Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1893-02-10 · Heft 2 (10.2.1893) · p. Seite 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 2 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
Seite 235 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092696-3092698--1068-3094080
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2. Selbst-Emancipation Seite 23 b. UordAmerika. Nem-Noek, 26. Dezember 1892. Die „American Federation of Labor“ hat bei ihrer jüngsten Nationalconvention folgende Resolution gefasst: Da die Organisation erfahren hat, dass die „United Hebrew Charities", unterstützt von mehreren wohlhabenden Leuten insbesondere vom Baron Hirsch, eine große Anzahl von armen, verfolgten und verunglückten Arbeitskräften aus Europa iniportirt; da ferner diese armen Leute, anstatt dass ihnen die Möglichkeit geboten werde, durch Colonisation oder andere Mittel sich selbst eine Existenz zu begründen, bei den Agenten der obbenannten „United Hebrew Charities" untergebracht werden, wo sie in s. g. Gewerbeschulen die Elementarbegriffe der verschiedenen Nebenfächer und Hilfszweigc der Schneiderei erlernen, um dann auf den bereits überfüllten und demoralisirten Arbeitsmarkt gebracht zu werden; da endlich die Schneider dieses Landes sich unter den gegenwärtigen, beinahe unhaltbaren Verhältnissen schon in einem schweren Kampfe um's Dasein befinden, und eine nicksichtslose Concurrenz untereinander nur für die gewiffenloscn Preisdrücker (Schwitz-Meister) vom Vortheil wäre; deshalb wurde beschloffen: Es möge die Amerikanische Arbeiter-Foederation in ihrer Jahresversammlung diese verfehlte Philantropie verdammen, die anstatt die Lage der arbeitenden Bevölkerung zu verbeffern, dieselbe noch verschlimmert; und weiters werden für den Fall, als obgenannte Wohlthätigkcits-Bereine im Angesicht solcher Resultate ihre demoralisirende Thätigkcit noch fortsetzen sollten, ihre aufrichtigen und ehrlichen Absichten in Zweifel gezogen; diese Angelegenheit selbst aber dem Cnngreffe der Vereinigten Staaten zur Untersuchung enipfohlen. Die ,.A. F. o. L.“ ist der größte Verband Amerikas; er zählt nach Millionen Mitglieder. Sein vorangeführter Beschluss wird bereits vom Congresse zn Washington ernstlich in Erwägung gezogen. Jedenfalls verdient die Sache unter den Leitern des russischen Emigrationswerkes in Europa, wie auch allerorts die tveiteste Verbreitung. Schon zu lange haben Erstere einschließlich Baron Hirsch, von gewissen Prominenzen der hiesigen Judenheit, die weder von der Stimmung der Massen noch von deren wirthschaftlichen Ursachen eine blasse Ahnung haben, einen grundfalschen Eindruck betreffend der wahren Sachlage hier erhalten. Einzelstehend hatte ich bereits vor drei Jahren, als die Kunde von der beabsichtigenten Baron Hirsch-Stiftung zn Gunsten hiesiger Einwanderer sich verbreitete, versucht, seine Londoner Ratgeber aufzuklären, und erst im letzten Jahre reserirte ich persönlich mit seinem Pariser Repräsentanten über den Gegenstand. Doch mußte natürlich mein schwacher Warnruf gegenüber den Stimmen besagter, mehr von Pomp- und Reclamesucht als einsichtsvoller Humanität erfüllter, . amerik. - jüdischer Philantropen, verhallen. Bemerktsei hier noch, daß die Sache keineswegs einen antisemitischen Hintergrund hat, sie ist rein wirtschaftlicher Art, was selbst dem mit den Details Unkundigen schon die Wortfassung allein beweist. Außerdem aber kenne ich persönlich die Urheber der Resolution, worunter sich einige Juden befinden, und weiss positiv, dass ihnen jeder judenfeindliche Gedanke fern war. Uebrigens ist der Präsident der ,,A. F. o. L.