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Selbst-Emancipation · 1892-12-19 · Heft 23 (19.12.1892) · p. Seite 221

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 23 (19.12.1892)
Date
1892-12-19
Page
Seite 221 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23. Selbst-Emancipation Seite 221. Caro's Brochure (Referent Ad. Stand); „Socialdemokratie und Nationaljudenthum" (Referent M. Sprecher); „Der Nationalitätsbegriff im All gemeinen und der jüdische Nationalitätsbegriff insbesonders" (Referent G. Zipper); „Assimilation" (Referent G. Zipper); „Nation und Coufessiou" (Referent R. A. Brandes); „Religion und Moral" (Referent Ad. Korkis). Ein Theil unserer jüdischen Jugend scheint in der letzten Zeit zum Selbstbewusstsein zurückkehren zu wollen. Denn wir müssen cs als ein Zsichen der Zeit betrachten, wenn die dem Judenthum so entfremdete studierende Jugend den Much hatte, ein Concert zu veranstalten, welches sie „Makkabäerfeier" benannte, und zu welchem als Festredner ein bekannter gesinnungstüchtiger Zionist, Herr Adolf Stand, cingeladen wurde. Wohl hat uns das Programm des erwähnten Abends nicht besonders befriedigt, denn bis auf Punkt 2, die Festrede nämlich, passte dieses Programm bedeutend eher für eine Mickiewicz- oder eine sonstige polnische Nationalfeicr als fiir ein Makkabäcrfest. Aber dieser einzige Punkt ersetzte uns Alles. Ju einem classischen Polnisch erzählte der Redner die Geschichte der Makkabäer, feierte Juda Makkabi als Juden und als Feldherr, wobei er besonders auf die Liebe Makkabi's zu feinem Vaterlande hinwies. Hierauf verglich der Redner die damalige mit der jetzigen Zeit, und beleuchtete die elende Lage der Juden. „Der Fortschritt verbindet sich mit dem Conservativismus, die Wissenschaft vereinigt sich mit der Ignoranz, Geistlichkeit und Adel solidarisiren sich mit dem Volke, um uns zu vernichten! Alles hat sich gegen uns verschworen, um uns aus der Welt zu schaffen. Wir sind die Scheibe, auf welche alle hinzielen. Nur die Einigkeit," setzt der Redner weiter auseinander — „kann dem Judenthum die nöthige Hilfe bringen," und er schließt seine Rede folgendermaßen: „Zu diesem Bewusstsein gelangte die Jugend, welche durch die Feier historischer Ereignisse zu erkennen gibt, dass sie bereit ist, ihrem unglücklichen jüdischen Stamme die größten Opfer zu bringen. Sie (die Jugend) sieht des Judenthums Rettung nur in der Vereinigung aller bis jetzt theils zerstreuten, theils gleichgiltigen Kräfte und hisst mit Stolz die Fahne des Panjudaismus auf. Juden aller Länder vereinigt Euch! Genug der Dcmüthigung und Kriecherei, eine Epoche der That ist im Anbruche, zu dieser fordere ich Euch auf! Reichen wir uns die Hände, kämpfen wir für unsere Nation, und der Sieg muss unser sein!" Diesen Worten folgte minutenlanger Beifall. Czernowilr, am 1. Dezember 1892. Samstag, am 26. v. Mts. fand der Eröffnungsabend des III. Semesters der akad. Verbindung „Hasmonaea" statt. In dem festlich geschmückten Saal der Mayer'schen Bierhalle fanden sich, außer einer stattlichen Anzahl jüdischer Akademiker, als Vertreter der Universität Rector Professor Dr. Wojucki und Professor Dr. Hilberg und ans den bürgerlichen Kreisen alte Förderer und Gönner der Verbindung ein. — Den Reigen der Toaste und Reden erösfnete der Präsident Drei, tlieol. et Ml. Bursztyn mit einem Toast auf Seine Majestät den Kaiser. In der Festrede, die stud. jur. Menczel hielt, hob er den Zweck und die Bedeutung, die Ausgabe und die Stellung der Verbindung hervor. Alsdann sprach Herr stuck, jur. Ebner über die Universität und kennzeichnete in dieser Rede in gelungener Weise die Stellung des jüdischen Studenten zur Alma mater. Er wies nach, wie eng verknüpft Judenthum und Wissenschaft seit jeher waren. Auf diese Rede erwiderte der Reetor magniticus Professor Dr. Wojucki, von den Anwesenden stürmisch acclamirt. Er sagte unter Anderem Folgendes: „Das jüdische Volk hat nie auf gehört, eine Ration zu sein; das jüdische Volk ist eine Nation per eminentiam.