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Selbst-Emancipation · 1892-11-30 · Heft 22 (30.11.1892) · p. Seite 210

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 22 (30.11.1892)
Date
1892-11-30
Page
Seite 210 (sequence 4)
Language
German
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©eite 210. Selbst-Emancipation welche 200 Einwohner zählt, macht schöne Fortschritte: Die Ansiedler beschäftigen sich mit Weinbau, doch auch mit Getreidebau. Ekron hat eine Synagoge, eine Apotheke, ein Bad und eine Schule, welche letztere vor Kurzem vom Baron erbaut Mikweh Jißrael gehört nicht zu den eigentlichen Colonien; Es ist dies vielmehr die von der Alliance Israelin Universelle schön vor 23 Jahren gegründete Ackerbauschule. Dieselbe befindet sich 15 bis 20 Minuten nordöstlich von Jaffa und zählt 120 Schüler, welche in vier Klassen untergebracht sind und einen guten Unterricht im Feld- und Weinbau, namentlich im letzterem, aber auch in anderen Gegenständen erhalten. — Die Schule hatte anfänglich keinerlei Nutzen für das Land. Erst durch die Colonisationsbewegung erlangte sie eine große Bedeutung. OriAlnsl-CorrrspMldrnrrn. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 29. November 1892. Ein ereignißreicher Monat! Wir sind in Verlegenheit, womit wir beginnen sollen. Fangen wir mit dem Pikantesten an, mit der Wahl des Dr. Theodor Kohn zum Fürsterzbischof von Olmütz. Hat man das je gehört? Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Ein Kohn — Fürsterzbischof; er kann noch einmal Papst werden, wie die protestantisch-antisemitische „Kreuzzeitung" in heilloser Angst ansruft, und wie wohl die „Neue Freie Presse" stillvergnügt in sich hineinkichert. Dr. Theodor Kohn ist jüdischer Abkunft, ein „Abkömmling des Preußengeschlechtes des alten Testamentes", wie sich das „Vaterland" fein ausdrückt. Nach den meisten Quellen hat sich bereits sein Großvater getauft, nur „Jcwish Ehroniele" weiß zu berichten,' dass er erst selbst als Kind getauft worden sei. Doch das sind Nebenumstände; die .Hauptsache, die großartige Thatsache. ist, ein 'Jude — da erinnert sich plötzlich die Judenheit des nationalen, man könnte säst sagen Rassenstandpunktes — ist Fürsterzbischof. Die „Wiener Sonn-und Montagszeitung" zählt bei d er Gelegenheit alle jüdischen Kirchenfürsten, von einst und jetzt aus, das ist Labsal für ihre jüdischen Leser. Was jüdisches Elend in Russland und Rumänien, und vielleicht auch ein wenig in Oesterreich, „Was geht das uns an, das geht uns gar nichts an", wie es im wienerischen Vollsliede heißt — paparn liabemus. Was sich der Rabbiner von Olmütz, der an der Spitze einer Deputation der israelitischen Eultusgemeinde dem neuen Erzbischof seine Aufwartung inachte, bei diesem feierlichen Anlasse gedacht haben muss? Wir möchten Gedankenleser sein. . Die „Neue Freie Presse" kommt ans der Unzufriedenheit mit den Mitbürgern christlichen Bekenntnisses nicht heraus. Der antisemitische Abgeordnete Schlesinger bringt, angeregt durch den jüngsten Mädchenhändlerproccss in Lemberg, eine Interpellation ein, die von Beleidigungen gegen die Juden strotzt und mit dem Satze endet: „Welche Vorkehrungen gedenkt Seine Excellenz der Herr Minister-Präsident zu treffen, damit den allgemein schädlichen Ausschreitungen des jüdischen Volkes in Oesterreich ein wirksamer Damm entgegengesetzt werde?" Das Abgeordnetenhaus und sein Präsident Dr. Smolka ist über die Interpellation entrüstet, jedoch nur wegen einer Stelle, worin Schlesinger beispielsweise auführte, es könnte auch einer Abgeordneten- oder Ministerstochter passiren, tvas den. Töchtern des Volkes passirt. Aber „dass Herr S chl esin g er und seine Gesinnungsbrüdermit dieser Interpellation gegen Hunderttausende makelloser Staatsbürger die infamsten durch nichts gerechtfertigten Insulte schleudern, das lässt das Abgeordnetenhaus und seinen Präsidenten kalt. Dagen dass nicht wegen, sondern