Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 21 (15.11.1892)
- Date
- 1892-11-15
- Page
- Seite 204 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 204. Selbst-Emancipation Nr. 21. Vereine für Colonisation Palästinas und Syriens" anzupassenden Statutenänderungsprojcctes eingesetzt und beschlossen, bei der in den ersten Tagen des nächsten Monats stattfindenden Generalversammlung des Vereines den Anschluß an den genannten Verband zu beantragen. Dieser Beschluß ist bereits gesichert, da Alle hier einstimmig der Meinung sind, dass nur ein allgemeiner österreichischer Verband seiner Aufgabe gewachsen sein kann. Melachi.' Radautz, dcn 31. October 1892. Ich bin in dcr angenehmen Lage, Ihnen imtteilen zu können, dass der durch Ihre Anregung hier gegründete Verein „AUawatU Zion“ nunmehr, nachdem dessen Statuten bestätigt wurden, sich in dcr am 29. d. Mt. stattgefundcnen Gencralvcrsaininlung constituirt hat, und demzufolge seine hoffentlich ersprießliche Action beginnen wird. Die in das Haus des Gefertigten cinberufene Bcrsaminlnng, in dcr alle Schichten dcr hiesigen israel. Einwohnerschaft in großer Anzahl vertreten waren, gab ein beredtes Zeugnis dafür, dass die Idee des Nationaljudentums hierorts eifrige, für die heilige Sache beseelte Anhänger gefunden, die gerne bereit, die Fahne zu entfalten, die allein zum sicheren Ziele führet; cs bedurfte daher eigentlich nicht erst dcr eindringlichen Worte, die Schreiber dieser Zeilen als Obmann an die Erschienenen richtete, um dieselben zum Eintreten für die heilige Sache zu begeistern, und hoffen wir auch, dass das Beispiel mit dem wir hier vorgcgangcn, auch anderwärts namentlich in der Bukowina und Galizien, zu gleichem Vorgehen erweckend wirken werde. Die Wahl dcr Vercinsfunctionärc, die mit Aclamation erfolgte, fiel auf dcn Gefertigten als Präsidenten, die HH. Neligionsweiser Simon Schapira zum ersten, und Eisig Grabscheid zum zweitenVicepräsidentcn, und H. Joses Kaßvan als Schriftführer. Was dcn von Ihnen proponirtrn Anschluss an dcn zu gründenden Verband betrifft, so wollen wir erst die Genehmigung dcr Statuten desselben abwartcn, um dann einen rcchtsgiltigen diesbezüglichen Beschluss faffcn zu können, und steht cs zu erwarten, dass unser Verein, gleich allen anderen gleicher Tendenz, von dcr Einsicht geleitet, dass nur durch ein gemeinschaftliches Zusammenwirken Wcscntiichcs geleistet lverden könne, gerne dazu die Hand bieten werde, sich zu einem Ccntralbunde zu vereinigen. I. Knnstadt, Oberrabbiner. Russland. Elisabrthgrad, 18. October 1892. Traurige Nachrichten zümcift fljctfc ich dieses Mal unseren Lesern mit. Aus Moskau sind alle Mitglieder dcr Bcgräbniscommissiou ausgcwiesen worden. Auch den Rabbiner soll dieses Schicksal getroffen habest. Ferner wird projectirt, alle jüdischen Hebammen, Provisoren und Rechtsanwälte ans Moskau auszuwciscn. Schlimmes ist auch in Charkoff vorgckvmmen Jetzt findet in dieser Stadt die Messe statt, zu welcher viele Juden gekommen sind. Dce Polizei machte eine Streifjagd und setzte 800 Juden ins Gefängnis. Da der Raum desselben sehr beschränkt ist, so siele» einige in Ohnmacht, einer starb. Mit Vergnügen rcgistrirc ich hier eine Nachricht aus dem heiligen Lande, welche ich in dcr russischen Presse lese. Das Lesezimmer, welches Herr T c m k i n vor zwei Jahren in Jaffa gegründet hat, besitzt schon 2000 Bücher