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Selbst-Emancipation · 1892-11-15 · Heft 21 (15.11.1892) · p. Seite 203

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 21 (15.11.1892)
Date
1892-11-15
Page
Seite 203 (sequence 5)
Language
German
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^Nr. 21. politischen Zukunftsschreckbilder, wie das Vordringen Russlands nach Palästina einerseits und die Möglichkeit' von Krcuzzügcn andererseits sind, wie ich dies bei anderen Gelegenheiten bereits genauer ausgeführt habe, Ausgeburten einer recht bedauernswerten Kannegießeret, der ich hier nur kurz die Fragen entgegensetzen möchte: „Wo bleibt Europa?" und „Ist das Mittelalter, als Zeitalter der Rcligionspolitik nicht längst vorüber?" Dagegen ist das Vorhandensein von politischen Schwierigkeiten in der Gegenwart nicht zu leugnen. Wie denselben bcizukommcn ist, darüber hier zu sprechen wäre verfehlt. Das wird übrigens die Zeit am besten lehren. Es sind sicher schon schwierigere Dinge vdllbracht worden. Ein Volk aber kann und muss ein Ziel erreichen, wenn cs dies will, ernstlich will. So auch wir. Es gibt nur eine Partei welche einem Volke als solchem gar nicht das Bedürfnis znschrcibt, Ziele zu haben. Nur die Menschheit habe ein solches, und dieses sei die Befreiung des Proletariats von dem Joche des Capitalcs. Es sei hier nicht untersucht, inwieweit diese Behauptung gegenüber den anderen - Völkern richtig ist, gegenüber unserem Volke ist sie es sicherlich nicht. Jude sein ist gegenwärtig ein Unglück, und wenn jemand Proletarier und Jude ist, so trägt er ein doppeltes Unglück. Bis die Socialisirung der Gesellschaft durchgeführt ist, wird wohl im besten Falle eine lange Zeit vergehen. Es ist daher nicht einzusehen — wenn dann wirklich schon mit einem Schlage aller Judenhass in eitel Wolgesallen sich auflösen sollte, — warum die Juden bis dahin neben der wirtschaftlichen Roth noch ein Extraleid tragen sollen, warum sie bis dahin nicht einmal die Stufe des Glückes betreten sollen, welche die heutige Gesellschaftsordnung gewährt. Außerdem ist das Judentum eine Eigenart, deren Erhaltung und Entfaltung dem Menschengeschlechte gerade int Interesse der,socialen Frage nothwendig ist. Bei aller Achtung vor den Überzeugungen der jüdischen Socialisten und bei allem innigen Verständnisse für dieselben kann ich in ihrem Stürmen und Drängen nur das Erbübel des Juden sehen, immer neuen Phantomen nachzujagen, neue Umwege einznschlagen, und nie den einzig richtigen Weg der Volkserlösung gehen zu wollen. Die Enttäuschung könnte noch bitterer werden, wie bei allen früheren Versuchen. Auch die sociale Aera loird ihre Ghetti habe», wenn sich das jüdische Volk bis dahin nicht ans eigene Füße gestellt hat. Wir müssen wollen. Das ist das Geheimniss unserer Rettung. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, sagt ein deutscher Dichter; acccptiren >vir dieses Wort. Vereinigen wir unS alle Inden der Welt in dem Gedanken der nationalen und socialen Erlösung Israels. Der Gedanke verstösst nicht wieder unsere Pflichten gegen das Land, in welchem wir geboren und erzogen wurden, gegen das Volk, unter dem' wir leben. Unsere Ideale collidiren auf keinem Punkte mit unseren patriotischen Verpflichtungen. Im Gegcnthcilc. Pflichterfüllung gegenüber unserem Volke wird uns die Nutzanwendung ans unsere Geburtsländer lehren, und unseren trotz aller Assimilationsphrasen oft recht mechanischen Patriotismus dnrchgeistigen. Jeder von uns besitzt eine Heimat, aber unser Volk besitzt keine; die letztere schaffen zu wollen ist keine Sünde gegen die ersterc. Auch die lächerliche Furcht vor dem Slntiseniitisinns darf uns nicht hindern, den Weg der nationalen Selbsthilfe zu beschrciten. Der Antisemitismus ist mit allent unzufrieden, was von uns ausgcht. Wir besserten ihn nicht durch Assimilation und reizen ihn nicht durch Nationaljudentum. Überhaupt wollen wir in allererster Linie auf unser