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Selbst-Emancipation · 1892-12-19 · Heft 23 (19.12.1892) · p. Seite 217

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 23 (19.12.1892)
Date
1892-12-19
Page
Seite 217 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23. Selbst-Emancipation Seite 217. Gäste. Er bat um die Unterstützung der jüdischen Intelligenz, welche anfangs der „Kadimah" nicht gewogen gewesen sei. An diese Aenßerung knüpfte, stürmisch acclamirt, der folgende Redner, Herr Dr. B l o ch, an, indem er betonte, er seinerseits habe es an Förderung des Vereines nicht fehlen lassen. „Wenn ich als Nationaljude — denn als solchen bekenne ich mich—", meinte der Redner, „doch aber antinational bin, so werden Sie, meine Herren, fragen, wie das möglich ist." Die Erklärung suchte, nun der Redner durch den Hinweis auf die Mission des jüdischen Stammes zu geben. „Die Mission des Jndenthums ist eben, alle diese Völkergötzen zu entthronen und an deren Stelle einen Gott und eine Menschheit zu setzen. Trotzdem habe ich seit je Ihren Verein eifrig unterstützt, weil es ein jüdischer Verein ist." Redner kam hierauf auf die trübe Zeit zu sprechen und schließlich auf die Assimilation. „Was ist denil die Assimilation anderes, als ein Selbstmord, die Entäußerung alles dessen, was wir ererbt haben aus einer viertausendjührigen ruhmreichen Vergangenheit?" Dr. Bloch zog auch eine Folge daraus, indem er zeigte, wie es gerade in Oesterreich für die Juden leicht sei, österreichische Patrioten zu sein und sich der Nationalität nach als Juden zu fühlen — nach der Analogie der anderen österreichischen Volksstämme. Es sei dies umso ungefährlicher, als wir ja bescheiden sind und z. B. keine hebräische Staatssprache wollen. Die Rede des Reichsraths-Abgeordneten für Kolomea rief theilweise durch ihre Widersprüche, theilweise durch die allerdings gegen ftüher gesteigerte, wenn auch noch immer mit bedenklichen Wenn und Aber versehene, jüdisch-nationale Tendenz einige Bewegung hervor. Die,Geister der letzten parlamentarischen Krise und der gegenwärtigen unklaren politischen Lage in Oesterreich überhaupt huschten durch den Saal — Gäste, die man am allerwenigsten erwartet hatte. . Die Situation änderte sich, als nach einem durch das Vereinsmitglied, Herrn llrä. med. Arnold Reich auf die „alten Herren" des Vereines in bewegten und warmen Worten ausgebrachten Toast, im Namen derselben Herr Dr. Nathan Birnbaum, Chefredacteur der „Selbst- Emancipation", das Wort ergriff. Mit ihm kam der entschiedene durch Rücksichten welcher Art immer unbehinderte Zionismus zu Worte, wie er in der „Kadimah" seit jeher heimisch ist und hoffentlich auch heimisch bleiben wird. Dr. Birnbaum dankte zunächst für den Toast auf die „alten Herren" und dann dafür, dass denselben die Gelegenheit geboten werde, die „Kadimahner" bei einem so großen, glanzvollen Abend illustren Persönlichkeiten gegenüber so wacker und männlich standhaft ihre Ideale vertreten zu sehen. Hierauf wandte sich der Redner an die Gäste, sie bittend, sie möchten im Publikum, in welchem falsche Vorstellungen von der „Kadimah" existiren, verbreiteu, welch' idealen Sinn und welch' hochintelligeute Jünglinge sie hier getroffen hätten. Sodann bat sich der Sprechende die Erlaubnis aus, in Vertretung der jüdisch-nationalen Partei etwas über das nationale Judenthum sagen zu dürfen, und entwickelte in einer längeren Auseinandexsetzuug die Begründung, das Wesen und die Ziele desselben. Er wies mit schlagenden Worten die Hinfälligkeit. des bekannten Argumentes von der „Mission" des Judenthums zurück. Das jüdische Volk habe seine Mission im Golus verloren, es habe da im Grunde genommen ein kulturelles Deficit aufzuweisen, und werde seine Mission erst wieder in erneuter glänzenderer Gestalt aufnehmen können, wenn der entzweigerissene Faden seiner Geschichte wieder geknüpft werde. Dahin sei daher alles Strebe» zu richten, nicht im ftuchtlosen