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Selbst-Emancipation · 1892-11-15 · Heft 21 (15.11.1892) · p. Seite 205

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 21 (15.11.1892)
Date
1892-11-15
Page
Seite 205 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21. Selbst-Emancipation Aus dein Lager der Ssrialdrrnokratie. Die „Arbeiter- Zeitung" kommt bekauntennaßen inimer in Hämisch, wenn irgend ein socialistisch-denkendes Menschenhirn doch nicht das Programm der „internationalen Socialdemokratie" von A bis Z nachbetcn will und sich namentlich an der Naturwidrigkeit des Jntemationalismus stoßt. So schüttet sie wieder einm.il ihren ganzen Vorrath an Hohn über die „nationalen Socialisten" in Böhmen aus, kann aber nicht umhin, bezüglich der national-socialistischen „fortschrittlichen slavischen (studentischen) Jugend" zuzugeben, dass sie von ein paar fähigen und energischen jungen Leuten geführt wird, die „freilich zur Bourgeoisie gehören und sich über ihre Classe nicht erheben können". Thatsache ist. dass auch die Führer der „Internationalen" zumeist aus der Bourgeoisie hemorgehcn, und, wenn das auch nicht der Fall wäre, ein Satz wie der obige, wieder nur von boruirtem Classengeiste zeugt. Was sich die „internationale Socialdemokratie" gar so viel auf ihren Jntcrnatioualismus einbildet! Das Ding ist doch gar nicht neu; sie findet es ja ohne Mühe bei ihren heftigsten Widersachern, dem liberalen kapitalistischen Bürgerthum und den Römlingen. — Wir erivähnen das Ganze nur, weil ja gerade unsere Juden am meisten im Internationalismus schwimmen, der übrigens innerhalb des Socialismus an Starrheit nachzulassen begiunt. Aus Uutzland. Der Oberrabbiner von Moskau, Herr Minor, ein hochbetagter Mann, der über 40 Jahre daselbst im Anite ist, wurde sür immerwährende Zeiten aus Moskau ausgewiesen. Es geschah dies, nach der „Jüdischen Presse", wegen angeblich unberechtigter Benützung des Vorraums der neuerrichteteu und bekanntlich auf behördliche Weisung geschlossenen Synagoge an den hohen Feiertagen. Ein ähnliches, aber milderes Geschick traf den Großindustriellen Schneider, indem er aus demselben Anlässe für zwei Jahre aus Moskau verwiesen wurde. Auch Herr Schneider hat bereits die Siebzig überschritten. Rerenstonen. Die russische» Juden. Ihre Leidensgeschichte und unsere Ncttungsver>i,che dargestellt von Dr. I. R ü l f. Memel. 1892. — Der Versasser, bekanntlich unser Gesinnungsgenosse, greift zunächst in seiner Schilderung um 25 Jahre zurück, bis in die Anfänge des russischjüdischen Hilfswerkes. Wir erfahren da viel Interessantes, namentlich das, dass früher sein Hauptbcstrcben sowohl als das der anderen Freunde der ruyischen Juden, dahin gerichtet war, die großen Massen der .russisch-jüdischen Armen nach dem Innern Russlands zu bringen.. Die Thaisachcn haben die Einschlagung dieses Weges völlig unmöglich geniacht, und so sieht sich Dr. R ü l f genöthigt, jetzt die entgegengesetzte Methode zu empfehlen, nemlich die Unterstützung der Auswanderung; doch nein, nicht der Auswanderung, sondern der Auswanderer. Er ist der Ansicht, ' dass auf die Auswanderung nicht sozusagen eine Prämie gesetzt werden dürfe, da sie sonst die ungeheuersten Dimensionen annehmen und die Eleinente, mit welchen absolut nichts anzufangen ist, in Massen herbeiströmen ivürden. Die Auswanderer, und zwar die tüchtigsten, seien zu unterstützen. Diese Unterstützung aber habe darin zu bestehe», führt Dr. Rülf aus,, dass man sie dorthin bringe, wohin sie gebracht werden wollen; cs wird dies gewöhnlich jener Ort im Auslande sein, wo sich bereits Bekannte und Verwandte der Auswanderer befinden. So werde die Judcnheit in Russland allmälig durch den Abfluss so vieler Staminesgenossen erweiterte Lebensbedingungen bekommen und den Auswanderern selbst werde auch zumeist geholfen sein. Auf diese Weise lasse sich die russisch-jüdische Frage löse». Das erwartet der Verfasser aber nicht vom Coloiiisatiouswerke des Baron Hirsch. Nach diesem Plane ließen sich binnen zwei Jahrzehnten vielleicht 30.000 russische Juden in Argentinien ansiedeln, was solle aber mit den übrigen 4,970.000 geschehen? Auch die Colonisation Paläsiinas möchte Dr. Rülf aus. dem Hilfsplane gestrichen sehen, denn „das ist ein ganz anderes Ding und hat einen ganz anderen Zweck, welcher zu Schaden und Schanden ginge, wollte, man diesen Zweck mit Hilfszwccken zu Gunsten der russischen Juden verquicken." — An den Ausführungen des Doctor R ü l f ist, namentlich wenn man sie in axt«».