Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 22 (30.11.1892)
- Date
- 1892-11-30
- Page
- Seite 209 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Selbst-Emancipation (Seite 200. nur ein Trümmerhaufen, — wird eben eine Glasfabrik, und soll bald ein Hafen für große Schiffe gebaut werden. Dann wird wol Sichron Jacob zu einem Handelsemporium für ganz Palästina werden. — Sichron Jacob zählt gegenwärtig bei 2000 Einwohner, welche sich zum größten Theile mit dem Weinbau beschäftigen; doch sind einige Feldbauern. Von den gemeinützigen Anstalten der Cotonic sind zu erwähnen: Die schöne Synagoge, das Krankenhaus, die Knabenschule, die Mädchenschule, das Bad, der öffentliche Garten, endlich das einstöckige Verwaltungshaus. In der Schule wird besonders auf die Erlernung hebräischer und französischer Conversation geachtet. — „Sichron Jacob" steht unter dem Patronate des Baron Edmund Rothschild in Paris, der bereits viele Millionen für die Colonie aufgewendet hat. Das Verhältnis der Ansiedler zum Baron ist folgendes: Der Baron hat jedem derselben etn Stück Boden, ein Haus, Werkzeuge und Geld zum Lebensunterhalt bis zur Erntezeit gegeben. Jeder Colonist schuldet also dem Protector mehrere tausend Francs. Die ganze Lese wird nun in den Keller des Baron, der zwei Millionen Francs gekostet hat, gebracht; dort wird der Preis des ganzen Weines festgestellt und jedem Coloiiisteu der auf chu eutsalleude Theil von seiner Schuld abgerechnet/ In einer Reihe von Jahren wird diese endlich getilgt und werden dann die Colouisten unbeschränkte Eigentümer ihres Bodens sein. — Sichron Jacob hat auch mir Erlaubnis der türkischen Regierung seine eigenen Scheidemünzen (y2 und I Para), welcher ans der einen Seite den Namen der Colonie in hebräischer Schrift, aus der andern in lateinischer Schrift und darunter die Wertbezeichnung in europäischen (arabischen) Ziffern zeigen. — Sichron Jacob wurde im Jahre 1882 von rnmänischeil Inden gegründet. Rischou l'Ziou haben wir die vorige Fortsetzung dieses Artikels gewidmet. Waad el CH anin, cinnudeinhalb Stunden südöstlich von Jaffa. Der Weg von Jaffa zur Colonie, und deren Felder selbst sind mit Sand bedeckt; dennoch ist der Boden sehr fruchtbar. Rings um die Colonie gibt es Orangen-, Citroneu-, Nuss-, Feigen- und andere Bäume des Südens gemeinsamen Gelder, über Ankauf von Boden; die Durchführung aller Beschlüsse, wie auch die eventuelle Initiative stehen dem Lomitee zu. Die Delegirteu der einzelnen Vereine gehören seltsamerweise nicht zur Centrale, also Legislative, sondern zum Comitee; sie werden daher nur zum Vollzüge von Beschlüssen, auf deren Zustandekommen sie gar keinen Einfluß ausüben, zugezogen. Die Geschichte dieser einzelnen Vereine, wie wir sie hier ausgeführt finden, das ist die Geschichte des Zionismns. Auch jenseits des Canals hatten die „Wecker" des jüdischen Volkes schwere Kämpfe zu bestehen, große Widerwärtigkeiten zu erleiden, bis sie ihn zu jener Stufe brachten, auf der er sich nun befindet. Die ganze jüdische Elite, Geburts-, Geistes- und Finanz-Adel steht an der Spitze der „Lovers ot' Zion“. Da sehen wir Namen wie Samuel Montagst, M. P. Colonel Goldsmith, Chief Rabbt Dr. Adler, Elim d'Avigdor, I. Sebag-Montefiore, alle vereint in dem Streben, auf dem Boden ihrer Väter das Wohl ihres Volkes zu begründen. Wie ein rother Faden zieht sich durch die Entstehungsgeschichte aller Einzelvereine der Gedanke der nationalen Zusammengehörigkeit der Inden und die Zurückweisung „der Amalzamirung mit den nicht-jüdischen Nachbarn." Da heißl es: „Die großen Massen des jüdischen Volkes waren stets überzeugt, daß für die vertriebenen Juden nur in Palästina durch Ackerbau günstige Erfolge zu erzielen wären. Dagegen wandten sich diejenigen, welche in Reichthum und Ueberfluss. lebend, nur von einer