Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 23 (19.12.1892)
- Date
- 1892-12-19
- Page
- Seite 219 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Selbst-Emamipatioir „Der merkwürdige Philanthrop" — schreibt uns Herr Markus auf Grund seiner Informationen — „der sich die ungetheilte Achtung der gebildeten Menschheit erworben,-Herr Baron Hirsch, hat eigenthümliche Marotten, wie sie so manchem Großen eigen sind, die sich über das Niveau des Gewöhnlichen erheben. Dazu gehört die Manie, überall, sei es in Europa oder in Amerika, Renegaten oder Halbrenegaten und Nichtjuden in den jüdischen Stiftungen anzustellen. Der Administrator, welchen der Dr. Löwenthal ernannte, war ein gewisser Gerber, ein getaufter rumänischer Jude, der in Stanislau eme Polin geheiratet hatte. Dieses Gespann sollte den jüdischen Karren in Argentinien aus dem Schlamm heben. Ein Spanier namens Don Nocio war der Einkäufer für die Colonie, und Buchhalter für das Ackerbnuwerkzeugs-Tepot ist ein ungarischer Jude, namens Franz Milewicz. Der Renegat und der Spanier verbanden sich zu einem Diebsconsorttum unter Mithilfe des Dr. Roth, und Nocio brachte einen Posten von 45.000 arg. Dollars (ü 70 kr. ö. 353.) in Rechnung für gekaufte Ochsen, welche nicht geliefert worden waren. Das war im Februar d. I. Der Buchhalter Milewicz erfuhr aber von dieser Malversation und nahm das betreffende Buch an sich, um dem Baron darüber zu berichten. Die Aufforderung Gerber's, ihm selbes heranszugeben, lehnte er ab. Darauf eilte Gerber in die Colonie und schickte zehn mit Messern bewaffnete Arbeiter mit denr Aufträge, den Milewicz lebendig oder todt zu ihm zu bringen. Dieselben drangen in die Kanzlei des Milewicz und wollten denselben festnehmen,- auf sein Geschrei eilten drei Colonisteu, Israel Grünstein, Jankel Lawozuik und Moses Schöner herbei, welche die Herren Spanier windelweich schlugen und dieselben mit Hilfe der inzwischen herbeigceiltcn Juden bewälttgten. Daraufhin eilte Gerber in das nahegelegeue Städtchen Nova docliula (zwei Eisenbahnstunden entfernt) und requirirte von dem dortigen Mcalden 30o Maun, welche die angebliche Revolution Niederschlagen sollten. Der brave Alcalde folgte aber dem Detachement in seinem Gespanne nach und traf gleichzeittg mit demselben in San Mauricio ein, zeitlich genug, um ein Blutvergießen zu vermeiden. 40 Juden wurden auf Gerbers Angabe arrettrt, davon 23 in Freiheit gesetzt und 17 gefeffelt nach der Station Carles Casares geführt und von dort ungefeffelt nach Nova ckoednla in den Arrest gebracht, in welchem sie drei Wochen verbrachten. Die Bücher gab Franz Milewicz jedoch nicht heraus und fuhr nach Peßach mit denselben nach Paris, wo er dieselben dem Baron vorlegte. Wir erfahren nun weiter, dass die Colonisten durch den Arzt Dr. Jaffe die Intervention des russischen Consnls beim Präsidenten der Republik „wegen Unterdrückung russischer Unterthancn durch .die Organe des Baron Hirsch" und die Freilassung erwirkten; ferner dass der Präsident dem Baron schriftliche Vorstellungen machte und dieser Gerber und Roth zur Verantwortung lud, welche jedoch das Weite suchten. Der Brief schließt dann folgendermaßen: „Inzwischen ist die Lage der Colonisten-bcdeutend verbesiert worden, wozu die Haltung der jüdischen Prepe nicht