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Selbst-Emancipation · 1893-02-28 · Heft 3 (28.2.1893) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 3 (28.2.1893)
Date
1893-02-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Sekbst-GmancipaLion. Von dem neu-arischen Geist ist also für die Juden nichts und für die Nichtjuden erst nach sehr langer Zeit etwas zu erwarten. Dagegen ist vom neu-semitischen Geist für die Inden Alles und für den Svcialisirungs-Proceß der Menschheit, auch der arischen Rasse, eine große Beschleunigung zu erhoffen. Den neu-semitischen Geist hat Herr Dr. H c r tz k a vollständig übersehen. Wenn er behauptet, daß die Juden zu den Naturwissenschaften und zur Kunst keine Eignung besitzen, so gilt diese Ansicht, wenn sie überhaupt begründet ist, von den heutigen Inden gewiß nicht. Forscherdrang und Kunstsinn sind dem jüdischen Volke jetzt gerade so eigen, als den anderen Nationen. Neusemitisch ist aber jedenfalls die politische Schulung, die Israel auf seinen Wanderzügen erhalten hat. Nur durch die richtige Anwendung dieses neusemitischen Geistes laßt sich die altsemitische socialsittliche Reife, welche in den zwei Jahrtausenden des Exils io viel gelitten hat und mit jedem neuen Jahrhundert weiteren Golus immer mehr und mehr znrückgchen müßte, wicderherstellen, mehren und zur Geltung bringen. Nur im Falle nationaler Wiedergeburt des jüdischen Volkes kann diese Reife wieder voll und ganz zur Erscheinung kommen. Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes, — das ist die einzig richtige Consequenz ans den Prämissen der socialen Befähigung der jüdischen Rasse und ihrer jetzigen Lage. Ein geachtetes Volk im Rathe der Völker geworden, wird Israel durch das Beispiel socialerGercchtigkeit, das cs in nicht allzu ferner Zeit kraft natürlicher Fortentwicklung bieten wird, einen ganz anderen Einfluß üben, als durch seine socialistischcn Abenteuer von jetzt. Die Macht des Beispieles aber wird man Herrn Dr. Hertzka, dem Projectantcn des Musterstaates „Freiland", gewiß nicht erst zu beweisen brauchen. Dr. Birnbaum. > Original-Correspondeitzett. Hesterreich-Ilngarn. Wien, Ende Februar 1893. (Aus polnischen Kreisen.) „Und wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen." An diese deutschrcchtliche Parömie wird man unwillkürlich erinnert, wenn man sich die Ereignisse der letzten Tage im Schoße des Polenclubs, und des — hiesigen polnisch-akademischen Vereines „Ognisko" vor Augne hält. Ein Jude, der Abkömmling des der „szlachta“ die Hände küssenden Jankiel wagte es, den allmächtigen polnischen Junkern im Parlamente vorzuwerfen, daß sie Vorrechte, Privilegien besitzen; er war so. unvorsichtig, im Gegensätze zu einem anderen Vertreter der „judaica ecclesia miHtans“ nicht nur die wüthcnden Demagogen vom Berge, sondern auch die eigenen Elubcollcgen, die nur verschämt, im Antisemitismus „machen", anzugreifen. Und bald wäre es um ihn geschehen. Wuthentbrannt stürzten sie über ihn her, ob clerical, ob. conservativ, ob liberal: einerlei, es galt ja dem Juden gegenüber die verletzte Ehre der polnischen „szlachta" zu vertheidigen, dieselbe wurde gerettet. Dr. Byk revocirt zweimal, einmal im Club, das andere Mal im Hause, und so werden den geistreichen Erfinder des „Wiener Gewäsches" fürderhin seine jüdischen Wühler durch Gnade der Jaworski, Chotkowski k. in den Polenclub wühlen dürfen. Der Fall ist erledigt, Nichts trübt mehr im Polenclub das Einvernehmen zwischen den Polen und Juden, die noch lange keine jüdischen Vertreter sind. Denn wären sie es, so müßten sie laut protestiren gegen die brutale Vergewaltigung Seite 5 des jüdischen Volkes in Galizien, gegen die wirthschaftliche Erdrosselung, der die große Masse des jüdischen Proletariates jetzt Preis