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Selbst-Emancipation · 1892-12-19 · Heft 23 (19.12.1892) · p. Seite 216

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 23 (19.12.1892)
Date
1892-12-19
Page
Seite 216 (sequence 2)
Language
German
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Seite 216. Selbst-Emancipation Nr. 23. in der Erreichung unseres Endzieles fördern. Für alles dies ist aber eine Ausgangsbasis erforderlich, die wir uns zuerst erobern müssen, und das ist die Dessen tlich keit. Wie sollen wir die Europäer gewinnen, wenn wir ihre Autoritäten in Judensachen, die westeuropäischen Juden nicht wenigstens zu einem beträchtlichen Theile für uns haben, und wie sollen wir diese bekommen, wenn sie gar nichts von uns wissen? Eine nichts weniger als achtenswerthe Tagespresse, die leider in jüdischen Händen liegt, schweigt uns todt, weil wir ihr nicht in den Kram passen; selbst die jüdischen „Fachblätter", welche ja ohnehin trotz ihres assimilatorischen Gepräges keine Leser haben — denn wozu braucht der assimilirte Jude überhaupt noch Jüdisches Zu lesen — vcrrathcn nicht das fürchterliche Gehcimniß, dass es — Nationaljuden gibt. Und wie verhalten wir uns? Wir schweigen ebenfalls. Für die breite große Oeffentlichkeit verfügen wir eigentlich nur über ein Blatt, das unsrigc. Die hebräischen Blätter kommen in dieser Beziehung selbstverständlich gar nicht in Betracht, und das polnische ist durch sein Idiom auf ein kleines Gebiet beschränkt, von welchem aus eine Frage sich schwer zur Tagesftage machen läßt, mag auch sein Nutzen im Lande selbst, was nicht nur nicht bestritten, sondern im Gegenthcil mit Freuden zugegeben wird, ein ganz gewaltiger sein. Aber auch das eine Bl'att, das wir haben, kann es in seinem jetzigen Umfange, bei seinen jetzigen Erscheinungsintcrvallen seine Aufgabe erfüllen? Ein Gesinnungsgenosse aus dem deutschen Reiche hat neulich ganz richtig hervorgchobcn, dass wir eigentlich ein Tageblatt haben müßten. Ach, wir wären ja schon froh, wenn wir vorläufig nur ein Wochenblatt hätten, stärk an Umfang und Inhalt, an Auflage und Verbreitung. Aber was haben, wir in Wirklichkeit? Acht kleine Seiten in vierzehn Tagen. Und damit sollen wir den österreichischen und deutichländischen Juden, welche gewohnt sind, sich ihre Ansichten aus dickleibigen, renommirten und renommirenden Tagesblättcrn zu beziehen, imponiren?! Nimmermehr! Es ist tiefbeschämend für unsere Bewegung, die der sehr Reichen nicht gar sowenig in ihrer Mitte zählt, dass sich noch keine Männer gefunden haben, von welchen jeder ein Stück von seinem Geldc hergibt, um die „S.-E." zu einem imponirenden, großen, politischen Partei-Organ zu machen. Was in anderen, oft nicht größeren Parteien als die einstige zustande kommt, scheint bei uns unmöglich. Wo ist die versittlichende, den Kopf vom Gcldduiist befreiende Wirkung des Zionismus geblieben? Sollen wir denn wirklich auch nicht einmal eine Angabe von Hcrzensläuterung bekommen und mit Allem auf „Zion" selbst warten müssen? Wir müssen ja aber diese Abschlagszahlung haben, sollen wir das Endziel „Zion" erreichen können. Doch, was nützt alle Klage? Die Dinge stehen einmal so. Hoffen wir, daß der fortgesetzte Kampf die Herzen veredeln wird. Für jetzt müssen wir uns nach anderen Mitteln Umsehen, um die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Warum organisiren wir uns nicht politisch, namentlich in Oesterreich, wo wir schnellere Erfolge erzielen können als anderswo, namentlich in Wien, einem unübertrefflichen Auslaufshafen für Fahrten über das Meer der Oeffentlichkeit? Gründen wirpolitische Vereine, betheiligen wir uns am politischen Leben als selbständiger Factor, lassen wir keine, auch die kleinste Gelegenheit nicht vorübergehen, um die Augen Europas und seiner Judenschaft auf uns zu lenken.