Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 22 (30.11.1892)
- Date
- 1892-11-30
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 208. Selbst-Emancipation Nr. 22. Wir danken für solche „Ausnahmen" und weisen die von diesen „Ausnahmen" beliebte Politik mit Entrüstung von uns. Mag auch das irregeleitete, jüdische Volk uns darob in Acht und Bann thun, wir scheeren uns darum nicht. Es wird schon die Zeit kommen, wo es seine Getreuen besser zu erkennen wissen wird. Die heutigen Juden sind nicht mehr gewöhnt, aus stammcsgenössischem Munde die rauhe Wahrheit zu hören; wir Zionisten trachten sie wieder darin ciuzuüben. Wir sind dem jüdischen Volke mit wahrer, inniger, grenzenloser Liebe zügcthan, und darum ist uns die schädliche Affenliebe der besseren Autisemitcnbckämpfcr ein Dom im Auge. Wir bewunden: die über alle Discussion erhabenen sittlichen und geistigen Anlagen Israels, sowie wir sein moralisches Deficit im Golus tief beklagen, und darum erklären wir den Krieg jenen kleinlichen und selbstsüchtig furchtsamen Opportunitätsmcnschen, welche trotz gründlicher echt antisemitischer Verabscheuung des eigenen Volkstums in Anti-Antisemitismus arbeiten. Dem jüdischen Volke kann der Kampf gegen den Antisemitismus nicht einmal für den Augenblick, geschweige denn für die Dauer nützen. Wir haben mehr als einmal bewiesen, dass es im Golus für Israel keine Hilfe, keine sociale Erhöhung, keine wirtschaftliche Rettung, keine sittliche Gesundung geben kann. Nur die Gewinnung eines nationalen Cen'trums kann die Juden aller Welt' erlösen. Daruin ist „Zion" der Angelpunkt unseres Programms, der Zielpunkt unseres Strebens. Nur im „Zion" kann die unheilvolle Wechselwirkung zwischen Golusverfolgung und Golusvcrderbtheit und umgekehrt äufhörcn. Und wenn einmal „Zion" nicht blos Devise unserer Partei, sondern ganz Israels geworden sein wird, dann wird Israel bereits eine Angabe an sittlicher Gesundung erhalten haben. Sowie nur „Zion" uns wahrhaft wieder zum Volke der Ethik par excellence machen kann, so kann nur das Streben nach „Zion" den im Golus nöthigen Grad der Läuterung unseres Volkes hcrbeiführen, welchen wir nöthig haben, um das Endzielzu erreichen. Die ersten Assimilanten, oft Männer, die' ihre Pläne, das Beste wollend, fassten, haben sich getäuscht, wenn sie glaubten, die Versittlichung des gesunkenen jüdischen Volkes durch Verkündigung liberaler ethischer Theorien, ohne eine Nöthigung zum Gutwerden zu schaffen, durchführen zu können. Dieselbe Niederlage müssten wir erleiden, wenn wir die nationale jüdische Ethik preligen wollten, ohne früher die Juden aus den Verhältnissen herausgehoben zu haben, die eben schuld sind an ihren Gesunkensein. Geben wir dem Volke den Zionismus, so haben wir ihm den einzigen Weg zum materiellen und moralischen Heile gezeigt. Dann ist sein cndgiltiger Triumph über den Antisemitismus sicher, — freilich ein Triumph, von ganz anderer Art als die Schmul Leeb Kohn-Beweise und ähnliche „Siege" unserer Anti-Antisemiten. ZUM zehnjährigen Jubiläum von Kischon l'Zion. (Schluss.) 