und 32 Zeitungen. Die Fleißigsten dcr Besucher sind di- Colonistcn. Der Odcffaer „Verein zur Unterstützung dcr Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina“ bewilligte eine jährliche Spende von 1500 Francs für dieses Lesezimmer. Zwi. Türkei. Jerusalem, den 18. October 1892. Die Zahl der Passagiere, lvelche die neucrbaute Eisenbahn Jaffa-Jerusalem ' benützen, steigt von Tag zn Tag. Die Fahrt dauert drei Stunden. Auch ist dcr Frachtcnvcrkchr ein sehr reger. Leider kostete die Bahn schon ein Menschenleben. Die Fellachen sind nemlich mit der neuen Einrichtung noch ganz unbekannt, und so suchte sich einer derselben just auf den Schienen den Platz für ein Schläfchen aus. Der arme Mensch kain um. — Demnächst soll in der Colonie Sichron-Jacob eine Seifenfabrik von dem Protcctor errichtet werden. _ Amitlii. Chronik. Ueber Leon Gordo« sicht gelegentlich seines Ablebens auch die assimilatorische jüdische Fachpresse zu schreiben sich genötigt. Den Mann kann inan doch nicht mehr verschweigen, man fürchtet doch unbewußt die Verdammung zukünftiger Geschlechter. Manche dieser Zeitschriften widmen ihm sogar große Artikel, so die „Allgemeine Zeitung des Judentums“. Von dieser Seite freut einem ein Zugeständnis wie folgendes: „Er war der größte hebräische Dichter der neuen Zeit. Sonst nichts. Aber ist das nicht genug und sehr viel? Freilich für diejenigen, welche von dcr Renaissance dcr hebräischen Dichtung in diesen Tagen auch nicht eine Ahnung haben, wird das sehr wenig bedeuten; aber für diese und von diesen spreche ich nicht. Ich spreche zu denjenigen von Leon Gvrdvn, die da wissen, welch' eine merkwürdige, ungeahnte Entwicklung, welch' einen mächtigen Aufschwung die Pflege der hebräischen Sprache und Dichtung in diesem Jahrhundert im slavischen Osten genommen hat.“ Ja, wenn Herr Dr. Karpcles — denn er hat offenbar den in Rede stehenden Artikel geschrieben — nur zu diesen, die da wissen u. s. w. spricht, dann spricht er Wohl am allerwenigsten zu seinem Leserkreis. Der wird auch kaum von der „A. Z. d. I.“ in dem Sinne erzogen sein, dass er den zum Teil tvirklich national gefühlten, die moderne hebräische Literatur und Gordon verherrlichenden Worten des Herrn Dr. Karpcles auch nur einiges Verständnis cutgegenbringen kann; desto mehr wohl der Phrase: „Es wäre vermessen, Leon Gordon mit Friedrich Schiller vergleichen zu wollen.“ Bezüglich seiner deutschjüdischen Koryphäen liebt das Aynmlatwnsludcntum die abgeschmacktesten Uebertreibungcn; einer hebräischen Größe gegenüber befleißt man sich nicht bloß. dcr Bescheidenheit — das wäre nicht tadelnswert — nein, man spricht von einer Inferiorität, obwohl niemand einen Vergleich fordert. Setlistironistrnng. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ bringt seit einiger Zeit „Indiskrete Briefe aus dcr Gemeinde Schcrmeisel von D. Kaßriel Pcßachsohn“, wobei nämlich Schennciscl den Typus einer kleinen deutsch-jüdischen Gemeinde, und D. Kaßriel Pcßachsohn dcn obligaten Eorrespondcnten für jüdische Zeitungen in einem solchen Neste darstellcn soll. Es ist nicht zu läugnen, dass besagte Artikelserie mit viel humoristischcin Talente geschrieben ist, was uns aber nicht hindern kann, daraus folgende köstliche Stelle, die das deutsche Assimilationsjudentum mehr lächerlich macht, als dies zehn Aufsätze der „S.-E.