Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-12-19 · Heft 23 (19.12.1892) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 23 (19.12.1892)
Date
1892-12-19
Page
Seite 218 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092738--1048-3094059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Serie 218. Selbst-Emancipation Nr. 23. wünschen würden/ bekämen wir nichts". Ein anderer erklärte, „principiell nichts für Auswärtige, thun zu wollen, da er genügend für seinen Wohnort leiste", oder „das überlasse ich Leuten, die für dergleichen Interesse haben", kurz und gut eine mehr oder minder cynische, jedoch stets entschiedene Abweisung. Es ist vielleicht ein Unrecht, dass ich derlei tief beschämende Aeußerungen der Oeffentlichkeit übergebe, doch huldige ich der Ansicht, dass die Negation bestehender Uebelstäude ebenso verderblich wirkt, als das ängstliche Verhiillen einer Wundes) Mau muss über die Kurzsichtigkeit jener Juden staunen, die es wirklich ernst mit dem Judentum meinen, die an der Spitze jüdischer Corporationen stehen, sohin am besten Gelegenheit haben sich von dem allmäligen Nachlassen des jüdischen Gemeingefühls zu überzeugen, dass sie sich einer radikalen Aenderung, wie wir sie predigen, widersetzen, indem sie sagen, „dass sie nicht das Judentum zu Gunsten der Reaktion gerettet sehen wollen". Ihr seidHeiden, Antisemiten, Obskuranten, wird uns gesagt. Nein, wir sind Juden, ganz einfach Juden mit Leib und Seele, wir gehen nicht leichtsinnig vor, unser Programm stützt sich auf die Erfahrung, die unsere Geschichte mit tausend Lehren predigt, wir wollen für das jüdische Volk keine Palliativmittel angewendet wissen, wir leben nicht von heute auf morgen, sondern auch für die Zukunft, wir kämpfen gegen den Abfall vom Judentum, wir stemmen uns. gegen alles, was den Bestand des Judentums gefährdet, wir wollen, dass die jüdische Solidarität wieder den einstigen Wert erhalte, nicht durch gemeinsames Unglück und gemeinsames Elend, sondern durch die gemeinsame, innige, liebevolle Ueberzeugung von dem Wert unseres Volkes, durch die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterland. Wir anerkennen dankbar die Bemühungen jener Christen, die vom Standpunkte der Gerechtigkeit aus gegen den Antisemitismus kämpfen, obwohl wir von der Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen überzeugt sind. Sie verkennen das Wesen des Antisemitismus, sonst hätte z. B. der Herr Baron Leitenberger nicht die Behauptung aufstellen können, „dass der Antisemitismus in den übrigen Ländern schon erloschen, in Oesterreich im Aussterben begriffen ist". Die ebenfalls von ihm ausgesprochene Hoffnung, als Todtengräber des Äntisemitismus fungieren zu können, ist jedenfalls nicht ernst gemeint, da der Herr Baron Leitenberger dann ein Alter erreichen würde, welches das des „ewigen Juden" verdunkeln würde. Der Antisemitismus ist, wie der Herr Prof. Nothnagel richtiger sagt „ein trauriges^ Gewirr von Beschränktheit und Schwäche, Neid und Hass und von allem, was hässlich in der Menschennatur ist". Der Antisemitismus ist eben eine menschliche Unart, und ein Kampf gegen diese, ist ein Kämpf gegen Windmühlen. Gegen den Antisemitismus ist kein Kraut gewachsen, da schützt nicht einmal die Taufe, selbst „Unschuldige" müssen durch ihn leiden. Unlängst traf ich einen jungen Mann, derselbe klagte mir über den Antisemitismus. „Was haben Sie durch ihn zu leiden?" ftug ich ihn, „Sie haben sich doch taufen lassen?" — „Allerdings," gab er zur Antwort, „habe ich mich taufen lassen um Ruhe zu haben, aber" hier wies er auf seine Nase, die man in einer Entfernung von 100 Schritten noch mit voller Gewissheit als eine „jüdische" bezeichnen konnte „diese sieht *) Man könnte behaupten, dass ich zu schwarz sehe. Dem gegenüber weise ich auf den leitenden Artikel „Renegatentum" der „Israelitischen Gemeindezeitung" v. I. Mai 1832, sowie den Artikel „Schämen wir uns" in der „Mg. Ztg. d. Indent." .von dem berühmten Prof. Dr. Steinthal, aus welchem ich folgenden Satz zitiere: „Ich bin von Scham übergossen und bm zerknirscht! Wie wage ich mein G-sicht zu dir, mein Gott zu erheben". Diese Worte Esras (9,6) wollen mir nicht aus dem Sinn, seitdem