schwächen des menschlichen Charakters überhaupt, wie des jüdischen insbesondere, um eine Verurtheilung unserer Bestrebungen durchzusetzen. Daß „Herr S t ö ck e r und die Zionisten in dem Punkte übereinstimmen, den . Antisemitismus durch Repatriirung der Juden nach Palästina zu beseitigen", haben wir schon oft genug hören müssen, um diese Spekulation auf die durch das ewige Gezänke mit den Antisemiten hrrvorgerufene. Denkeinseitigkeit unserer Inden als solche zu erkennen. Wir halten es für unnöthig, uns hier mit dieser kleinlichen Ausbeutung eines Berührungspunktes, wie er ja zwischen Gegensätzen so oft vorkommt, länger zu befassen. Jeder Mensch mit gesunder Vernunft und ohne böse Absicht wird auf den ersten Blick zugeben müssen, daß Antisemitismus und Zionismus sich zu einander, wie . zwei divergircnde Linien verhalten, welche jede aus einer andern Richtung des Weltalls kommend, sich kreuzen, um wieder weit auseinanderzugehcn und sich niemals wieder im Raume zu begegnen. Die Quelle des Antisemitismus ist der Haß gegen das jüdische Volk, die des Zionismus die Liebe zu demselben; das Ziel des Antisemitismus ist das Unglück Israels, dasjenige des Zionismus das Glück unseres Stammes. Ucbrigens wollen wir ja gar nicht, wie doch das - „Freie Blatt" selbst zugegeben hat, die Repatriirung der Juden nach.Palästina, sondern die Schaffung einer jüdischen ' Patria, eines jüdischen Vaterlandes, — und das ist doch etwas ganz Anderes. Wer nicht nach Palästina will oder muß, kann ja schön hier bleiben, und wenn es Leute vom Schlage des Gewährsmanns des „Freien Blattes" thün, so wird uns dies außerordentlich freuen. Das „Freie Blatt" beruft sich nämlich auf „die vielcitirte Aeußerung.eines Pariser Banquicrs, welcher auf die Frage, was er im Falle einer Wiedererrichtung des jüdischen Reiches thäte, zur Antwort gab: „Ich würde meinen Souverän ersuchen, mich als Sr. Majestät Gesandten in Paris zu lassen". Das „Freie Blatt" meint sehr richtig, daß diese Aeußerung „mehr als ein Witz" sei. Freilich' ist das schon., eine alberne Frivolität, wie sie eben nur irgend einem geistnnd gemüthlosen Geldprotzen in den Mund gelegt werden kann. Die Masse der Juden hat glücklicherweise mit diesem Pariser Banquier nichts oder sehr wenig gemein. Den Mil-, lionen osteuropäischer und dem größten Theile der mitteleuropäischen Juden schwillt noch immer die Zionssehnsncht das Herz, und der Tag wird und muß kommen, wo sie' alle ganz aus unserer Seite sein werden, da sie es ihren Empfindungen nach schon jetzt sind. Aber auch in Westeuropa und dem westlichen Mitteleuropa ist die . Erlösungshoffnung im jüdischen Volke' noch nicht todt; sie glimmt unter der Asche, welche nach dem Autodafe, das die Assimilation hier mit dem Judenthum angestellt hat, geblieben ist, - fort, und daß sic wieder zur hellen Lohe werde, das werden wir Zionisten, die Zeitereignisse, vor Allem aber die geschichtliche Nothwendigkeit einer Wiedergeburt Israels besorgen. Wohl besteht -für das „Freie Blatt" diese Noth- Wendigkeit nicht; der Zionismus, meint es, „setze sich über den historischen Entwicklungsproceß leichten Herzens hinweg. „Wir sind vom Gegentheile überzeugt, daß nämlich der Zionismus den Willen der Geschichte ergründet habe und richtig deute.. Nicht umsonst steht,das jüdische Volk nach achtzehnhundertjährigein Exile, trotz aller Assimilätionsepisoden, welche jedesmal nur von der