gegeben wird. Der Antisemitismus, wie er in Galizien thatsächlich besteht, ist viel ärger, viel intensiver und für die wirthschaftlichc Existenz der Juden viel gefährlicher als anderswo. Er ist nicht marktschreierisch, er verfolgt keine politischen Zwecke, er ist nicht eine Reaction der^bedrohtcn nationalen Unversehrtheit, er packt vielmehr die Frage von der wichtigsten ernstesten, von der wirtschaftlichen Seite an. Es wird allmählich der großen jüdischen Masse die unter Verhältnissen, wie sie sonst nirgends außer Rußland bestehen, lebt, jeweder ehrliche Erwerbszwcig abgeschnitten, alle Einkommensquellen unterbunden, und so der sociale Pcroccß ans künstlichem Wege noch beschleunigt. Und dies Alles „vvu Oben", von jenen obern Zehntausend, die es als ihre historische Mission betrachten, den Bauer in Blindheit und geistiger Hörigkeit, den Inden, ihr Factotum von anno dazumal, in Fanatismus und Obskurantismus zu „conserviren". Doch auch der christliche Bürgerstand, die ganze Intelligenz, die Jugend steht den Inden nicht sympathischer gegenüber. Mit der letzteren hat cs noch eine besondere Bewandtniß. Die socialen Theorien der Neuzeit haben spcciell unter der polnischen Jugend einen großen Anklang gefunden; durchwegs Marxisten, erklären sie. von einem nationalen Princip nichts wissen zu wollen, lvas sie aber doch nicht hindert, für den Wiederaufbau des polnischen Staates zu schwärmen. Sie entwickeln eine große agitatorische Thätigkeit und so ist es ihnen auch gelungen, im hiesigen akademischen Vereine „Ognisko" die Herrschaft zu erlangen. Verschiedene Parteien haben sich hier schon abgelöst, längere Zeit herrschte hier die clericale, bis zuletzt die antisemitische. Die letztere Strömung äußerte in den letzten 3—4 Jahren derart ihre Wirkung, daß kein Jude in den Ausschuß gelangen konnte: Die Inden waren im Vereine eben das, was sie überhaupt im öffentlichen Leben sind, d. h. nur tolcrirt, und so ist das Häuslein dieser Geduldigen mit der Zeit sehr zusanimengcschmolzen. Seit vorigem Jahre hat sich die socialistischc Partei im Vereine breit gemacht, und so strömten die polnischen Jünglinge mos. Confession, die ja ebenfalls im Socialismus machen, zahlreich Hera». Patriotismus, Nativnalgefühl wurden nicht verlangt, sie wurden anständig behandelt, als „Genossen" betrachtet und was braucht »och so ein Jude mehr, um zufrieden zu sein. Am 4 Februar d. I. sollte die Präsidentenwahl stattfinden. Die socialistische Partei fühlte sich auch jetzt genug stark gegenüber den sogenannten Demokraten, ihrem Candidaten zum Siege zu verhelfen. Dieser Candidat war der Rcchtshörer Adolf B rü ck, ein langjähriges, in allen Zeiten dem Vereine treu gebliebenes Mitglied, der auf sein socialistisches, wenn auch noch sehr jungfräuliches, Programm und das rr—vtzigc Bekenntniß als ein in den israelitischen Matrikclbüchern eingetragener Pole (die ureigenste Erfindung des Herrn B r ü ck, auf die wir ihm Patent zu nehmen rathen) als Candidat nominirt und auch gewählt wurde. Welcher Triumph für Israel! Ein Jude Präsident des „Ognisko", ein Jude wird also nunmehr bei den polnischen Abgeordneten, die den Verein fördern, antichambriren, ein Jude ivird am Sterbetage Mickiewicz's die lauschende polnische Colonie über die Bedeutung dieses Dichters belehren, und dieses hagere, gebückte Männlein die Creme der polnischen Jugend in der Residenz repräsentircn. Die Annalen des Vereines „Ognisko" haben aber während ihrer 28 jährigen Dauer noch keine so kurze Negierungszeit zu verzeichnen gehabt, als die des Herrn Brück. Der cin\4. Februar gewählte Präsident war es am 6. Februar bereits nicht mehr. Dreißig Mitglieder hatten nach der erfolgten Wahl erklärt, ans dem Vereine aus-

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