eigenes wohlverstandcnes Volksinteressc sehen und das verlangt von uns den Bruch, den bewussten Bruch mit dem bisherigen Systeme. Nationale Idee, hebräische Sprache, Zion sind die drei Losungsworte der neuen Aera des Judentums. Wer ein jüdiches Herz in seiner Brust hat, ein Herz, welches die glän- ©ette_-203._ zende Perspective eines geeinigten und erlösten Israels freudig erbeben macht, wer sich losniachen kann von den Schlacken, Flittern und Phrasen einer mit tausend Zungen gepredigten, seit seiner Jugend ihm eingeflüsterten Falschlehre, — der wird sich anschließen der einzigen und wahren jüdischen Volkspartei, den Zionisten. OriginaL-Torrespvndenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien» den 6. November 1892. Man wciss, dass die Tagespresse, soweit sie von unseren Stammesgcnosseu geleitet wird, jährlich wenigstens einmal den Antisemitismus unter großem Glockengeläute zu Grabe trägt. Namentlich unsere „Neue Freie Presse" versteht dies sehr gut. Ergötzlich ist ihr diesbezüglicher Artikel vom 30. v. M. Sic zählt alle Ereignisse aus, die das nahe Ende des Antisemitismus verkünden, voin Zaren, der die Gelder der französischen Antisemitcn nicht annimmt, bis zu dem Erlass des hessischen Staatsministeriums. Was den Zaren betrifft, so möge sich die „Neue Freie Presse" bei der Nase nehmen und ihren Artikel „Wiener Börsenwochc" in derselben Nummer gefälligst lesen. Auf die Fructificirung der tadelnden Worte des Kaisers über die Scandale des Landtagsabgeordnetcn Schneider wollen wir nicht zu sprechen kommen. Der Stöcker, der angeblich schon mit einem Fuße außerhalb des Antisemitismus stehen soll, ist einstweilen bei den Wiener Antisemiten zu Gaste. Das hessische Staatsininisteriuni aber, das löblichcrweise seinen Beamten, welche „bisher", wie die jüdischen Fachblättcr m köstlicher Naivetät verkünden, „dem Antisemitismus zuneigten", diesen untersagte, wird wohl auch nicht die Bolksströmung verbieten können. — Wir sehen keinen Anlass zum Jubel, der die Juden nur über ' ihre wahre Lage täuscht. Unsere Leser wissen, wie sich Dr. Lueger und Dr. F r i c d j u n g um das Deutschthum des Letzteren herumstritten. Im weiteren Verlause dieses schönen Streites machte Lueger gegenüber dem Vorwürfe Friedsnugs, er habe ihn geschmäht, die Bemerkung: „Es ist doch keine Schmähung, wenn man Jemandem sagt, und zwar nicht einmal wortdentlich sagt, dass er ein Jude ist, dass er nicht deutsch sei". Ob Fried jung diesen blutigen Hohn zu fassen vermag. Es ist kaum anznnehmcn. Wien, den 10. November 1892. Das k. k. Ministerium des Innern hat an den Statuten des Verbandes „Z i o n" einige Formfehler gefunden. Diese sind bereits verbessert und die Statuten auf's Neue eingereicht worden. Hoffentlich sind wir in einem Monate im Besitze der Genehmigung. Einstweilen beschäftigt sich ein provisorisches Executivcomitö mit den nöthigen Vorarbeiten und bemüht sich namentlich wegen Vermehrung der Anzahl der Zweigvereine. Bezüglich Tarnow's und Radautz's wolle man die untenstehenden Eorrespondenzen aus diesen Städten lesen. In S t r y j faßte der dortige Eolouisationsverein „Ackmas Israel" den Beschluss, sich dem Verbände anzuschließen. In K r a k a u wurden die vom dortigen Gründungscoinite eingereichten Statuten für den Einzelverein wegen Formfehler nicht bestätigt. Demnächst werden sie wieder neuerlich der Behörde unterbreitet werden. In Horazd o w i tz wird an die Gri'nrdung einer Ortsgruppe gedacht. In Wien wird am 19. d. M. eine Generalversammlung des „Admaih Jeschttrun“ stattfinden, bei welcher die durch die Bildung des Verbandes nothwcndigen Aenderungen der Vereinsstatuten vorgenommcn werden. Tarnow, am 19. Octobcr 1892. Der Ausschuss des Vereines „Aliavas-Zion“ hat bei der mit_ 8. l. M. stattgehabten Sitzung eine Commission behufs Ausarbeitung eines dem Statute des „Zion", „Verbandes der österreichischen Selbst-Emancipation

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