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Selbst-Emancipation · 1892-11-30 · Heft 22 (30.11.1892) · p. Seite 212

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 22 (30.11.1892)
Date
1892-11-30
Page
Seite 212 (sequence 6)
Language
German
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Seite 212. Selbst-Emancipation Nr. 22. Universitäten nicht einmal mehr zur Habilitation als Privatdozcnten zugelaffen.Was sie (die Antisemiten) wollen, ist längst geübte Praxis. Die „Einschränkung der Zahl jüdischer Univcrsitätsbcamtcn" wird bereits im gesammten Deutschland seit Jahr und Tag durchgcführt". Im Wahlkreise Arnswalde-Friedcberg kommt bei der dortigen Reichstags- Ersatzwahl der bekannte Rector A h l w a r d t mit einem Freisinnigen in Stichwahl, deren Ausgang mit Bestimmtheit im antisemitischen Sinne erfolgen wird, umsomehr, als eie Polizei der freisinnigen Partei alle Schwierigkeiten in den Weg legt, die Antisemiten aber begünstigt. Airs Rumänien. In den letzten Wochen sind über 2000 Juden aus den Dörfern der Moldau vertrieben worden und irren jetzt hungernd und frierend in den Städten umher. Aus Jassy sind mehrere jüdische Handwerker auf administrativem Wege als „Vagabunden" ausgcwiescn worden. Dabei ist Rumänien eine „Republik mit einem König an der Spitze", ein „Verfassungsstaat" und die dortigen Inden sind so glücklich, in der Armee Seiner Majestät dienen zu dürfen. — Der Vorstand des Bürgcrspitals in Jassy hat als eine Cholera- Maßregel auch verordnet, dass die Aufnahme von erkrankten Juden in das Spital verweigert werden solle. Zionismus in Rnmänien. Die neu erstandene zionistische Strömung in Rumänien erhält sich. Natürlich findet dieselbe, den so traurigen Verhältnissen in diesem Lande entsprechend, auch direct in Auswanderung nach Palästina ihren Ausdruck. Jüngst sind wieder 15 Personen aus Bacau dahin abgereist, welche seitens des Bacauer Colonisationsvereincs unterstützt wurden. Ans Russland. Die ruffische Regierung hat nach einer Meldung der „Daily News" durch Erlassene Juden in Bezug auf das Recht, Actien commcrzicller und industrieller Gesellschaften zu besitzen, und auch die Wählbarkeit in den Berwaltungsrath derselben beschränkt. — Die Juden in D u b b c l n bei Riga miethetcn einen Saal zur Abhaltung des Gottesdienstes am Rösch haschanak. Die Polizei licss den Betsaal gewaltsam räumen. Das Gebet wurde am Mccresufcr sortgesctzt. Am zweiten Rosch haschanah=2agc miethetcn sie bei cinenl Förster eine Waldhütte. Gerade während des „Un’ thanek tkokef“* Gebetes drang die Polizei ein, löste die Versammlung auf, misshandelte die sich zur Wehre Setzenden und confiscirtc die gottesdienstlichen Gegenstände. Der Versöhnungstag wurde am Bord eines Dampfbootes verbracht. — Minister Ostrowsky besuchte die jüdischen Ackcrbauwlonicn in Südrussland und sprach sich sehr lobend über das Gesehene aus. . Man hofft, dass er bei der Bcrathung über das weitere Schicksal dieser Colonien zu ihren Gunsten sprechen und stimmen werde. — Die jüdische Gemeinde Lublin (Russisch-Polen), in welcher Stadt die Cholera durch sieben volle Wochen wüthcte, wendet sich in einem Aufrufe an alle Stammcsgenossen um Milderung des in Folge der Seuche entstandenen Elends. — Ein steucr Ukas verbietet den Juden, welche in der Armee als Unteroffieiere nach dem früheren Rccrutenreglement gedient haben, sowie ihren Angehörigen, die in den