Verschmelzung mit den nicht jüdischen Nachbarn, und von einer Abstreifung jedweder in Menge. — Die Colouisten wohnen auf selbstgekauftem Grunde in 15 Häusern. Doch fehlt es au Geld. Die Colouisten aber, sämmtlich jung und mutig, lassen sich durch alle Widerwärtigkeiten nicht abschreckeu, umsomehr, als schon ihre jetzige Lage gegen oiejenige vor einigen Jahren eine beneidenswerte ist. Den Wein verkaufen sie an den Baron. — Pethach Thikwah, die älteste ueuhebräische Colonie in Palästina, liegt 2 Stunden nordöstlich von Jaffa. Sie zählt au 90 gruudbcsitzeude Fainilien, im ganze» bei 700 Einwohner, und erfreut sich geordneter Verhältnisse. Die Colouisten beschäftigen sich theils mit Wein-, theils mit Feldbau, und stehen zu Baron Rothschild in demselben Verhältnisse, wie die Leute von Sichron Jacob und Rischou l'Ziou. — Pethach Thikwah hat eine Synagoge, eine Schule, ein Bad und eine kleine reizende Promenade. Die Straßen sind mit Bäumen au beiden Seiten bepflanzt, die Hüliser regelmäßig gebaut. In der Mitte des Dorsplatzes befindet sich der Gemeindebrunneu. — Die Gründung von Pethach Thikwah reicht bis zum Jahre >870 zurück und zwar waren cs jcrusalemische Juden, welche den freilich vorderhand scheiternden Versuch einer Colonisatiou machten. Die Neugrüudung im Jahre 1885 geschah durch russische Juden. Gad r ah, sechs Stunden südöstlich von Jaffa, aus einem Hügel liegend, macht einen sehr freundlichen Eindruck. Die Häuser sind regelmäßig gebaut, Bäume davor gepflanzt; die Straße ist breit, von Geflügelschaaren durchwandert. — Die Colonie ist von 13 Familien bewohnt, welche selbst die Grundbesitzer sind. Die Colouisten treiben Getreidebau, mehr aber noch arbeiten sie in den Weinbergen des benachbarten Ekron. - Gadrah wurde im Jahre 1882 von rnssisch-jüdischeu Studenten gegründet, und wird jetzt, nachdem die Gründer und Ansiedler mit bewundernswertem Heroismus die größten Entbehrungen mitmachteu, von dem rnssisch-jüdischen „Vereine zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina" unterstützt. Maskereth Bathja (früher Ekron), mit welchem das jüngst gegründete Ncchowoth unlängst vereinigt wurde, steht jetzt unter dem Prvtcetorate des Baron. Die Colonie, Unterscheidungs-Merkmale das Heil erwarten. — Es ist überflüssig, zu sagen, dass diese Ansicht von dem größten Theil der jüdischen Nation nicht getheilt wird." (S. 8.) Ob dies gerade so überfiüssig ist, hauptsächlich für die continentalen Inden, das möchten wir dahingestellt fein lassen. Es ist nicht lange, seitdem ein Novelleuschreiber, dessen Name damals zum ersten Male mit einer jüdischen Angelegenheit in Verbindung kam, sich erkühnte, den Inden, die für die Palästina-Colonisation eintraten, Mangel au europäischer Bildung — er nannte es unsere Weltanschauung (?) — vorznwerfen. Nunmehr mag er die Sache überlegen; die Lecture des „Palästina", die wir ihm bestens empfehlen, wird seine crasse Unkenntnis der Strömungen im jüdischen Volke hoffentlich beseitigen. Die englischen Inden, die Pfeiler der zionistischen Idee, stehen hoch erhaben über solche Ausstreuungen. Und wir würden wünschen, dass sich alle uiisere Brüder an den englischen Inden ein Beispiel nehmen sollen, wie^ man in einem Staate groß au Ansehen, mächtig an Einfluß, hervorragend an Geist und Bildung sein kann, und doch seine nationale Eigenart stets anfrechthält, für seine nationalen Traditionen stets eintritt. Das mögen sich auch Jene merken, welche die glänzende Stellung der englischen Inden als einen Ausfluss der erfolgten Assimilation betrachten wollen! — Und fügen wir noch hinzu, dass dem Mr. I. K. Levy vom West-Loudoner-Vereitl der wärmste Dank für die Verbreitung der jüdischen National-Jdee im West-Bezirke ausgesprochen wurde, so glauben wir die Lage genügend gekenuzeichnet zu haben. / / ' Saul Raphael^? .''i