“ Nach diesen Worten wollte der Beifall schier kein Ende nehmen. Nach dem Rector sprach das Ehrenmitglied der Verbindung, Professor Dr. Hilberg, vom Herzen zum Herzen. „Derjenige ist der wahre Paria, der sich nicht zu erkennen gebe.In der akad. Verbindung „Hasmonaea" sehe ich den Krystallisationspunkt der jüdischen Jugend. Sie wachse, blühe und gedeihe!" Zum Schluß sprach noch stuck, jur. Kommer auf die akad. Vereine gleicher Tendenz. Er wendete sich in begeisterten Worten an die akad. Jugend, die er zum Anschlüsse an die judischmationale Idee aufforderte und der er das Schmachvolle des Jndifferentismus vor Augen führte. Mit der Verlesung der eingelangten Depeschen schloss der offizielle Theil. — Die Eollegen blieben noch recht lange zusammen und manch' ernstes mannhaftes Wort ward noch gesprochen. Deutsches Deich. Frankfurt am Main, 11. December 1892. Vielleicht noch niemals ist der Antisemitismus in Deutschland drohender für die Juden hervorgetreten als jetzt. Ahlwardt hat in einem Wahlkreise glänzend gesiegt, in dem auch nicht der Schein einer Berechtigring irgend eines Antisemitismus vorhanden war, und in dem, wie ich glaube, nicht einmal viel Juden wohnen. Dazu erhielt er im ersten Wahlgange, wie sich leicht berechnen lässt, nicht nur 4l>00—5000 cottservative, sondern auch niindestens 2000 ehemals freisinnige Stimmen. In der Stichwahl, in welcher Ahlwardt über >0.000, der Freisinnige nur über 30»0 Stimmen erhielt, stimmten alle Eonservativen (fast 3000) siir Ahlwardt; die Socialdemokraten enthielten sich auf Eommaudo von Berlin der Wahl (!) uud nur noch ein paar nationalliberale Stimmen (kaum 400) fielen deni Freisinuigcn zu; doch scheinen selbst einige Freisinnige noch bei der Stichwahl zu Ahlwardt übergegangen zu sein. Nun aber das Verhalten der Eonservativen! Stuf ihrem vorbereitendem Parteitage hatten sie mehrere judenfeindliche Forderungen, besonders hinsichtlich der Schule, ausgenommen, jedoch mit dem Zusatze, dass sie die „Ausschreitungen des Antisemitismus verwürfen. Stuf dem allgemeinen Parteitage wurde dann der letztere Zusatz mit allen gegen 7 Stimmen unter stiirmischem Beifall gestrichen und den Juden überhaupt der Krieg von der eonservativen Partei erklärt; ja selbst Hochrufe auf Ahlwardt wurden ausgebracht. Auch die ultramontane (katholische Ceutrums-) Presse, besonders die Berliner „Germania", hat ihre Geneigtseit ausgesprochen, die Gleichberechtigung der Juden gesetzlich aufzuheben. Die Furcht der deutschen Inden ist wohl noch niemals so groß gewesen wie gegenwärtig. Das „Berliner Tageblatt" hat verkündet, dass yon Berliner Juden ein Ausruf an die deutschen Juden vorbereitet wurde, worin gefordert werden wird, dass sich die Juden von allen Thaten und Aeußerungen, die den Christen missfallen könnten, enthalten sollen. Der Rath ist zwar gut, aber anch recht billig. —z— Russland. ffiljarltam, 28. December 1892. In Nr. 21 der „Selbst-Emancipation" theilt Zwi aus Elisabethgrad unter anderem mit, daß hier im October l. I. während der Messe 800 Juden ins Gefängnis gesetzt wurden. Das ist etwas übertrieben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache folgendermaßen: Der neue Polzeimeister ließ in allen Hotels nachsuchen und wies dann 50—60 daselbst angekommener Juden aus. Im Gefängnis starb Niemand von denselben. Bald daraus wandten sich alle hiesigen russischen Kaufleute an das Börsecomiv: mit der Bitte, die Aushebung solcher Streifungen durchzusetzen. Dem Comitü gelang es auch wirklich, vom Bicegouverneur die Erlaubnis zu erhalten, dass alle Juden zur Messe kommen können. Jetzt hat sich die Lage wieder verschlimmert. Der Polizeimeister weist jetzt viele Juden aus, die hier schon seit 15—20 Jahren wohnen. Wie bekannt, hatten bis jetzt alle alten jüdischen Soldaten das Recht, in ganz Russlard zu wohnen und sich mit allem zu beschäftigen. Jetzt werden Soldaten aus Moskau und dem Moskauer Gouvernement ausgewiesen Auch hier waren schon einige solche Fälle und wie man mir erzählte, haben sich die Soldaten an den hiesigen Gouverneur uud an den Senat um Austlärung gewandt. Ein Erlass befiehlt allen Juden das Verlaßen des Kaukasus. Die Lage der Juden wird überhaupt mit jedem Tage schlechter und es lässt sich auf Besserung gar nicht hoffen. Ha lohen. Eirrgesendet. N U f r U f. *) Die zum Andenken von L. L e w a n d a in Jaffa gegründete Bibliothek „Ledaar Zion“ zählt mehr als 2000 Bände, von welchen die eine Hälfte hebräische, die zweite Hälfte Bücher in verschiedenen anderen Sprachen sind, und mehr als dreißig Zeitschriften in zehn verschiedenen Idiomen. Das Lesezimmer wird täglich sehr stark besucht, aber außerdem wandern die Bücher in die Colonien. Um blos einen halben Franc per Monat kann sich ein Colonist jedesmal zwei Bände und Zeitungen abholen; die ganz Unbemittelten, wie z. B. die Lohnarbeiter in den Colonien brauchen auch diese kleine Leihgebühr nicht zu bezahlen. Der Zweck der Bibliothek ist, eine Sammelstätte geistiger Nahrung für die Städte und Ansiedlungen des Landes Israel zu sein; darum versorgt sie auch die alten Bibliotheken mit Büchern, wie sie dies in Jerusalem und Saffed gethan hat, und gründet Filialen an Orten, wo *) Aus dem Hebräischen übersetzt.

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