Städten der inneren Gouvernements wohnen dürfen, also diesbezüglich zu den bevorrechteten Juden gehören, den Aufenthalt in Moskau und dem Moskauer Gouvernement. — Kürzlich wurden in nichrcrcn Gouvernements Städte durch kaiserlichen Tagesbefehl als Dörfer erklärt. Die Juden dürfen in Dorfgcnieinden bekanntlich nicht wohnen. — Nach einer Petersburger Meldung des „Przcplond" soll der Rcichsrath entschieden haben, dass in ruffischen Städten, wo den Juden dauernder Aufenthalt gestattet ist, die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte höchstens zehn Pcrcent der Gesammtzahl betragen dürfe. Im Sprengel des Warschauer Krcisgerichtes soll den Juden die Ausübung der Advocatur überhaupt ganz untersagt werden. Aufforderung. Unser geschätzter Mitarbeiter, Herr Rüben Branim, crlätzt in „Harmelitz" folgende Erinnerung: Als ich zum Schluffe des Jahres 5648 (4888) in Petcrßburg war, weilte ich bei dem seligen Dichter I. L. Gordon. Als ich mit ihm über den Gedanken der Colonifation Palästinas sprach, äußerte er sich nur in abgerisseneil Sätzen über das Thema, wie einer, der sich noch keine Rechenschaft über den neuen in Israel aufgetauchten Gedanken gegeben hat. Als ich ihm sagte, wir Jungen hätten das Recht, aus seinem Munde eine vollständige und abgeschlosscite Anschauung über diese Idee zu erwarten, antwortete er mir: „Meine Ansicht über den Gedanken der Colonifation Palästinas habe ich vollständig in ein Buch medergeschrieben. Dieses habe ich einem großen jüdischen Gelehrten übergeben mit der Bitte, es dreißig Tage nach meinem Tode durch den Druck zu veröffentlichen." Ich halte cs nun für meint heilige Pflicht, im „Hamelitz" den betreffenden jüdischen Gelehrten,, in' dessen Händen sich die genannte Schrift des dahingeschiedenen Dichters befindet, zu. erinnern, daß er die kostbaren Perlen, welche ihm anvertraut sind, in die Öffentlichkeit bringe. Ich 6m überzeugt, daß die Schrift Gordvns, durch den Druck verbreitet, in unsere in der letzten Zeit etwas schlummernde und eines An, stoßes bedürftige Literatur Leben bringen wird. „Uapisgali".! in Baltimore ist bekanntlich ein streng zionistisches Blatt, dessen Redactcur, Herr W. Schur, uns persönlich als ein ebenso liebenswürdiger als gesinnungsfester Mann bekannt ist. Das Blatt brachte nun gelegentlich des Ablebens des Dichters Kordons einen äußerst wannen Nachruf. Bon der „Hapisgah“ feindlicher Seite — es dürften dem a n t i zionistischen „Haibkri“ in New-Jork sehr nahestehende Steife sein — wurde nun eine etwas unvorsichttg stylisirte aber offenbar gut gemeinte Stelle des Nachrufes als schwere Beleidigung des verstorbenen großen Poeten ausgelegt, und diese Auslegung unter Herrn Schur kränkenden Ausdrücken den hebräischen Tageblättern „Hamelitz" und „Hazefizak“ zur Veröffentlichung mitgcthcilt. Dass die alles eher als zionistische „Hazefirah“ diese Denunciation aufnahm, wundert uns nicht so sehr; dass aber auch der „Hamelitz", dieses entschieden zionistische Organ, dem Geschreibsel, welches einen bewährten Gesinnungsgenossen ungerechtfertigter Weise angreift, seine Spalten zur Verfügung stellte, wundert uns. Ja, es fehlt eben noch der Parteizusammcnhang, das Pactcibcwnsstsein, man besorgt daher die Geschäfte des Gegners und schießt in die eigenen Reihen. „ttamagick hechadach“, die Fortsetzung des „Hamagid“, dessen Erscheinen in Krakau wir ankündigten, ist nun wirklich erschienen. Die ersten drei Nummer» berechtigen zu den besten Erwartungen. Der Redacteur, Herr I. S. Fuchs, hat für einen guten Inhalt und der Herausgeber und Buchdrucker, Herr Josef Fischer, für eine schöne Ausstattung gesorgt. Wir haben nun drei national-jüdische Blätter in Oesterreich-Ungarn, den „Law. heck.