ich die Predigt unseres Maybaum (Prediger in Berlin) am ersten Tage Pessach gehört habe. Dahin ist es also in unserer Gleichgiltigkeit gegen Religion gekommen, dass uns von heiliger Stätte herab zugerufen werden muss, der Bestand des Judentums fordere Hilfe „von Staatswegcn". man schon vom Weiten, während ich meinen Taufschein nicht so deutlich sichtbar herumtragen kann". — „Es ist wirklich lächerlich, dass „heute noch" ein aufgeklärter Mensch eine jüdische Nase — trägt. Werden Sie ein Türke, tragen Sie türkische Kleidung. Kein Mensch wird niehr Ihrer Nase nahe treten, als Türke werden Sie geachtet, als Türke wird sogar Ihre Nase Furore machen, xrobaturn est!“ — Man wirst den Juden Feigheit vor und wahrlich ein großer Teil unserer heutigen Juden legt eine beispielslose Feigheit an den Tag. Das Sichanpassen an alles, was nicht jüdisch ist, das ängstliche Abstreifen jener Dinge, die nnr einen Verdacht jüdischen Ursprungs erregen könnten, die Verachtung und Indolenz gegen jüdische Institutionen, die Flucht durch Taufe sind Zeichen der garstigsten Feigheit und verdienen, da sie der nacktesten Ichsucht der persönlichen Bequemlichkeit, des rohen Genusses entspringen, die Verachtung jedes besser denkenden Menschen. DasswirunsvorsolcherFeigheitemancipieren müssen, dasswir mit Stolz Juden sind undJuden sein können, dass wir mit Stolz auf unser Volk und seine nationale Religion, auf unsere Vergangenheit, auf unser Wirken in der Weltgeschichte blicken können, dass wir uns „im Wettkampfe um den wahren Wert des Steines" für nicht besiegt zu erklären brauchen, dass wir einig, mutig und unverzagt in die Zukunft blicken sollen, dass wir kämpfensollen fürunserVolk, für unsereReligion, dass wir . nach einer endlichen, vollständigen, praktischen Erlösung streben sollen und nicht nach einer zeitweiligen, das Predigen, das lehren und dafür wirken wir, wir die Jüdisch-Nationalen. 6ustav Seidemann. Argentinien. Unter dieser Rubrik werden wir so oft es uns nur bei unserem steten Raummangel möglich sein wird, entweder Briefe, resp. Auszüge von solchen aus Argentinien mittheilen, oder sonst Stimmen und Urtheile über dieses Land und das Colonisationsproject veröffentlichen. Zunächst bringen wir einige Stellen aus dem Briefe eines seit vielen Jahren in Buenos-Ayres ansäßigen Warschauer Juden an einen in Wien wohnhaften Landsmann, den er im letzten Sommer in Wien besucht hatte. Der Brief, welcher vom 27. August datirt ist, ist in jüdisch-deutscher Sprache abgefasst. „Ich kann Ihnen mitthcilen, dass Buenos-Ayres während unserer Abwesenheit eine jüdische Stadt geworden ist. Es gibt einen Schachet, der täglich Koschersleisch schachtet; dann haben wir eine Mikweh. Die Warschauer bauten ein Bethaus und man hat einen berühmten Chasan aus der Colonie bezogen. Alles dies ist Herrn Slbraham Wermont, einem jungen Manne, von dessen Aufopferung für die Juden ich Ihnen erzählte, zu verdanken. Jetzt errichtet er eine Talmud-Thora für arme Kinder. Hebräisch wird der Schachet Horowitz unterrichten, und Wermont selbst versprach, spanisch und englisch unentgeltlich zu lehren. Wie gesagt, Buenos-Ayres wird bald eine jüdische Stadt sein, und man wird sich wie in Europa führen können. Juden kommen fortwährend zu und fahren wieder weg, nachdem sie das Baron Hirsch'sche Glück kennen gelernt haben. Eine Anzahl der Eingewanderten stirbt förmlich Hungers und jeden Tag werden Collecten für die Hungernden veranstaltet. Bis jetzt, ist mehr als die Hälfte der Colonisten wieder zurückgefahren. Erst vorgestern sind 60 Personen nach Europa zur*ckgekehrt. Sie können daraus schließen, wie gut es den Juden bei Baron Hirsch geht, wenn sie das ganze „Glück" hierlasiend, jetzt gegeu den Winter barfuß und nackt, arm und verkrüppelt Heimfahren, nachdem sie mehr als 18 Monntc so viel gelitten haben." Herr Aron Marcus, der uns seinerzeit den Artikel „Fiiiis Argentiniae“ eingesandt hat, sieht — so theilt er uns mit — die Sachlage geändert, wie er aus zwei nacheinander folgenden Schreiben von Bekannten aus der Colonie Mauricio und schließlich aus dem Munde eines Colonisten hört, der auf der Rückreise begriffen ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.