*) Wir können dies Alles thun, ohne unserem Ideale etwas zu vergeben, ohne in die seichte Wichtigthucrci der jüdischen Assimilanten, Anti-Antisemiten und Socialisten zu verfallen. Wir wollen politisiren, um aus die Oberfläche zu kommen. Dann kriegen wir Athem und steuern munter dem ersehnten Ziele zu. B. *) Wir bitten, RatMläge und Vorschläge on die Redaction gelangen zu lassen. Sind sie discutirbar, dann werden wir sie veröffentlichen. Die Redaction. Die zehnte Makkabäer-Feier des akademischen Vereines „Kadimah" in Wien. Samstag Abends, den 11. Dezember 1892, beging der akademische Verein „Kadimah" seine zehnte Makkabäer-Feier. Dieselbe nahm einen überaus glänzenden Verlauf. Mehr als dreihundert Personen — durchgängig Männer, es war ja „Herrenabend" — füllten den. Khuner'schen Saal. Außer den früheren . und gegenwärtigen Mitgliedern der „Kadimah" und zahlreichen anderen jüdischen Studenten hatten sich viele Gäste aus Wiener jüdischen Bürger- und Gelehrtenkreisen eingefunden, so Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch, Universitätsprofessor Dr. Adam Pollitzer und Universitätsdocent Dr. Grünfeld, letzterer Präsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischeu Union". Das Hauptinteresse des Abends, der freilich auch durch gute Gesangsvorträge und musikalische Productionen verschönert wurde, concentrirte sich in den Reden. Die programmmäßigen Ansprachen wurden vom Vereinspräsidenten Herrn Heck. nieck. Karl P o l l a k und von Herne cand. jur. A. Horowitz gehalten. Der Erstere bot in anschaulicher und fesselnder Weise ein Bild der geschichtlichen Ereignisse der Makkabäer-Zeit; aber er versäumte es auch nicht, die naheliegende Parallele zur Gegenwart zu ziehen, ander i fand dafür kräftige, wirksame Worte. „Wir verhimmeln die griechische Weisheit, die römische Kriegskunst, die deutsche Treue . . . doch nicht lange dauerts und wir werden aus der Begeisterung geweckt und. unsanft an die rauhe Wirklichkeit gemahnt. „Was gehen dich jene an?" tönt cs uns zu. „Das waren Arier! Du aber bist nur Einer von dem inferioren Volke/ von dem Volke der Geldprotzen und Hausircr!" ..... Nur warten, warten, mehr, viel mehr sich assimilircn. Wie lange? -— Bis zum nächsten Fußtritt." Als der Redner seinen Vortrag mit den schönen Worten schloß: „Uns sei der Kampf der Makkabäer eine strahlende Leuchte auf dem Pfade, den wir gehen wollen, zur Ehre, zur Freiheit, zu?' nationalen Wiedergeburt unseres Volkes", ertönte rauschender Beifall. Der zweite Redner, Herr Horowitz, blieb, wie dies bei diesem unseren Lesern schon bekannten Meister der Rede nicht anders vorauszusetzen war, aus der Höhe seiner Ausgabe und seines Könnens. Man kennt seinen eleganten Stil und seine feinen Redewendungen. „Die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte Und Literatur zwingt", sagte der Redner, „indem sie das Auge schärft für die. Beurtheilung unserer historischen Situation, das Gegenwärtige an das Vergangene anzuknüpfen, in die Begebenheiten eine Folge, einen logischen Zusammenhang zu bringen, und daraus blüht, wie eine farbenprächtige Blume der schone Gedanke hervor, dass die jüdische Geschichte ein Werk ist, welches in Lieferungen erscheint, wovon jedoch die letzte Lieferung — noch nicht erschienen ist, so dass es eben heißt: Fortsetzung folgt." „Wir wollen", sagte Herr. Horowitz an anderer Stelle seiner Rede, „dass die Juden aufhören, bei fremden Völkern zu antechambriren; denn unseres Erachtens gibt es keinen evidenteren Beweis des eigenen Unwertes als den, seine Existenzberechtigung sich aus fremder Hand zu holen. — Es ist tief traurig und wol geeignet, jedem die Schamröthc ins Gesicht zu. treiben, wenn man sieht,, wie die Juden in ihrem öffentlichen Verhalten so wenig Rückgrat erkennen lassen, wie ihre öffentliche Stellung gleichsam eine gebückte ist, vergleichbar derjenigen, die man annnnmt, wenn man um Entschuldigung bittet, oder vor seinem gestrengen Herrn steht. Und das hat die Assimilation gethan.Sie (die Juden) haben sich gleichsam jüdenrein gemacht, damit eine bildsame Masse übrig bleibe, in welche der stemde Nationalitätsstempel tadellos geprägt werden könne." Den programmmäßigen Rednern folgten noch weitere Ansprachen. Zunächst richtete das Vereinsmitglied Herr vrä. meä. Sommer Dankesworte an die erschienenen

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