-,., liest, vieles auszusetzen, besonders können wir seinen Optumsmus bezüglich des großen Erfolges seiner Action nicht theilen, — und doch hat er im Grunde Recht. Was die Colonisation Argentiniens betritt, so halten wir noch weniger davon, als er; die Colonisation P a l ü st i n a s ist thatsächlich „ein ganz anderes Ding" und mit den Auswanderern läßt sich zu ihren eigenen Gunsten z u m e i st nichts Besseres thun, als sie wenigstens in ein sreics Land schicken, — wohin immer. Das Golus hat eben noch kein Ende, darum müssen sie sich mit einer Golusrettnng begnügen. Doch davor müssen wir warnen, darüber jene Bestrebungen zu vernachlässigen, welche darauf ausgehen, dem jüdischen Volke ein Vaterland zu schaffen, und so für alle Zukunft Hilfsactione», wie die obige, die im Grunde auch keine Hilfe bieten, unnöthig zu machen. Auch sollte man einer Colonisation nach Möglichkeit Aufmerksamkeit schenken, welche sür Tausende momentane Hilfsaction sein kann und eine bessere, als die empsohleue, und anderseits doch wieder mit dein „ganz andern Dinge" iii Zusammenhang steht. Wir meiueu die Ansiedlung rnstijcher Juden i« Palästina benachbarten Ländern, also Syrien, Mesopotamien, Kleinasien u. s. w. Belletristisches. Im Kisenval) »wagen. Hebräische Skizze von R. A. Brandes. Ins Deutsche überseht von M. Berkowicz. An einem Sommertage des Jahres 1870*), des Morgens war es, als die Locomotive ans einer der Stationen zwischen St. Petersbllrg und Warschau stehen blieb, um neue Passagiere in die vielen ihr hinten folgenden Wagen aufzuiiehinen. Eine schwarzgraue Rauchmasse strömlvolkenartig aus der cylinderförmigen Oefstnmg der Maschine, mährend sie halbuuterdrückte Laute von sich gab, bald mit lästigem Kreischen Wasserdunst ausspritzte. Aus den gefüllten Wagen steckten Leute von buntem Aussehen die Köpfe zu den Fensteröffnungen hinaus. Die Glocke wurde zum ersten, zweiten und dritten Male geläutet, die Maschine begann sich unter lautem Pfeifen zu bewegen und noch ließen sich verschiedene Stimmen aus den Wagenfenstern her vernehmen: „Lebe wohl! meine Thenerc . . . Schreibe oft . . ." „Glückliche Reife — lebet wohl! . . ." „Vergiß nicht nach X zu depeschiren . ." „Sei ganz unbesorgt. . . schone Deine Gesundheit..." „Sie dürfen bei diesem Geschäfte nicht nachläßig sein; es könnte Ihnen weggefischt werden ..." „Ich bitte alle Bekannten zu grüßen!" Noch vieles Andere wurde dort im Dutchunander in die Luft gesprochen, während die Wagen bereits davonrasselten Endlich zogen sich die Köpfe nach und nach zurück. In einem der Wagen, dessen Passagiere meistens Juden waren, wurde gar lebhaft in jüdisch-deutschem Jargon geplaudert. Der Eine erzählte von seinem Geschäfte, der Andere von der Verlobung oder Vermählung seiner Kinder und Enkel; hier scharte sich Alt und Jung um Einen und spitzten die Ohren, um etwas von den Wunderthaten des berühmten „Rabbi" zu vernehmen, dort iuteressirten sich einige für die Schilderungen, des, wie es scheint, weltlich erfahrenen Mitreisenden, der Ihnen viel aus dem Deutschen Kriege, über den spanischen König, über Napaleon :c. zu erzählen weiß. Nur drei Reisende, welche in einer Ecke des Wagens saßen, mengten sich nicht in dieses bunte Geplauder. Es waren dies drei junge Leute, die weder an den Wunderthaten des „Rabbi" noch an der Deutschen Kriegspolitik thcilnahmen, aber auch nicht früher die Köpfe aus dem Wagen gesteckt hatten, um sich von Jemandem zu verabschieden. Sie 'reisten aus ferner Gegend und wurden von ihren jüdischen Mitreisenden auch nicht im Geringsten beachtet, weil sie eben schienen — Nichtjuden zu sein. Nun wie sollten sie es nicht scheinen? Trugen doch die jungen Herren kurze Röcke, hatten den Bart rasirt und sprachen ein schönes Russisch. „Jacob",, sagte einer unter ihnen in vorwurfsvollem Tone zu seinem Gefährten, „willst Du denn heute gar nicht zu scherzen aufhören?" „Doch Du, Marcus", bemerkte der Dritte, „bist mir heute wieder zu ernst. Seitdem ich Dich keime, habe ich Dich nicht so schwermüthig, in so trauriger Stimmung gesehen . . . Ich erinnere mich wohl, dass Du in St. Petersburg in den schlimmsten Verhältnissen, in der schwierigsten Lage niemals Deine Sorge und Deinen Kummer hast merken lassen." „Da ich damals eben nur an Geldmangel litt, nicht aber wie jetzt an Hoffnungslosigkeit", gab Marcus seufzend zur Antwort, „damals war ich noch Student cind die Zukunft lächelte mir froh entgegen. Ich hoffte, nach Beendigung meiner Universitätsstädten den gebührenden Lohn meiner mühseligen Arbeit zu ernten; diese Hoffnung malte mir die Zukunft in den schönsten Farben vor und versüßte mir die I *j Also noch vor den russischen Judenhetze» und Jndenverfo! n der gegenwärtige!« Aera.

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