3. Zer gegenwärtige Stand der größeren Colonien. Abgesehen von mehreren kleineren Ansiedlungen, wie Machnajim, Ejil Sejton, Kastinia, u. s. w. und einigen Gehöften gibt es im heiligen Lande sieben größere Colonien und zwar Sichron Jacob, Rischvn l'Zion, Waad el Chanin, Pethach Thikwah, Gadrah, Ekron-Rechowoth und Mikweh Jißracl. S ichron Jacob, früher Samarin, ist die größte Colonie. Sic ist von Haifa sechs und von Jaffa zwanzig Strinden entfernt. Sie bietet ein geradezu überraschendes Bild. Die Häuser sind nett, in jedes Haus führt ein Auslaufbrunnen, welcher reines, durch Dampfkraft gehobenes Quellwasser liefert, über die Felder breitet sich ein Bewässerungsnetz, die Straßen sind zum Theile gepflastert und durchaus seitlich mit Bäumen bepflanzt. Die Umgebung der Colonie ist reizvoll, mit Reben bepflanzte Hügel sehen auf dieselbe hinab. Einige Meilen von der Colonie entfernt befindet ^fich Tautura, durch eine Chaussee mit derselben verbunden. In diesen! am Mcercsstrand gelegenen Orte, — einst eine starke arabische Festung, jetzt fast ,,P a I e s t i n a.“ *) The Chovevi Zion Quarterly. Die Idee der Palästina - Colonisation nimmt immer greifbarere Formen an. Nicht das Geistesproduct eines einzelnen Mannes, sondern hcrvorgegangen aus dein tiefen Schacht der begeisterten Volksseele, reißt sie immer weitere Kreise mit sich fort, und aus der intuitiven Sehnsucht wird ein zielbewusstes Streben. „Denn die Bewegung — sagte Major Coudor in seiner herrlichen Rede über die jüdischen Colonien in Palästina — ist keine künstliche, sie beruht nicht auf religiöser oder philantropischcr Basis, sic ist vielmehr eine gesunde, naturgemäße — und volkstümliche." Die Zahl der Colonisations-Vcrcine wird stets größer, in den einzelnen Staaten schließen sie sich zusammen und bald wird auch, sobald sich nur eine energische Hand findet, eine einheitliche Organisation sämmtlicher Vereine zur Ausführung Einen Schritt vorwärts zu diesem Ziele bildet die im Oktober d. I. im Verlage des Londoner Colonisations- Verbandcs „Chovevi Zion Association“ erschienene Vicrtcljahrsschrift „Palestina“. Sie hat den Zweck, das weiteste, nicht nur das jüdische, sondern auch — christliche Publikum mit den Erfolgen der Palästina-Colonisation bekannt zu machen, die Idee zu propagiren, und zugleich ein officicllcs Organ des ans 23 Vereinen bestehenden Verbandes der „Chovevi Zion Association“ zu bilden. *) MerteljaHrcsschrift, herausgegcbcn von der „Chovevi Zion Association“ in London. Octoberheft 1892. Die erste Nummer der Zeitschrift „Palestina“ ist sehr inhaltsreich. Die Einleitung bildet ein herrliches Gedicht der Mrs. Sylvie d'Avigdor, Tochter des Präsidenten der Association, Mr. Elim H. d'Avigdor. Zuerst voll innigen Schmerzes über die Schicksale der Vergangenheit, tröstet sich dann die Dichterin mit dem Hinweise auf das Loos anderer, viel größerer, mächtiger Völker. Und aus den tiefen, elegischen Tönen schallt plötzlich eine, sicgessreudige Fanfare: „Thy country shall be tliine „Tliine was in the past, and thine shall be „Again the promised land of Palestine!“ (Dein Land soll das Deinige werden, Dein war es in der Vergangenheit, und Dein soll es wieder werden in der Zukunft — das gelobte Land Palästina.) Auf dieses, von einer hohen dichterischen Begabung zeugende Gedicht folgt das eigentliche Programm des Vereines, das von dem anderer Colonisations-Bereine gar nicht abweicht und hauptsächlich den jüdischen nationalen Standpunkt scharf betont. -Der-englische Verband besteht, wie bereits erwähnt, aus —23 Vereinen, sg. tents, die sich über ganz Groß- Britaiulien, also auch Dublin, Glasgow, Edinburgh u. s. w. erstrecken. In London selbst bestehen zwei Vereine, u. zw. der Last London Teilt und der Western London Teilt. An der Spitze des Verbandes stehen zwei Organe, wovon wir das eine als Legislative, das andere als Executive bezeichnen würden. Die Legislative bildet der Ueadquarters-Tent, (Centrale), die Executive das Executive Comitee of Headquarters-Tent. Der erstere faßt Beschlüsse, verfügt über die