“, Samuel Gompert selber Jude und gehören hunderte von jüdischen Arbeitervereinen dem Verbände an. Adam Rosenberg. Türkei. Jerusalem den 30. Jänner 1893. Am 3. d. M. starb Rabbi Meir Rafael Panisel, der Oberrabbiner unserer Stadt und des palästinischen Judenthums überhaupt, im hohen Alter von 98 Jahren. Panisel führte den Titel Ehacham Baschi und genoss den Rang eines türkischen Staatsbeamten, da ihm die Entscheidung in Civilstreitigkeiten zwischen Juden übertragen war. Mehr als zehntausend Menschen folgten seinem Sarge. Herr Bernhard Neßler, Privatdocenti.Chemien. Physik aus Zürich, ist gegenwärtig in Palästina, um im Aufträge des Baron Rothschild die Umgebung der Colonien daraufhin zu untersuchen, ob dieselben sich zur Anlegung größerer Oel- und Parfümeriefabriken und -Raffinerien eignen. Die „Zionsfreunde" lassen in Pethach Thikwah auf ihrem Grundstücke Maulbeerbäume pflanzen, um sie unter sechs Colonisten zn vertheilen. Die Arbeiten werden von dem an der Agricultur-Hochschule in Montpellier ausstudirten Gärtner, Herrn Bragin überwacht. Amithi. Jaffa, *) 21. Tebheth 5653. Richtige Nachrichten aus Palästina. Die meisten Colonisten in Judäa haben ihre Trauben aus den letzten zwei Jahren an die Kelter der Administration des Protectors in Rischon l'Zion verkauft. Die Minderzahl hat dieselben nach Jerusalem, Mikweh Israel und Sarona**) gebracht. Nur einige versuchten selbst den Wein zu fabriciren. Die Preise arabischer Trauben waren zwischen 15 und 18, der französischen zwischen 28 und 32 Frcs.; die indischen Trauben wurden bis 75 Frcs. der Kantar (Centner) bezahlt. Aber die letzte Gattung ist noch zu selten. Das Gewicht aller Trauben aus den jüdischen Colonien beträgt in diesem Jahre ungefähr 3000 Kantar. * Sieben von den jüdischen Colonien haben Heuer Wein geliefert, und zwar folgende: Mikweh Israel, Rischon l'Zion, Sichron Jacob, Wadi Chanin, Gadrah, Pethach Thikwah und Rosch-Pinah. Der Wein der vier letztgenannten Colonien wird nur unmethodisch, wie eben die Bauern selbst ihn bereiten, gewonnen, denn dort sind noch keine Keltern vorhanden. In den zwei erstgenanntene Colonien wird der Wein unter Aufsicht gelernter Weinerzeuger gekeltert. Sichron Jacob hat eine große Kelter, und auch das Gewicht der dortigen Trauben stieg auf 200 Kantar; trotzdem hat dort die regelmäßige Arbeit nicht begonnen, und der Wein wird mehr versuchsweise denn als Handelsartikel bereitet. Der Wein von Mikweh Israel und Rischon l'Zion werden im Lande auch von Fremden gerne gekauft, und werden ebenso von Alexandrien aus begehrt und dahin geschickt. Es gibt verschiedene Sorten des Weines; der Preis derselben bewegt sich zwischen 40 und 60 Centimes per Liter. * Wiewohl fast die Mehrzahl der Grundstücke der Colonien zur Saat geeignet sind, werden dieselben dennoch vorzugsweise zu Anpflanzungen benützt und die Quantität der Aussaat ist eine sehr geringe. Nur die zwei Colonien Gadrah und Ekron blieben dem Getreidebau treu; besonders die letztere beschäftigt sich damit, denn ihr Boden ist gut und fett, die Zahl ihrer Feldbauern wuchs in diesem Jahre, und die Feldarbeit wird mit großer Geschicklichkeit gemacht. Die Verwaltung des Protectors hat den Boden voil Kustine arabischen Lohnarbeitern übergeben, während doch genug jüdische Arbeiter zur Verfügung standen. Ueberhaupt ist Kustine noch wüste und nicht in Ordnung, wiewohl es schon fünf Jahre unter der Administration steht. Die Gründe der zwei von mir angeführten Thatsachen sind wohl nur Allah und der geehrten Administration bekannt. Von der Ertragsfähigkeit des Bodens kann man sich einen Begriff machen, wenn man folgende Thatsache in Betracht zieht. In Kustine gehören bei 1500 Dulam Bodens einzelnen Personen, welche im Auslande leben. Nachdem Kustine durch arabische Pächter bebaut wird, so ist der Vertreter der erwähnten Eigenthümer gezwungen, auch den Antheil^ derselben Arabern in Pacht zu geben. Pächter ist ein Effendi, der 7< Medschide***) Pachtzins pro Dulam bezalt, den Äodan aber wieder für V2 Medschide pro Dulam an die Fellachen weiter verpachtet. Daraus ersehen wir, dass nur zur Verpachtung dieser Boden 23 Francs pro Hektar****) wert ist. * * * Wir haben hier unsere Freude an der neuen Schule in Jaffa, welche durch durch die Zionsfreunde mit Hilfe der Alliance gegründet wurde. Mehr als 100 Knaben sephardischer und afchkenasischer Eltern besuchen dieselbe. Drei Sprachen werden unterrichtet: Hebräisch, Arabisch und Französisch. *) Dieser Artikel ist im Original hebräisch verfasst. **) Sarona ist die Colonie der würtemberg'schen „Templer". ***) 1 Medschide — 4 Francs 30 Cent. **♦*) 1 Hectar sind gegen 11 Dulam.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.