nur aus Anlass der Verurtheilung einiger Auswürstinge, an denen es in keinem Volke, in keinem Lande, in keiner Eonfession fehlt, das Judentum, das jüdische Volk in Bausch und Bogen als gemeingefährlich erklärt, nicht blos der Glauben an die Humanität verhöhnt, sondern die primitiyste Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird, dagegen lehnte sich Niemand auf." Wie richtig manchmal die „Neue Freie Presse" zu beobachten versteht! So auch ein zweites Mal. Der bekannte Abgeordnete Schneider hatte behauptet, der Chef des reichsräthlichen Stenvgraphen- Bureaus habe seine Wiege am Jordan gehabt — ein von Stieger, dem Altczechen, erfundener Ansdruck, den wir mit Vergnügen acceptiren. Der Präsident Dr. Smolka berichtigte das. „Was soll denn der Sinn und die Bedeutung einer derartigen Richtigstellung fein? Wäre es denn eine Beleidigung für das hohe Haus, wenn einer seiner Beamten ein Jude wäre?" Darauf erwiedert das „Deutsche Volksblatt" mit schneidendem Hohn: „Ja, ja, es ist zum Sichscharz-ärgern, in jeden Nichtjnden steckt halt sojfeiu Stückchen Antisemitismus und Herr Dr. Smolka ist davon auch nicht frei." Auch Dr. Vloch hat gesprochen, und zwar ausschließlich gegen die Antisemiten. Dass ihn sein „Connationale", sein Genosse im Polenklub, der Präsident Dr. Smolka in ganz und gar nicht freundlicher Weise, die uns lebhaft an die goldene „iKo.<2lw“-Zeit erinnert, nicht zu Ende sprechen lassen wollte, zeigt, wie wenig Interesse auch für' nicht-antisemitische Christen die an sich recht schneidigen Anführungen des Dr. Bloch haben. Auch heute hat ihn der deutschliberale Vieepräsident Chlumecky nicht sehr höflich behandelt. Solche Thatsachen könnten Dr. Bloch, wenn es ihm wirklich um die Sache zu thun ist, — und wir wollen das annehmen, — endlich doch einmal bewegen, seine Talente besser zu verwerten, als sich zu Geplänkeln, deren Getöse dem jüdischen Volke das Gehör für die positiven jüdischen Fragen benimmt und auch nicht direct antisemitische Christen verstimmt. r Die parlamentarische Lage hat sich jäh geändert. Die deutsch-liberale Linke verliert an Macht; die klerikalen und Feudalen, die Pelen, die Jungczechen und die deutschen Antisemiten treten in den Vordergrund. Die „Neue Freie Presse" constatirt das gehobene Bewusstsein der letzteren, welchen die Regierung bereits fteundlicher entgegenkommt. Und auch die Linke selbst rührt — nach obigem Zeugnis der „N.Fr.Pr." selbst kein Fingerchen für die Juden, — sie könnte sonst ganz unpopulär werden. Nur der Dr. Kronawetter, der einzige christliche Demokrat in Oesterreich wagt das undankbare Geschäft, was den Dr.Lueger aber so ärgert, dass er ihn verleumdet, ehemals selbst gerne von „Saujuden" gesprochen zu haben. Schöne Zustände, gute Aussichten! Wien, den 21. November 1892. In der General- Versammlung des Palästina-Colonisations-Vereines „Admath Jeschurun“ vom 19. d. M. wurde zuerst der Rechenschafts¬ und Cassa-Bericht erstattet. Aus denselben ist zu ersehen, dass der Verein im Verlaufe des letzten Jahres sehr viel geleistet und in moralischer Beziehung große Erfolge zu verzeichnen hat. Die' Agitationsreise ' des Vereinsdelegirten nach Galizien und Bukowina, die Gründung eines Verbandes sämmtlicher Colonisätions-Vereine Oesterreichs, dessen Statuten höchstwahrscheinlich, jetzt, nachdem sie bereits einmal wegen eines Formfehlers zurückgewiesen wurden, werden genehmigt werden, das sind immer weitere Etappen auf dem Wege zur einheitlichen Organisation des Zionismus. Auch Heuer wurde wie inr vorigen Jahre der jüdische Volkskalender „Jordan" herausgegeben. — Hierauf wurde zur Aendernng der Statuten des Vereines „Admath Jeschurun“ mit. Rücksicht auf die Verbandsstatuten geschritten. Da die letzteren das Wesentlichste enthalten, so beschränkte man sich in den Statuten des Einzelvereines mehr auf das Förmliche. Nach-

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