“ thun können, unfern Lesern mitzutcilcn: „Nachschrift: Für „Bon Nah und Fern“*) scheint die folgende Notiz geeignet: „In einer Zeit, wo die confcisioncllen Gegensätze in so schroffer Weise auseinanderplatzcn, ist cs doppelt erfreulich, darauf Hinweisen zu können, wie friedlich in Schermcisel die Bekenner der verschiedenen Religionen mit einander leben. Als Beweis sei angeführt, dass ein Mitglied unserer Gemeinde, Herr Meyer Schneider, bei den: diesjährigen Jahresfcstc der Schützengildc den ersten Schuß abgegeben und die Würde eines Schützenkönigs erhalten hat.“ Die jüdischen Studenten. Unter dieser Aufschrift bringt die „Allgcniciuc Zeitung des Judenthums“ einen Artikel, welcher manches Interessante und Bemerkenswerthe enthält. — Dem „gefeierten christlichen Professor“, der vor einigen Jahren in seiner Eigenschaft als Rector einem jüdischen Studenten, welcher sich um ein Stipendium, dcsicn Verleihung ganz vom Rector abhing, bewarb, die Antwort gab: „Dcr Staat hat. gar kein Intercssc. daran.,da.s.s Sic stud i rcn“, möchten wir kennen. Vielleicht' war's ' gar ein Deutsch- Freisinniger oder tvcnigstcns ein Nationalliberalcr. — Bemerkenswcrth ist auch dcr Satz: „Ein solcher Vertun (Untersiützungsvcrcin) kann in echt jüdischer Weise unter dem Banner des „GemiUns ehessed" einen Sammelpunkt für die jüdischen Eommilitoncn bilden, denen die Unterstützung ihrer armen Glaubensgenossen wichtiger erscheint, als dcr Kampf mit den antisemitischen Rowdies a u s „kru mm e S ä b e I“. Unsere Waffen sollen u n d m ü s s e n g c i st i g e W a f s e n b l c i b c n. — Wenn aber der Artikel feine Spitze offenbar, gegen die „Badenia“ in Heidelberg, resp. gegen das Bestreben, ähnliche Vereine in dcn anderen deutschen Universitätsstädten, namentlich Berlin, zu bilden, wendet — er verlangt vielmehr, dass in letzterer Stadt dcr dort bereits bestehende, „akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ Krystallisativnspunkt der neueren Organisativnsbestrctungcn werde, — so bezweifeln wir sehr, dass die „Badenia“ den Vorwurf dcr „krummen Säbel“ verdient, oder dass Herr Dr. Max Oppenheimer, der eben die Gründung von Vereinen nach Muster dcr „Badenia“ in dcr „A. Z. d. I.“ verlangt hatte, dabei den „Kampf mit dcn antisemitischen Rowdies“ im Sinne hatte. Fürst Kiounrrckr hat in einem der jüngsten Interviews dcn Antisemitismus als das „unrichtige Wanzcnmittel“ bezeichnet. Echt philosemitisch! Warum nur die - „Nene Freie Presse" diesen lapidaren Spruch nicht in ihren Artikel über das nahe Ende des Antiseniitismus ausgenommen hat. Argentinien. Noch immer kommen die widersprechendsten Nachrichten aus diesem Lande. Wir haben in voriger Nummer Herrn Oberst Goldsmid sprechen lassen; in nächster Nummer wollen wir argentinische Privatbriefe veröffentlichen, welche hochinterressant sind. Theilweise werden wir dieselben dem „llamslit/“ entnehmen, in dessen Spalten jetzt ein sehr grimmiger Kampf zwischen den Argentinienfteunden, namentlich dem übrigens zionistisch gesinnten Herrn Dr. Katzenelle nsohn, und den Argentiniengegnern, besonders dem Redacteur des Blattes, Herrn Alexander Z e d e r b a u m , geführt wird. *) So heißt nämlich eine Rubrik dcr „A. Z. d. I.“, in welcher, nebenbei erwähnt, jüngst auch die Unwahrheit zu lesen war, dass „das Organ der „Indisch-Nationalen" in Oesterreich, die „Selbst-Emancipation", . fortab nur halbmonatlich, statt wie früher allwöchentlich, erscheint."