wenig beigetragen haben mag. Dass der Fehler nicht auf Seite der Colonisten zu suchen ist, unterliegt nicht dem leisesten Zweifel; wenn Colonel Goldsmith nicht reussiren sollte, so hätte er nur sich allein dies zuzuschreibcn. Sein unbestritten guter Wille, das Glück des Baron Hirsch und die Tüchtigkeit des jüdischen Menschenschlages werden jedoch Alles mit göttlicher Hilfe zum Besten wenden." A. Wermont schreibt aus Argentinien unterm 21. October an den „Hamelitz“ Folgendes: „Ein spanisches Blatt von heute meldet, dass der getaufte Jude E. Kley, welcher gegenwärtig in Paris weilt, Ende November nach Buenos-Ayres kommen wird, um an die Stelle des Colonel Golds mid zu treten. Dr. Faia, ein italienischer Jude schrieb mir ans Santa Fe, dass er im Namen der Juden von Mosesville ein Gesuch durch Vermittlung des Grandrabbiu Zadoc Kahn an Borou Rothschild als Präsident des französischen Consistoriums gerichtet habe, er möge wenigstens eine T lmud-Thora in der Colonie einrichten." Der „Hazefirah“ liegt das Schreiben eines argentinischen Colonisten vor, aus welchem wir Folgendes mittheilen: „ . . . Gegenwärtig wohne ich durch Gottes Fügung auf meinenr Grundstück, das 28 Hektar umfasst, denn den Unverheirateten wird nur eine halbe „Nummer" Bodens gegeben. Jede Nummer erhält 4 Ochsen, 1 Ross, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Kuh und alle Bedürfniste eines Grundeigenthümers. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich einen vollständigen Strich Landes bekommen können, aber ich fürchtete, dass mir die Arbeit zu schwer werden könnte, und wenn ich es nothwendig haben werde, wird man mir noch Boden zugeben. Vorläufig habe ich genug, denn vorläufig weiß noch Niemand von uns, ob wir auf unseren Grundstücken bleiben werden, weil täglich andere Neuigkeiten auftauchen. Contracte werden uicht gegeben. Wieviel nothwendig ist, um den Boden zu bezahlen, wiffcn wir noch nicht. Wer es wagt, Golds mid wegen der Verträge zu fragen, erhält die ' Antwort: Wer geduldig wartet, dem wird cs gut gehen! Neue Colonisten werden nicht ausgenommen, auch wenn sie auf eigene Kosten gekommen sind. So hat der Baron befohlen, sagt Goldsmid. Viele, die heute nach Buenos-Ayres auf eigene Kosten kommen, welchen Goldsmid kein ■ Gehör schenkt, veröffentlichen in den Blättern, dass derselbe weder Boden noch Speise gibt. Aber die Colonisten beziehen ein jeder 15 Dollar int Monate für den Lebensunterhalt, abgesehen von Grund nnd Boden. Was später sein wird, wissen wir nicht. Du schreibst mir, liber Bruder, von Bielen, welche wegen einer Meuterei und weil sie am Sabbath nicht arbeiten wollten, aus den Colonien gejagt worden seien. Das ist gänzlich falsch. Selbst die christlichen Arbeiter feiern bei uns am Sabbath. Wenn Jemand zum Aufseher der Colonie am Sabbath kommt, um mit ihm Geschäftliches zu verhandeln, antwortet derselbe: Heute ist Sabbath. Weißt Du, was für Leute von hier weggeschickt wurden? Kneipwirthe und Menschen, die ihre eigenen Töchter aus Habsucht an die wilden Spanier verkuppelten. Mer anständige Leute lässt man zuftieden. ..." Einem Briese eines Colonisten an Dr. Jaffe, welcher im „Hamelitz“ veröffentlicht ist, entnehmen wir folgende . . . Trotz alledem ist die Lage der Colonisten überaus schlecht. Vielen fehlen