jeweiligen Generation in_ ihrer Kurzsichtigkeit als dauernde geschichtliche Entwicklungsresultate angesehen werden, noch immer da als das Eine, unzerstörbare, unspaltbare Volk; nicht umsonst hat es auf seinem langen Leidenswege zu seiner alten semitischen, Civilisation europäische Cultur-Elemente hinzugefügt, so daß es jetzt zum Mittlervolke zwischen Morgen- und Abendland prädestinirt erscheint; nicht umsonst erweist sich der Judenhaß als ein chronisches Uebel, das in jedem Jahrhundert neue acute 'Zustände erzeugt und trotz der Energie sonst tüchtiger und humaner Aerzte nicht zu bannen ist. weil eben die Grundursache der Krankheit, die völkerrechtliche Ausnahmsstellung der Juden, nicht beseitigt wird. Nein, nicht umsonst, — alle diese Thatsachen verweisen das Judenthum unzweideutig auf den einzigen richtigen Weg, den es einzuschlagen hat, um sich Erlösung von den Leiden des Exils und den Völkern Befreiung von einem Schandmal, das ihre Sitten -verroht und ihre sociale Entwicklung verlangsamt, vom Judenhasse, zu bringen. - . Freilich kann für diese Thatsachen und die zwingenden Schlüsse, die sich aus ihnen ergeben, nur derjenige ein offenes Auge haben, welcher sich theilnahmsvoll in das jüdische Wesen oder die jüdische Geschichte vertieft hat. >Am allerwenigsten sind also jene Nichtjuden fähig, hierin ein richtiges Urtheil zu fällen, welche sür das ,jüdische Volk nur Haß und Neid oder andererseits eine abstrakte, kalte Humanität besitzen. Das „Freie Blatt", welches ohne eine Spur von Verständniß jüdischen Wesens, ohne jede Kenntniß jüdischer Geistes- und Herzenseigenart, in. der schablonenhaftesten, seichtesten Weise an die Abwehr des Antisemitismus geht, ist gewiß nicht berufen, zu entscheiden, was die Geschichte mit dem jüdischen Volke vorhat. Das „Freie Blatt" leugnet die nationale Zusammengehörigkeit der Juden, und glaubt, daß von einer solchen „nur liebelwollende oder Unbesonnene sprechen können". Die Unbesonnenen, — das sind wohl wir, die Uebelwollenden die Antisemiten. So sehr wir auch dem „Freien Blatt" für sein relativ schmeichelhaftes Urtheil über uns dankbar sind, so können wir doch nicht umhin, uns seine „Besonnenheit" etwas näher anzusehen. Wenn es findet,daß „Luigi Luzatti . dem Marchese Ru d in i, dessen Cabinet er angehörte, im Denken und Fühlen, Sinnen und Trachten näher steht, als irgend einem marokkanischen Juden, oder Bamberg er sogar mit Freiherrn v. Minniger.ode mehr Berührungspunkte hat als mit einem Juden, dessen Wiege an der Wolga stand",— so zeigt es durch diese Beispiele schon, wie wenig tief in den fraglichen Gegenstand seine kritische Sonde gedrungen-ist. Soll es dem Herrn Artikelschrciber nur so zufällig passirt . sein, daß er für seine Vergleiche Mitglieder derselben socialen 'Schichte wählte? Sollte es ihm unbekannt sein, daß die Standesgleichheit zwischen den Menschen der verschiedensten Klimäte und Rassen eine gewisse äußerliche Gleichartigkeit erzeugt, unter der die natürlichen Unterschiede mit aller Macht walten?'Das jüdische Volk stellt sich für den gründlichen Beobachter als eine nationale Einheit dar. Dem' horchenden Ohre lösen sich die verschiedenen Melodien in dieselben Grundtöne, welche bloß eine verschiedene Gruppirung erfahren haben, auf. Wer nicht mit einem Meterstabe die Tiefe des Meeres messen, d. h. wer die Juden der verschiedenen Länder und Zungen nicht nach Eindrücken.