“, die „Przyszlosc“ und die „Selbst-Emancipation". „Der ungarische Israelit" ist von uns unlängst ganz uugerechterweise einer Art unbewussten Nationaljudentums verdächtigt worden. Neue, uns vorliegende Nummern belehren uns eines Beffern und wir bitten „den ungarischen Israelit" aufrichtig um Verzeihung. Das „Amerikancrtum" hat cs ihm angetan, er niöchte die „Amerikaner" getreulich copircn, er möchte rcformiren (?) und affimiliren, was Platz hält/ damit nur ja aus dem jüdischen Volke eine mosaische Kirche werde. W i r haben für all' dieses unnütze Gcthuc, für alle diese eitle Culttirkämpferei, für all' dieses müßige Spiel mit Religionsfragen nur ein Gefühl des Bedauerns. Argentinien. Leider können wir die in voriger Nummer gemachte Zusage, einige Briefe aus Argentinien mitzuthcilen, hellte aus Rauminangel noch llicht erfüllen, und behalten uns dies daher für nächste Nummer vor. — Interessant ist die vom 15. October d. I. datirte Correspondenz aus Bneilvs-Ayres, an den „Hamelitz“, wonach in Argentinien das Gerücht von der deinnächstigcn Enthebung des Obersten G oldsmith von seinem Posten und seine Ersetzung durch einen getauften Juden, namens C l c i, verbreitet ist. Nach Ostindien, namentlich in die Hafenstädte, wandern immer mehr rüffische Juden ein. Aus dem Lager der Sorialdemokratic. Stach der „Arbeiter- Zeitung" brachen zehn Chaffidim („fromme Fanatiker, die an Wuuderthaten der Rabbiner glauben") den an der Thorarolle geleisteten Schwur, indem sie auf Zureden des Fabrikamen Heller die eingestellte Arbeit wieder aufnahmcn. Heller äußerte auch nach derselben Meldung, dass er von feinen Arbeitern eine schriftliche Erklärung verlangen loerdc, dass sie keine Socialistcn seien. Demgegenüber wollen viele Arbeiter standhaft bleiben, und alle wollen eine schriftliche Erklärung, dass sie sich als Socialdemokratcn fühlen, au die „Arbeiter-Zeitung" einscndcn. Nette Zustände allerseits, vorausgesetzt, dass die Nachrichten richtig sind! Ein jüdischer Ausbeuter, der es den arischen Ausbeutern abgcguckt hat, die Arbeiter mit Phrasen zu füttern und durch Drohungen cinzuschüchtern; jüdische Arbeiter, die von einige» Agitatoren in eine 'Bewegung hiueingczcrrt sind, deren Wesen sie nicht verstehen und Von deren angeblich nur internationaler, in der That aber antiuationalcr Richtung sie keine Ahnung besitzen; ein jüdischer Arbeitsgeber, der seine Arbeiter durch seine Unerbittlichkeit zum Eidbruche zwingt und jüdische Arbeiter, die ihren Eid brechen. Und niemand da, der dem Einen und seinesgleichen den Text liest und die anderen vor Abwegen warnt! Sollte die nationaljüdische Partei in Galizien es gegenüber solchen Golusblüthen nicht für ihre heiligste Pflicht ansehen, an die versteinerten Herzen des bewusst oder unbewusst affimilirten Israel mit gewaltiger Wucht zu pochen, und andrerseits die Waffen über die wahre national-sociale Erlösung zu belehren? Die Schaffung eines gut redigirtcn und zielbewussten zionistischeu Jargonblattes stellt srch nachgerade als Nothwendigkeitheraus.

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