Kampfe mit dem Antisemitismus, dieser neuesten Erscheinungsform des uralten Judenhasses, zu verzetteln. Der Redner entwickelte hierauf das zionistische Programm, das er gegen die üblichen platten Einwürfe vertheidigte, namentlich auch gegen den Vorwurf der nationalen Engherzigkeit. Das Nationaljudenthum treibe keine nationale Spielerei, sondern habe ernste wirthschaflliche und sittliche Ziele vor Augen. Ein besonderes Capitel widmete der Redner den socialistischen Juden, welche im Wesentlichen kein anderes Publikum haben als sich selbst und so sich selbst foppen, statt ihre Begeisterung und ihren Eifer der Sache ihres Volkes zn widmen, das, befreit. Großes für die Lösung des socialen Problems thun werde. Der Redner schloß mit einem Toaste auf die jüdisch-nationalen Ideale: Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Heimatlande, Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Wiederverjüngung des Welt- und menschheiterlösenden jüdischen Geistes, und auf die Jugend, die diesen Idealen nachstrebt. Unter dem Eindrücke dieser Rede, zu welcher Herr Dr. Birnbaum allseitig beglückwünscht wurde, schloß der officielle Theil der 10. Makkabäerfeier in vorgerückter Nachtstunde. Die studentischen Theilnehmer blieben noch eine Weile zusammen. Selbstverständlich wußten die Tagesblätter über diese imposante und denkwürdige Versammlung nichts zu berichten. Unsere Legitimation. ii*) Alle Personen, Parteien und ihre Organe, denen an der Erhaltung der Religion gelegen ist klagen über den Untergang derselben — Pessimisten berechnen sogar die Stunde des völligen Unterganges. Alle sehen die traurige Perspektive, die sich der Religion eröffnet, alle sind darüber einig, dass die traurigen Erscheinungen Auswüchse der modernen Zeitströmung sind. Inwiefern diese Meinung berichtigt ist, will ich hier nicht untersuchen, doch constatieren, dass der Pessimismus in Bezug auf die christliche Religion, welche die mächtigen Vorteile der Staatsreligion besitzt, in weiterem Grade unberechtigt ist. Nie wird es die gesetzgebende Gewalt wagen, den Kern derjenigen Religion anzugreifen, der die große Mehrheit des Volkes angehört; im Gegenteil wird die Regierung die Kirche als unbedingt notwendiges, und dem Interesse der Staatswolfahrt dienendes Institut unterstützen und zu erhalten sich bestreben. Diejenige Religion aber, die sich wie z. B. die jüdische, nicht auf den Pomp großartiger Festlichkeiten stützen, nicht auf dem Tangieren der Staatsinteressen beruhen kann, ist auf das Aussterbeetat gesetzt, sie stirbt auch aus, gehorchend dem Naturgesetze, wenn nicht rechtzeitige Hilfe kommt, die belebend und erhaltend wirkt. Diese Hilse kann — ich spreche nun ausschließlich von der jüdischen Religion — für uns nur von innen kommen, d. h. sie muss von uns selbst, als dem jüdischen Volke ausgehen. Diese Hilfe ist die Selbstemancipation, die Einaucipation von jenen Dingen, die uns, beziehungsweise das Judentum, erfahrungsgemäß geschädigt haben. Unser Hauptschaden ist das Aufgeben der jüdischen Solidarität. „Die jüdische Solidarität existiert noch", rufen die Antisemiten, wenn sie einen jüdischen Lumpen erwischt haben. „Die jüdische Solidarität existiert noch", rufen die die „Gesammtinteressen des Judentums" vertretenden jüdischen Zeitungen, wenn ein Jude nobilitiert wird. In Wirklichkeit aber wissen diese Zeitungen ebensogut wie die Antisennten, dass heute die jüdische Solidarität ein bequemes Schlagwort zur Agitation — nur eine Seifenblase ist, die zerplatzt, wenn nur ein leiser Hauch sie berührt. Ein kleines Bild als Illustration zu dieser Behauptung. Vor einiger Zeit gieng ich im Interesse einer spezifisch jüdischen Angelegenheit zu bemittelten Glaubensgenossen. Als ich heimkehrte war ich um eine Erfahrung reicher. „Was", rief mir einer zu, „ich soll für die „Polen" etwas thun? Wenn wir von ihnen etwas *) I. siehe Nr. 5 d. Jahrg.

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