die Rinder und vor einem Monate kam dee Aufttag aus Buenos-Ayres, den Colonisten keine Pferde zu geben. Was sollen diese in den weiten Ebenen Argentiniens ohne Pferde thun? Unser Obergebieter ist gagenwärtig ein Engländer, namens Titles. Dieser Mische Mensch ist bereits l1/-, Jahre in Argentinien im Sttashause gesessen und befindet sich noch unter Polizeiaufsicht. Ei» jähzorniger Man», der die Juden hasst und die Colonisten täglich schlägt. Ter Fleischhauer Jsak Goldstein kam einmal in das Haus des Titles in irgend einer Angelegenheit. Er bemerkte, dass derselbe nicht bei Sinnen sei und wandte sich zum Weggehen. Titles stürzte ihm nach und würgte ihn fast zu Tode. Mehr als 20 Perccnt erhalten uicht ihre Unterstützung, weil sie auf der Sttafliste stehen. Was sollen diese Unglücklichen machen? Die Verwalttmg besteht ganz aus Antisemiten. die uns auf jedem Schritte vor den Einwohnern des Landes verächtlich machen. Man hört von allen Beamten nur das Wort „Judio". Laut Meldung argentinischer Zeitungen kam cs in der Colonie Bolivar zu blutigen Kämpfen zwischen der Polizei und den deutschen und italienischen Colonisten, welchen man behördlich ihren mit eigenem Gelde erworbenen Grund und Boden widerrrechtlich entriss. Achnliches kam übrigens in Argentinien schon in diesem Jahre laut dem „Bulletin de la Soeiete de Geographie commerciale de Paris“ in Alberdi. einer französischen Colonie in Argentinien vor. OriginaL-Correspondenzen. Gesterreich-Dlngarn. Men, den 1ö. December 1892. Böse Zeiten für unsere. Tagcspresse. Die schönsten Leitartikel nützen nichts gegen die Thatsache, dass der Antisemitismus überhand nimmt. Die „Neue Freie Presse" entrüstet sich über das ganze Abgeordnetenhaus, über die liberale Partei, über die Regierung, welche dem antisemitischen Treiben gemüthlich zilsieht.. Was ihr das nützt'. Das Abgeordnetenhaus ist nicht sentimental aufgelegt, die Herren von der „Deutschen Linken" nehmen sich, wenn sie nicht zufällig aus Bezirken mit starker jüdischer Bevölkerung in den Reichsrath entsendet sind, verflucht in Acht, den Philosemitismus zu sehr hervorzukehren, und die Regierung kümmert sich des Teufels um Druckerschwärze. Oesterreich ist der „Neuen Freien Presse" zu klein, sie zieht Deutschland mit in die Klage ein. Oh, wie ging das nur zu? Die Conservativen haben dort ein Bündnis mit den Anttsemiten geschlossen, für deren „Ausschreitungen" sie sogar die Verantwortung übernahmen. Wie leicht kann dieses Beispiel in Oesterreich nachgeahmt werden. Ja, es ist damit schon begonnen worden. Auch in Frankreich fürchtet das „Journal de Debats". die dortige „Neue Freie Presse", die Macht des Beispiels. Ja, es kann solchen Weltblättern ganz gruselig zu Muthe werden, wenn ihre Theorien zu wackeln beginnen. Doch die Vorsehung scheint dafür zu sorgen, dass alle,» diesen öffentlichen Meinungen ein bischen Muth bleibe, und Stofs zum „Fortsretten" ihrer Illusionen, mit welchen sie sich und ihre bedauernswerthen Opfer, die Juden, anführcn. Der Process Ahlwardt und die jüngste Rede Caprivi's „gegen den Bimetallismus und Antisemitismus" beleben wieder den gesunkenen Muth. Was Bündnis der Conservativen mit den Antisemiten, was Thatsache, dass der Vorsitzende im Processe Ahlwardt und Kanzler Caprivi beide den Antisemitts-